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Radioakademie Februar: Künstliche Intelligenz – Chance oder Gefahr? (1)

Wie steht der Vatikan eigentlich zu Thema Künstlicher Intelligen? Papst Franziskus hatte immer wieder auf die Risiken und Gefahren hingewiesen, die damit verbunden sind, doch auch die Möglichkeiten für eine positive Nutzung verortet. Leo XIV. scheint es ähnlich zu halten. Wie es in Europa mit der Reglementierung von Künstlicher Intelligenz aussieht, damit befassen wir uns schwerpunktmäßig in unserer ersten Sendung der Radioakademie für Februar 2026.

Christine Seuss - Vatikanstadt

Es ist Papst Franziskus zu verdanken, dass er das Thema während seines Pontifikates als eine der großen Menschheitsfragen im aktuellen Kontext identifiziert hat – und die Kirche somit zu einer der mahnenden begleitenden Stimmen der in verschiedenen Erdteilen völlig unterschiedlich bewerteten und regulierten Technologie werden konnte.

Unvergessen bleibt der Auftritt von Papst Franziskus beim G7-Gipfel in Apulien, wo er vor Staats- und Regierungschefs im Juni 2024 eine große Grundsatzansprache hielt, in der er dringend dazu aufrief, beim Umgang mit Künstlicher Intelligenz die Menschenwürde als Richtschnur zu bewahren. Italien als Gastgeberland freute sich sichtlich über den Coup, mit einem derart prominenten Gastredner aufwarten zu können – nicht zuletzt, als die Positionen von Italien und dem Vatikan in der heiklen Frage der Künstlichen Intelligenz gar nicht allzu weit voneinander entfernt sind. Einer der Chefberater der italienischen Regierung in Sachen KI – der übrigens auch im Komitee für Künstliche Intelligenz der Vereinten Nationen sitzt – ist Paolo Benanti. Der Franziskaner gilt nicht nur hinter vorgehaltener Hand als Ghostwriter der Vatikandokumente zum Thema. Mit ihm werden wir im weiteren Verlauf unserer Sendereihe gesondert sprechen.

Im Zentrum des Epochenwandels

Ein besonders wichtiges Grundsatzdokument zum Umgang mit Künstlicher Intelligenz seitens des Vatikans ist ohne Frage Antiqua et nova, gemeinschaftlich herausgegeben im Januar 2025 durch das Glaubensdikasterium und das Dikasterium für Kultur und Erziehung, mit der Unterschrift von Papst Franziskus versehen. Doch auch die Päpstliche Akademie der Wissenschaften, die Päpstliche Akademie für das Leben und zahlreiche weitere vatikannahe Institutionen haben sich in den letzten Jahren mit zunehmender Intensität des Themas angenommen.

Alles in allem besteht ein breiter Konsens darüber, dass die KI eine neue und bedeutsame Phase in der Beziehung der Menschheit zur Technologie markiert und im Zentrum dessen steht, was Papst Franziskus als „Epochenwandel“ bezeichnet hat,

heißt es denn auch in dem eben erwähnten Dokument Antiqua et Nova, das auf der Vatikanwebseite auch in einer deutschen Übersetzung vorliegt.

Einhelligkeit besteht in den Vatikanaussagen zu dem Thema seit jeher darüber, dass die Entwicklung und Nutzung der Künstlichen Intelligenz zwar viele Möglichkeiten biete, aber auch große Risiken berge und vor allem die Menschenwürde unter allen Umständen zu schützen sei. Das betrifft nicht nur die Tatsache, dass möglichst alle Menschen niederschwellig Zugang zu Tools Künstlicher Intelligenz erhalten sollten, sondern auch, dass alle Menschen in die Lage versetzt werden sollten, das Tool bewusst und eingedenk nicht nur der Chancen, sondern auch der Risiken einzusetzen, und insbesondere, dass moralisch heikle Entscheidungen niemals einer Maschine überlassen bleiben dürften. Ein Paradebeispiel dafür, was damit gemeint ist, ist der momentan besonders heiß diskutierte Einsatz von automatisiert gesteuerten Kampfdrohnen in Konflikten.

