Auf einer Mobilfunkmesse in Barcelona Auf einer Mobilfunkmesse in Barcelona  (BRUNA CASES)

„Zukunft der Menschheit liegt nicht in Technologie“

„Quo vadis, humanitas? – Wohin gehst du, Menschheit?“ So heißt ein neues Dokument der Internationalen Theologischen Kommission. Es wurde an diesem Mittwoch vom Vatikan veröffentlicht.

Isabella Piro – Vatikanstadt *

Der Text, der von Leo XIV. genehmigt wurde, will eine „theologische und pastorale“ Antwort auf die beispiellose technologische Beschleunigung geben, die wir derzeit erleben. Er stützt sich dabei namentlich auf die Konstitution „Gaudium et spes“ des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-65) – speziell auf dessen Forderung nach einem offenen Dialog zwischen Kirche und Welt sowie auf die ganzheitliche Sicht des Menschen als „Einheit von Körper und Seele, Herz und Gewissen, Verstand und Willen“.

Zwischen Trans– und Posthumanismus

Das erste der vier Kapitel des Dokuments geht auf zwei denkerische Phänomene unserer Zeit ein, den Trans– und den Posthumanismus. Im Transhumanismus geht es darum, durch Wissenschaft und Technologie die Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern und dabei ihre physischen und biologischen Grenzen zu überwinden. Der Posthumanismus hingegen träumt sogar davon, den Menschen zu ersetzen; dabei ist von einem Hybrid die Rede, der die Grenze zwischen Mensch und Maschine verschwimmen lässt. Zwischen diesen beiden Polen verortet das Theologenpapier den christlichen Glauben. Dieser Glaube lade dazu ein, eine Synthese des Menschlichen in Jesus Christus zu suchen: dem Sohn Gottes, der Mensch geworden, gestorben und auferstanden ist.


Das Digitale als Lebensumfeld

Das Dokument befasst sich eingehend mit der digitalen Technologie. Diese sei längst „nicht mehr nur ein Werkzeug, sondern ein echtes Lebensumfeld“, das menschliche Aktivitäten und Beziehungen strukturiere. Daraus ergeben sich nach dem Dafürhalten der beim vatikanischen Glaubensdikasterium angesiedelten Theologenkommission eine Reihe von Risiken: Im Umweltbereich führt die Ausbreitung der künstlichen Welt zu einer Wirtschaft, die auf unbegrenzter Ausbeutung von Ressourcen im Namen des maximalen Profits basiert. „Tragische Folgen“ sind die ökologische Schuld des Nordens gegenüber dem Süden der Welt, wilde Urbanisierung und umweltverschmutzende Rohstoffpolitik. In den Beziehungen zu anderen wiederum kann die digitale Revolution dazu führen, dass sich der Einzelne angesichts der Informationsflut und der rein virtuellen Kontakte unbedeutend fühlt.

Die zunehmende Macht der KI

Die Macht der künstlichen Intelligenz (KI) nimmt immer mehr zu, konstatiert das Theologendokument. In einer hypervernetzten Welt laufen wirtschaftliche, politische, soziale oder militärische Dynamiken Gefahr, „unkontrollierbar und damit unregierbar“ zu werden. Dieses ungünstige Szenario bedroht auch die Kommunikation an sich. Zwar hat die technisch-wissenschaftliche Entwicklung durchaus ihre Vorteile (beispielsweise „eine aktive Bürgerschaft“, „direkte und partizipative Information“ und „unabhängige Information“). Doch ist der „unendliche Markt an Nachrichten und personenbezogenen Daten nicht immer überprüfbar und oft manipuliert“. Die Massenmedien von heute sind nicht mehr neutral, und daher fordert ihr Einfluss auf Ethik und Kultur die Anthropologie heraus.


Die Infosphäre und die Krise der westlichen Demokratien

In der „Infosphäre“ ist sich der Einzelne zunehmend unsicher, was seine Identität betrifft, und bemüht sich daher um die Anerkennung durch andere – nicht selten durch die „Verfälschung der Realität“ oder durch die Durchsetzung der eigenen Rechte „gegen den anderen“. Daraus entstehen soziale Konflikte, die oft zu Identitätskonflikten werden. Und daraus entsteht nicht zuletzt „die aktuelle Krise der westlichen Demokratien“: Es wird immer anstrengender, sich dessen zu versichern, „was uns alle als Menschen untereinander verbindet“. Das neue Dokument aus dem Vatikan warnt vor einer „Tribalisierung“ der politischen Debatte, vor einer Fragmentierung in stark polarisierte Gruppen, die sich „konfliktreich und gewalttätig“ gegenüberstehen.

„Human Enhancement“ und die Suche nach einem Gleichgewicht zwischen Technologie und Mensch

Die Informationsrevolution verändert auch die Art und Weise, wie Wissen wahrgenommen wird: Oft beschränkt sich dessen Horizont lediglich auf das, was die KI verarbeiten kann. Die Prinzipien der Philosophie, Theologie oder Ethik werden in einem solchen Ambiente als subjektive oder gar als „Geschmacksfragen“ eingestuft. Das Gleiche droht im Bereich des Körperlichen: Zwar sind einerseits die Fortschritte der Biotechnologie für die Gesundheit und das Wohlbefinden der Völker zu begrüßen. Doch warnt das neue Dokument andererseits vor der Ausbreitung eines „Körperkults“. Vor allem im Westen wachse dieser Trend zu einer „perfekten Figur, immer in Form, jung und schön“.

