Papst Leo XIV. (hier auf Lampedusa) Papst Leo XIV. (hier auf Lampedusa)  (@Vatican Media)

„Möge Gott uns auf Wegen der Gewaltlosigkeit führen“: Leo XIV. in Buch-Vorwort

Sämtliche Wortmeldungen von Papst Leo XIV. zu Krieg und Frieden seit seiner Wahl hat der Vatikanverlag LEV in einem neuen Buch gebündelt. Das Vorwort schrieb der Papst selbst, der Vatikan veröffentlichte es an diesem Dienstag. Leo ruft alle dazu auf, „den Frieden zum Anliegen des eigenen Lebens“ zu machen. „Möge Gott uns auf den Wegen der Gewaltlosigkeit führen“, so der Papst in seinem Text.

Der Band trägt den italienischen Titel „Disarmati e disarmanti. La pace è un dono“ („Unbewaffnet und entwaffnend. Der Frieden ist ein Geschenk“), bisher sind eine englische und eine spanische Übersetzung in Vorbereitung. Leo knüpft in seinem Vorwort an den Gruß Jesu „Friede sei mit euch!“ an, mit dem er sich selbst als eben gewählter Papst im Mai 2025 der Welt präsentierte. Frieden sei die große Sehnsucht vieler Menschen, so Leo mit Verweis auf Kriege in „nicht weniger als 103 Staaten“ derzeit.

Hier hören Sie ein Kollegengespräch zu dem Thema mit Mario Galgano und Gudrun Sailer

Als Illusion weist Leo die in der globalen Politik derzeit häufig zu hörende Vorstellung zurück, Friede sei durch Krieg zu erreichen. „Auch wer Krieg führt, sagt, er handle ,im Namen´ des Friedens. Niemand ist so dreist zu sagen, dass er Krieg um des Krieges willen will: Selbst die Mächtigen dieser Welt wissen, dass jeder Mensch nach Gerechtigkeit strebt und in Frieden leben möchte“, so der Papst wörtlich.

Leo verbindet den Friedensappell mit einer deutlichen Absage an atomare Abschreckung. „Nicht Atomwaffen schaffen Frieden, sondern Abrüstung“, schreibt er und warnt zum wiederholten Mal vor einem neuen Wettrüsten. Als literarische Stimme führt er Bob Dylan an, der von der Atombombe schrieb: „Ich hasse dich, denn du bist von Menschen gemacht und der Mensch besitzt dich und der Mensch hantiert mit dir.“

Ausdrücklich nennt der Papst den Namen eines russischen Offiziers, Stanislaw Petrow, der 1983 einen Fehlalarm nicht meldete und damit womöglich einen Atomkrieg verhinderte. „Das Gewissen eines einzelnen Menschen kann die ganze Welt wert sein“, resümiert Leo. Der US-amerikanische Papst stellt somit in seinem Text einen sowjetischen Offizier aus der Zeit des Kalten Kriegs als Helden des Gewissens vor.


Im Grund habe aber jeder Mensch in seinem eigenen Umfeld die Verantwortung, am Frieden zu arbeiten, so der Papst weiter. „Wir können von den Mächtigen dieser Welt keinen Frieden verlangen, wenn wir nicht selbst damit beginnen, ihn zu leben“, erklärte Leo XIV. Das fange bei alltäglichen Beziehungen an, „in unseren Familien, in unseren Häusern, in unseren Städten, an unseren Arbeitsplätzen.“

Jene, die angesichts der Kriege verzweifeln, bedachte Leo XIV. mit einem besonderen Zitat, das schon Papst Pius XI. (1922-1939) seinerzeit an die ganze Kirche richtete: „Danken wir Gott, dass er uns in schwierigen Zeiten leben lässt. Nun ist es niemandem gestattet, mittelmäßig zu sein.“ Leo schloss: „Möge Gott uns auf den Wegen der Gewaltlosigkeit führen. Mögen die Gläubigen und alle Menschen guten Willens niemals aufhören, als Friedensstifter zu wirken. Möge jeder den Frieden zum Anliegen seines Lebens machen.“

 

Hier das Vorwort von Papst Leo in voller Länge:

„Friede sei mit euch!“: Das war der erste Gruß, den der auferstandene Jesus an seine Apostel richtete (Joh 20,19). Das ist auch die erste Gabe, die der auferweckte Christus seinen Freunden und der ganzen Welt geschenkt hat: Frieden. Dies Gabe war jedoch kein »preiswertes Geschenk«: der verherrlichte Leib des Meisters aus Nazaret trug die Wunden der Passion. Er hat Hass, Gewalt und das „crucifige“ der Welt erlebt. Jesus Christus hat – unbewaffnet und entwaffnend – Unrecht erlitten und ist auferstanden. Die Verkündigung des Evangeliums war und ist eingebettet in die Geschichte. Heute genauso wie vor zweitausend Jahren.