Ein rechtlicher Rahmen für die digitale Welt

Nicht umsonst scheiden sich an der neuen Technologie die Geister. Einer der Menschen, die sich besonders eingehend mit dem Thema der Künstlichen Intelligenz befasst haben und nach wie vor befassen, ist Paul Nemitz. Er war seit 2017 als Chefberater der EU-Kommission im Bereich Rechtspolitik der Europäischen Union unter anderem für Justiz und Verbraucherschutz zuständig und in dieser Funktion auch an der Ausarbeitung des AI-Acts beteiligt, also des Regelwerkes der Europäischen Union in Sachen Künstlicher Intelligenz, das 2023 verabschiedet wurde. Eine Initiative, mit der die europäische Union international gesehen eine echte Vorreiterrolle eingenommen hat. Wir wollten dazu näheres von dem Experten wissen:

„Im letzten Mandat der Europäischen Kommission und des Europäischen Parlaments sind eine ganze Reihe von Gesetzen auf europäischer Ebene verabschiedet worden, die einen neuen Rahmen setzen für das für die digitale Welt“, erklärt uns Paul Nemitz. „Dazu gehört die gesetzliche Regelung über die digitalen Dienste, die das Verhalten von Plattformen regelt, etwa der Verkaufsplattform Amazon oder der Plattform von Googlesuche und YouTube, aber auch anwendbar zum Beispiel auf den Kurznachrichtendienst X von Elon Musk. Dazu gehören auch strengere Regeln im Wettbewerbsrecht und dazu gehören auch die neuen Regeln über die künstliche Intelligenz.“

„Europa ist vorne, was die Umsetzung von ethischen Prinzipien in Recht betrifft“

Ebenfalls im AI-Act der Europäischen Union (Art. 4) festgehalten: Die Aufforderung, dass Arbeitgeber dafür sorgen müssen, dass ihre Mitarbeiter adäquat im Umgang mit den neuen Medien geschult werden. Die Gesellschaft für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit OECD geht mittlerweile noch einen Schritt weiter und fordert, dass bereits in der Ausbildung nicht nur die Medienkompetenz gestärkt werden sollte, sondern auch die Kompetenz, „mit digitalen Inhalten und Plattformen ethisch und verantwortungsvoll zu interagieren“, wie sich in der Definition des Projektes „PISA 2029 MAIL Assessment“ liest. Dabei geht es um die Fähigkeit, Glaubwürdigkeit, Qualität und Zweck digitaler Medien zu beurteilen. MAIL steht als Akronym für Media & Artificial Intelligence Literacy.

„All dies sind neue Gesetze, die erste Generation“, gibt Paul Nemitz jedoch mit Blick auf den AI-Act zu bedenken. „Und wir werden beobachten müssen, wie in der Praxis diese gesetzlichen Regeln umgesetzt werden. Das ist alles nicht einfach. Die gesetzlichen Regeln sind schwierig, denn sie sind natürlich Gegenstand eines politischen Kompromisses. Die Mehrheiten im Europäischen Parlament und auch in der Europäischen Kommission sind derart gelagert, dass - salopp formuliert - letztlich nur die Hälfte des Guten und Notwendigen durchkommt. Es gibt immer eine sehr große Fraktion oder ein, zwei oder drei Fraktionen, die dafür plädieren, weniger in die Wirtschaft eizugreifen und dafür, dass sich die Technologie doch einfach mal entwickeln sollte und dass freies Unternehmertum nötig sei. Und wenn dann Kompromisse gemacht werden müssen, heißt das am Ende, dass eine gesetzliche Regelung weniger effektiv ist und auch schwieriger umzusetzen ist. Eines ist jedenfalls klar: Europa ist vorne, was die Umsetzung von ethischen Prinzipien in Recht betrifft. Und das ist eine gute Sache", meint Nemitz.

Denn dass man diese Technologie nur der Ethik - und damit individuellen Wahlentscheidungen - überlasse, wäre seiner Überzeugung nach eine „katastrophale Vorstellung":

„Wir brauchen Regeln, an die sich alle halten müssen. Und insofern ist es eine gute Sache, dass der europäische Gesetzgeber überhaupt in der Lage war, sich über diese Themen in Form von Gesetzen zu einigen. Das ist nämlich in anderen Erdteilen nicht der Fall“, so Nemitz.