Als ebenso riskant wird die menschliche Leistungssteigerung etikettiert: Damit sind alle biomedizinischen, genetischen, pharmakologischen und kybernetischen Technologien gemeint, die darauf abzielen, die Fähigkeiten des Menschen zu verbessern. Dieses Konzept darf nicht „ohne Grenzen und Vorsicht“ angegangen werden; vielmehr braucht es ein Gleichgewicht zwischen „dem technisch Möglichen und dem menschlich Sinnvollen“.


Das Verhältnis zwischen Digitalem und Religion: Licht und Schatten

Auch zum Verhältnis zwischen digitaler Technologie und Religion bemüht sich das Theologendokument um eine umfassende Reflektion, notiert sowohl positive Aspekte (wie den leichten Zugang zu Wissen und Informationen) als auch negative. Zu letzteren gehört die Schaffung eines „riesigen religiösen Marktes“ im Internet, der eine Auswahl à la carte nach individuellen Interessen bietet, oder auch eine bestimmte christliche Kommunikation, die in sozialen Netzwerken „Kontroversen schürt und sogar den guten Ruf anderer Menschen zu zerstören trachtet“. Es geht noch schlimmer: In einer „Metamorphose des Glaubens“ wirft sich die Technologie letztendlich zum „spirituellen Führer und Vermittler des Heiligen“ auf. Dazu nennt das Theologenpapier extreme Beispiele, etwa „virtuelle Segnungen und Exorzismen“.

Die Amnesie der Kultur

Das zweite Kapitel des Dokuments konzentriert sich auf die ganzheitliche Berufung des Menschen aus christlicher Sicht. Als Fixpunkte im Koordinatensystem werden Zeit, Raum und Beziehung bezeichnet. Erster Punkt: Die Zeit. Leider sei der Sinn für Geschichte heute weitgehend verlorengegangen, alles werde auf eine „in sich geschlossene Gegenwart“ reduziert, die „Amnesie der Kultur“ greife um sich, weil die Technologie alles zeitgenössisch erscheinen lasse. „Aber eine Gegenwart, die keine Vergangenheit mehr kennt, hat auch keine Zukunft mehr“ – und damit auch keine Hoffnung. Dies kann zu „Formen des Revisionismus und Negationismus“ sowie zu Populismus führen. Demgegenüber präsentiert sich das Evangelium als „Gegenkultur“. Jesus Christus als Schnittpunkt zwischen der Zeit des Menschen und der Ewigkeit Gottes gibt der „beschleunigten Geschichte“ einen Sinn.


Das Phänomen des „urbanen Zeitalters“: Weltbürger und Nomade

Zweiter Punkt: der Raum. Hier denkt das Dokument der Internationalen Theologischen Kommission zunächst über das Phänomen des „urbanen Zeitalters“ nach, d. h. über die Bildung von Metropolregionen, die Zentren und Peripherien in riesigen Räumen zusammenführen (was natürlich nicht ohne Probleme abläuft). Darüber hinaus machen die globale Kultur und die Leichtigkeit der Mobilität den Menschen zwar zum „Weltbürger“ – aber auch zum „Nomaden“, der in anonymen und einheitlichen Nicht-Orten wie Flughäfen und Einkaufszentren umherirrt. „So geht die Figur des Pilgers verloren“, d. h. die Figur eines Menschen, der, ohne die Verbindung zu seinem Land zu verlieren, sich auf den Weg macht, um dem Ruf Gottes zu folgen.

Der globale Raum leistet zudem „Gefühlen der Invasion“ Vorschub. Damit ist gemeint, dass man in anderen Menschen vor allem eine Bedrohung sieht. Also werden dort Grenzen gezogen, wo der Christ lieber eine „Schwelle“ hätte, also einen Bereich, in dem es zum Kontakt mit dem Mitmenschen kommt. Christus „öffnet den Raum der Völker und Menschen“ und macht ihn zu einem gastfreundlichen Ort – in einer heilsamen Gegenwart, und auf dem Weg in eine transzendente Zukunft.


Beziehungen als Damm gegen die vereinheitlichende Globalisierung

Dritter Punkt: Beziehung. Das zielt auf die Intersubjektivität, verstanden als die konkrete Zugehörigkeit des Menschen zu einer Familie, zu einem Volk, zu einer Tradition. Diese Zugehörigkeiten, so betont das Dokument, prägen die persönliche Identität und bilden „sozusagen einen Damm gegen die Ausbreitung der vereinheitlichenden Globalisierung“. Im Namen der Geschwisterlichkeit und der sozialen Freundschaft (zwei Begriffe, die dem verstorbenen Papst Franziskus besonders am Herzen lagen; man denke nur an seine Enzyklika Fratelli tutti von 2020) bricht das Theologenpapier eine Lanze für „Einheit in der Vielfalt“. Auch der Weg der Kirche müsse offenbleiben für Verschiedenheiten. Weitere Thematiken, die das zweite Kapitel anspricht, sind das Prinzip des Gemeinwohls und die Aufmerksamkeit für die Ärmsten. Diese laufen aufgrund der technologischen Macht Gefahr, zu „Kollateralschäden“ zu werden, die „gnadenlos weggefegt werden.