„Frieden ist die große Sehnsucht, die viele Herzen bewegt“

Frieden ist die große Sehnsucht, die viele Herzen bewegt, aber oft ist er auch bedroht, wird mit Füßen getreten und verhöhnt. Heute sind nicht weniger als 103 Staaten in irgendeiner Weise auf der Erde in einen Krieg verwickelt.(1) Waffen dröhnen und töten in der Ukraine, im Nahen Osten, im Sudan, in Myanmar, im Jemen, im Kongo und in vielen anderen Situationen. Mein geliebter Vorgänger Papst Franziskus prägte seinerzeit den Ausdruck „Dritter Weltkrieg in Stücken“, um eine Situation weit verbreiteter Konfliktualität zu beschreiben, wie es sie seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht mehr gegeben hat. Im Rückblick auf meine Beiträge zu diesem Thema, die nun in dieser Anthologie gesammelt vorliegen, möchte ich einige Aspekte unterstreichen, die mir am Herzen liegen.

„Frieden hingegen beginnt bei mir selbst. Er beginnt bei uns.“

Zunächst einmal ist Frieden eine Verantwortung. Wenn unser erster Impuls angesichts eines Problems, auf das wir treffen, einer Spannung, die wir erleben, oder einer Kränkung, die wir erleiden, darin besteht, über andere zu richten, ihnen Vorwürfe zu machen und sie sogar zu verurteilen, wird es unweigerlich dazu führen, dass sich zunächst Gleichgültigkeit und dann Hass um uns herum ausbreiten. Es gibt eine Sicht auf die Realität, die zerstört und nicht aufbaut. Frieden hingegen beginnt bei mir selbst. Er beginnt bei uns. Der heilige Augustinus sagte: „Die Zeiten sind beschwerlich, die Zeiten sind drückend, die Zeiten sind unglücklich. Lebt gut, und ihr verändert die Zeiten durch euer gutes Leben. Ändert die Zeiten [durch euer Verhalten], und ihr habt keinen Grund mehr zum Klagen.“(2)

Wir können von den Mächtigen dieser Welt keinen Frieden verlangen, wenn wir nicht selbst damit beginnen, ihn zu leben, angefangen bei unseren alltäglichen Beziehungen: in unseren Familien, in unseren Häusern, in unseren Städten, an unseren Arbeitsplätzen. Frieden entsteht durch kleine alltägliche Gesten: ein geschenktes Lächeln, eine vergebene Beleidigung, ein gutes Wort.

„Der Friede, der Friede muss das Geschick der Völker und der ganzen Menschheit leiten!“

Außerdem wird der Frieden durch Wahrheit aufgebaut. Auch wer Krieg führt, sagt, er handle „im Namen“ des Friedens. Niemand ist so dreist zu sagen, dass er Krieg um des Krieges willen will: Selbst die Mächtigen dieser Welt wissen, dass jeder Mensch nach Gerechtigkeit strebt und in Frieden leben möchte. Vor allem nach den schrecklichen Folgen der Ereignisse von Hiroshima und Nagasaki wird der Rückgriff auf den Krieg immer mehr zu einem „Abenteuer, aus dem es kein Zurück mehr gibt“, wie der heilige Johannes Paul II. nachdrücklich betonte.(3) Mehrfach habe ich an den eindringlichen Appell erinnert, den der heilige Paul VI. an die Vereinten Nationen richtete. Was die Menschen vereint, so sagte mein verehrter Vorgänger, ist ein „Pakt“, besiegelt durch einen „Eid, der die zukünftige Geschichte verändern muss: Niemals Krieg, niemals mehr Krieg! Der Friede, der Friede muss das Geschick der Völker und der ganzen Menschheit leiten!“(4)

Gerade im Atomzeitalter muss sich die Wahrheit durchsetzen: Nicht Atomwaffen schaffen Frieden, sondern Abrüstung. Diese Wahrheit, die in den vergangenen Jahrzehnten, in denen wir eine nukleare Deeskalation erlebt haben, als unumstößlich galt, wurde durch einen Wettrüstungswettlauf getrübt, der heute Angst und Schrecken verbreitet. Wie der Liedermacher und Dichter Bob Dylan in einem seiner Gedichte schrieb, als er sich metaphorisch an die Atombombe wandte: „Ich hasse dich, denn du bist von Menschen gemacht und der Mensch besitzt dich und der Mensch hantiert mit dir.“(5) Die Kirche möchte heute in aller Demut allen eine Frage vorlegen: Soll die menschliche Spezies weiterhin auf der Erde leben? Die Kombination aus kybernetischer Macht und globaler Aufrüstung veranlasst dazu, diese Frage ernsthaft zu stellen.