„In Amerika sehen wir, dass in dieser polarisierten Gesellschaft in Washington über Bundesgesetze zur Einhegung dieser Technologien und der auch mit diesen Technologien verbundenen ökonomischen Macht in Washington überhaupt keine Einigungen mehr zustande kommen. Und das ist ein Versagen der Demokratie“

Nicht umsonst geht sein Blick über den Teich: Bei einem Auftritt in Davos 2025 hatte der US-Vize Vance die Europäische Union scharf dafür kritisiert, überhaupt ein übergreifendes Regelwerk umsetzen zu wollen. „In Amerika sehen wir, dass in dieser polarisierten Gesellschaft in Washington über Bundesgesetze zur Einhegung dieser Technologien und der auch mit diesen Technologien verbundenen ökonomischen Macht in Washington überhaupt keine Einigungen mehr zustande kommen. Und das ist ein Versagen der Demokratie. Wir können glücklich sein, dass in Europa unsere Demokratie noch funktioniert und diese gesetzlichen Regelungen, so imperfekt sie auch sein mögen, erst überhaupt mal zustande gekommen sind.“

Wie fragil allerdings die mühsam ausgehandelten Kompromisse sein können, lässt sich auch aktuell beobachten – das neue Europäische Parlament, das für die Wahlperiode 2024-2029 zusammengetreten ist, schraubt an einer neuen Regelung, Omnibus genannt, die für eine Vereinfachung der Bürokratie und weniger Verpflichtungen für Firmen in der Europäischen Union sorgen soll. Das klingt eigentlich erst einmal nicht schlecht. Doch es gibt auch eine Kehrseite der Medaille: mit diesem durch industrielle Lobbygruppen stark befürworteten Vorschlag wird auch an Grundpfeilern des IA-Actes gesägt, was sich in weniger Transparenz und mehr Freiheit der Strippenzieher auch im Bereich der Künstlichen Intelligenz niederschlagen könnte. Aktuell beginnen die Diskussionen zu diesem Vorschlag im EU-Ministerrat und im Parlament, eine Entwicklung, die man scharf beobachten müsse, gibt Paul Nemitz zu bedenken. Denn mit diesen im AI-Act festgeschriebenen Regelungen werde zumindest ein Versuch gestartet, die Konzentration von persönlichen Daten in der Hand von Technologie-Riesen zu begrenzen und einzuhegen – und somit unser demokratisches Verständnis zu bewahren.

Alles auf CD und in unserer Sonntags-Sendung

Falls Sie alle Folgen der Radioakademien, die Sie besonders interessieren, in Ruhe nachhören möchten: Wir schicken Ihnen gerne nach Ausstrahlung aller Folgen der Radioakademie zur Künstlichen Intelligenz eine CD mit der ganzen Serie zu. Ihre Spende kommt dem kirchlichen Dienst von Radio Vatikan zugute. Bestellen können Sie die CD per Mail an: cd@vaticannews.de – unser Freundeskreis versendet aus Deutschland. Jeweils am Sonntagabend um 18 Uhr auf unserem Webradio-Kanal und um 20.20 Uhr über die traditionellen Ausstrahlungswege zu hören.

Mehr zum Freundeskreis

Vergelt‘s Gott an den Freundeskreis an dieser Stelle auch nochmals für das Engagement und die vielfältige Unterstützung unserer Arbeit. Wer mehr zum Verein „Freunde von Radio Vatikan“ wissen möchte: Der Verein ist als gemeinnützig anerkannt. Neben dem Vorsitzenden Ludwig Waldmüller sind Marco Chwalek und Hans-Werner Lichter ehrenamtlich im Vorstand, sie unterstützen uns zum Beispiel tatkräftig mit dem Druck, Verpacken und Versand der CDs mit unseren Radioakademien. Aber auch Postkarten und Gedenkbilder organisiert der Verein, der unsere Arbeit auf verschiedenste Weise unterstützt. Wer Mitglied werden möchte oder mehr wissen will: Am einfachsten ist es, Sie schreiben eine Mail an den Vorstand. Die Mail-Adresse lautet: vorstand@radiovatikan.de.

(vatican news)

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01. Februar 2026, 09:03