Die unendliche Würde jedes menschlichen Lebens

Die ganzheitliche Berufung des Menschen ist nach Darstellung der Theologen eng mit der Verwirklichung von Liebe verkettet: Schließlich ist das Leben eines jeden Menschen ja Frucht der „schöpferischen Liebe des Vaters“, der ihn schon geliebt hat, bevor er seine Glieder formte. Daraus ergibt sich, dass „jedes menschliche Leben an sich einen unendlichen Wert hat“ und dass der Mensch keiner politischen, wirtschaftlichen oder sozialen Maßnahme unterworfen werden darf, die seine unendliche Würde mindert. Leider wird heute, vor allem im Westen, einer „Kultur der Nichtberufung“ Vorschub geleistet, die jungen Menschen die Offenheit für den letzten Sinn des Daseins und für die Hoffnung nimmt.

Identität reift in der Liebe

Identität ist das Thema des dritten Kapitels: „Kein Mensch kann glücklich sein, wenn er nicht weiß, wer er ist“, bekräftigt das Dokument. Daher sei es die Aufgabe jedes Menschen, wirklich er selbst zu werden und die Welt nach Gottes Plan zu verändern. Als geliebte Kinder des Herrn bilden Menschen ihre Identität vor allem in der Liebe aus. Dazu gehört, „die Geschlechtlichkeit als Geschenk anzunehmen und nicht als Gefängnis, das uns daran hindert, wirklich wir selbst zu sein, oder als biologisches Material, das verändert werden muss“.


Zwischenmenschliche Beziehungen und die Beziehung zum Kosmos

Je authentischer der Mensch Beziehungen lebt, desto mehr reift seine persönliche Identität, betont das Theologenpapier. Ein Geschenk für andere zu sein, wird somit zur Antwort des Menschen auf die Berufung zu einer „sozialen Gemeinschaft“. Zu dieser Gemeinschaft gehören die Fähigkeit, andere aufzunehmen und feste Bindungen zu knüpfen; Dialog und Zuhören; und schließlich das Recht, man selbst und anders als andere zu sein. Das Dokument unterstreicht auch die Rolle des Menschen als Verwalter der Schöpfung.

Die polaren Spannungen der menschlichen Identität

Das vierte und letzte Kapitel des Dokuments analysiert den Prozess der Verwirklichung der menschlichen Identität, der durch „Spannungen oder Polaritäten“ gekennzeichnet ist: zwischen Materie und Geist, männlich und weiblich, Individuum und Gemeinschaft, Endlich– und Unendlichkeit. Diese Spannungen „sollten nicht in einer dualistischen Logik interpretiert“, sondern durch eine einheitliche Brille gedeutet werden; in der Zusammenschau des Verschiedenartigen zeige sich der „Wert der Differenz“. Hier darf natürlich ein Verweis auf die göttliche Dreifaltigkeit nicht fehlen: „Trinitarisches Leben“ meint, dass sich die Beziehung zwischen zweien nicht in sich selbst verschließt oder den jeweils anderen aufhebt, sondern „sich der Erfüllung im Dritten öffnet“.

Vor allem bleibt durch die polaren Gegensätze „die ursprüngliche Gabe, das vorausgeht und begründet, intakt“. Die „vollkommene Harmonie“ zwischen den Personen der göttlichen Dreifaltigkeit gemahnt an die universelle Geschwisterlichkeit aller Menschen und kommt in der Eucharistie zum Ausdruck, die „die menschlichen Beziehungen erneuert und sie für die Gemeinschaft öffnet“.

Das Beispiel der Jungfrau Maria

In seinem Resümee unterstreicht das Dokument der Theologenkommission, dass „die Zukunft der Menschheit nicht in den Labors der Biotechnologie entschieden wird, sondern in der Fähigkeit, die Spannungen der Gegenwart zu leben“, ohne dabei das Bewusstsein für die Grenzen und die Offenheit für das Geheimnis des auferstandenen Christus zu verlieren. Ein Beispiel dafür ist die Jungfrau Maria: Sie hat die Gabe Gottes in freier Entscheidung angenommen und wird damit zum „Paradigma“ des Menschen, der sich in Fülle verwirklicht.

Das neue Dokument der Internationalen Theologischen Kommission ist bisher nur auf Italienisch verfügbar; mit einer Übersetzung ins Deutsche ist in absehbarer Zeit zu rechnen. Sämtliche Verlautbarungen der Kommission werden im Internet veröffentlicht.

* Der italienische Originaltext wurde von Stefan v. Kempis ins Deutsche übertragen und angepasst.

(vatican news)
 

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04. März 2026, 12:05