„Der Frieden braucht Zeugen“

Der Frieden braucht Zeugen. Die vorliegende Anthologie verdeutlicht dies mit der Kraft vieler Gesichter. Die hier vorgestellten Persönlichkeiten, unter ihnen der selige Floribert Bwana Chui, die Diener Gottes Giorgio La Pira und Dorothy Day, sind Beispiele für die vielen Männer und Frauen, die sich mit dem eigenen Leben für den Frieden eingesetzt haben, indem sie der Versuchung zur Korruption widerstanden, den Armen halfen und die Diplomatie förderten. Neben bekannten Männern und Frauen wird der Frieden auch von »unbekannten Protagonisten« verkörpert, die ihrem Gewissen gefolgt sind.

Es gab in der Geschichte bereits Situationen, wo man einer nuklearen Katastrophe sehr nahe war. Dokumente bestätigen, dass die Entscheidung eines einzigen Mannes, des sowjetischen Offiziers Stanislaw Petrow, dazu beitrug, einen möglichen globalen Atomkrieg zu verhindern: Es war der 26. September 1983. Die Radarsysteme des Bunkers in der Nähe von Moskau, in dem Petrow Wachdienst hatte, meldeten den Abschuss mehrerer Interkontinentalraketen aus den Vereinigten Staaten in Richtung Sowjetunion. Es handelte sich jedoch um einen Fehlalarm des sowjetischen Satellitenortungssystems. Petrow entschied sich, den vermeintlichen Angriff entgegen den Anweisungen nicht zu melden: eine Entscheidung, die er in dem Bewusstsein traf, dass dieser einfache Schritt Millionen von Toten hätte verursachen können. Eine Welt, in der Maschinen – wie ausgeklügelt und schneller als wir sie auch immer sein mögen – über die Bombardierung wehrloser Menschen entscheiden, wäre wirklich beängstigend. Das Gewissen eines einzelnen Menschen kann die ganze Welt wert sein.

„Und schließlich braucht Frieden Hoffnung“

Und schließlich braucht Frieden Hoffnung. Die Kirche wird weiterhin die Nächstenliebe zu allen Männern und Frauen verkünden. Wenn es etwas gibt, wonach die Welt heute sucht, dann ist dies, so glaube ich, eine Botschaft der Hoffnung für die Zukunft. Blicken wir voller Hoffnung in die Zukunft, weil wir in der Botschaft Jesu deren einzige Quelle gefunden haben. Denn das ist der Kern der Lehre Christi: Nächstenliebe, Liebe und die Bereitschaft, das Leben für andere hinzugeben, besiegen Tod, Isolation und Gewalt: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben“ (Joh 10,10).

An diejenigen, die angesichts der vielen Kriege in der Welt Gefahr laufen, der Versuchung der Verzweiflung zu erliegen, richte ich die Aufforderung, die bereits Papst Pius XI. an die gesamte Kirche richtete: „Danken wir Gott, dass er uns in schwierigen Zeiten leben lässt. Nun ist es niemandem gestattet, mittelmäßig zu sein.“ Möge Gott uns auf den Wegen der Gewaltlosigkeit führen. Mögen die Gläubigen und alle Menschen guten Willens niemals aufhören, als Friedensstifter zu wirken. Möge jeder den Frieden zum Anliegen seines Lebens machen.

 

Aus dem Vatikan, am 19. Juni 2026

Fußnoten

1 Vgl. Global Peace Index 2026, Sydney 2026.

2 Hl. Augustinus, Sermones, 311, 8.8.

3 Hl. Johannes Paul II., Gebet für den Frieden, 2. Februar 1991.

4 Hl. Paul VI., Ansprache an die Vereinten Nationen, 4. Oktober 1965.

5 Bob Dylan, Go Away You Bomb, 1963.

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21. Juli 2026, 08:00