Papst bei Messe auf Lampedusa: Niemand ist ohne Verantwortung
Stefanie Stahlhofen - Vatikanstadt
„Aufgrund seiner geografischen Lage und seiner institutionellen Rahmenbedingungen ist Europa in der Lage, die Krise in diesem Bereich ganzheitlich anzugehen, indem es Nothilfe mit einem langfristigen strategischen Plan verbindet, der in der Lage ist, Migranten aufzunehmen, zu schützen, zu fördern, zu integrieren und der zugleich Entwicklung begünstigt, damit niemand zur Auswanderung gezwungen ist. Dabei muss stets darauf geachtet werden, dass die Würde jedes Einzelnen gewahrt bleibt. Das ist eine Aufgabe der öffentlichen Institutionen, aber auch der gesamten Zivilgesellschaft und der Kirche", erklärte das katholische Kirchenoberhaupt diesen Samstag in seiner Predigt bei der großen Schlussmesse seines Halbtags-Besuchs auf dem Sportplatz „Arena“. Die kleine Insel vor Sizilien wird auch als „Tor zu Europa" bezeichnet - Lampedusa ist auf der Mittelmeerroute eine bedeutende Anlaufstelle für zahlreiche Migranten aus Afrika nach Europa, auch wenn die Zahlen jüngst gesunken sind. Nach wie vor sterben zahlreiche Menschen auf See beim Versuch, auf oft überfüllten und für solche Fahrten ungeeigneten Booten Europa zu erreichen.
Ausgehend vom Evangelium über den barmherzigen Samariter (LK, 10,25–37) mahnte Papst Leo XIV. alle, angesichts von Leid und Not nicht wegzuschauen, sondern Mitleid zu haben, und zu helfen:
„Das Gleichnis erzählt es uns: Liebe geht immer mit Freiheit einher, und Freiheit liegt den Entscheidungen zugrunde. Es gibt auch diejenigen, die sich dafür entscheiden, nicht zum Nächsten zu werden, und diejenigen, die sich dafür entscheiden, nicht zu entscheiden. Die Toten in diesem Meer sind sowohl Opfer getroffener als auch ausgebliebener Entscheidungen. Desinteresse am Gemeinwohl und Korruption in den Herkunftsländern; ein globales Wirtschaftssystem, das Armut und Ausgrenzung verursacht; Ängste, die Vorurteile und Verachtung schüren; die Vorstellung, dass uns diese Probleme nichts angehen; kriminelle Kalküle derer, die aus dem Leid anderer Profit schlagen; der langsame und schwierige Übergang von einer reinen Nothilfe hin zur Ausarbeitung strukturierter und gemeinsamer politischer Strategien: all dies sind heutige Formen jenes eilenden Vorübergehens, von dem im Evangelium die Rede ist", führte der Papst aus.
Danke Lampedusa!
Leo XIV. dankte allen, die auf Lampedusa und der benachbarten Insel Linosa nicht wegschauen - konkret erwähnte er etwa freiwillige Helfer, Kirchenleute, zivile Institutionen, die Küstenwache, Bürgermeister, Ärzte, Erzieher, Sicherheitskräfte, sowie alle „die sich – mit oder ohne die Gabe des Glaubens – dafür entschieden haben, gemeinsam zu lieben." Er dankte auch allen Migranten, die „den noch Ärmeren helfen". Der Papst erklärte, „dass nur die Barmherzigkeit auf die Abgründe des menschlichen Herzens und die Schrecken des Krieges mit Neuanfängen antworten kann" und forderte eine „Zivilisation der Liebe", der man „geistlich, kulturell, rechtlich, politisch und wirtschaftlich Gestalt" gebe.
Zivilisation der Liebe ist Verantwortung aller
Die „Zivilisation der Liebe" müsste durch stetiges Handeln aller genährt werden, führte Leo XIV. weiter aus und er betonte (übrigens mit einem Zitat aus seiner ersten Enzyklika, „Magnifica humanitas") : „Niemand ist ohne Verantwortung. Alle verfügen über einen eigenen Handlungsbereich, und genau dort – nirgendwo anders – sind wir aufgerufen, zu entscheiden, ob wir die Logik der Stärke nähren und sei es nur durch Gleichgültigkeit, Zynismus, Lüge oder Hass oder die Logik des Friedens hochhalten mit Wahrheit, Besonnenheit, Nähe und Fürsorge."
Das katholische Kirchenoberhaupt warb in seiner Predigt für Religionsfreiheit und verurteilte Diskriminierung. „Es ist an der Zeit zu erkennen und zu bekräftigen, dass die Religionszugehörigkeit niemals zu einem Grund für Diskriminierung werden darf, denn der Glaube kennt keine Grenzen, sondern ist ein universaler Ruf zur Erlösung. Wo Trennmauern standen, hat Christus sie niedergerissen."
Tourismus darf Migranten nicht als Bedrohung sehen
Auf der italienischen Insel Lampedusa, die auch ein beliebtes Ferienziel ist, mahnte Papst Leo XIV., Migration nicht als Bedrohung für den Tourismus zu sehen:
„Für viele bedeutet Urlaub nämlich nur Ablenkung, Unbeschwertheit und Sorglosigkeit. Da scheint es, als müsse man eine unsichtbare Mauer zwischen dem Meer der Schiffbrüchigen und jenem der Urlauber errichten. Habt den Mut, anders zu denken. Nach und nach werdet ihr es mit Kreativität hinbekommen, dass jeder, der eine Zeit – auch zur Erholung – auf dieser Insel verbringt, menschlicher werden kann, indem er an eurer Nächstenliebe, an dem, was euch das Meer gelehrt hat, und an den Begegnungen, die euch geprägt haben, Maß nimmt."
Papst Leo forderte in diesem Zusammenhang eine gerechte, menschliche und nachhaltige Wirtschaft. Er beschloss seine Predigt auf Lampedusa mit dem Appell, mit gutem Beispiel voranzugehen:
„Seid im Kleinen also ein prophetisches Zeichen für das, wonach wir gemeinsam im Großen streben können. Davon werdet ihr und eure Familien als Erste profitieren, wenn ihr die Spaltungen und Meinungsverschiedenheiten überwindet, die nur die Liebe auflösen kann. Insbesondere die Pfarrei soll eine Gemeinschaft sein, in der man in der Schule des Evangeliums gemeinsam lernt, in gemeinschaftlicher Weise aufzunehmen, zu begleiten und zu integrieren. (...) Lassen wir uns nicht von der Angst überwältigen, sondern betrachten wir die täglichen Mühen als eine Zeit der Chancen und des Zeugnisses. Euer Glaube, meine Lieben, möge also durch diese Jahre der Prüfung und des großzügigen Engagements gestärkt werden."
Der Glaube, ein sicherer Hafen
„Wir alle haben in Gott einen sicheren Hafen, und jede christliche Gemeinschaft ist dazu berufen, dies auf Erden widerzuspiegeln. Möge euch, den Gemeinden von Lampedusa und Linosa, niemals der Atem des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe fehlen: „O’scià!“ [Typischer Gruß der Bewohner von Lampedusa]."
Dank des Erzbischofs von Agrigent
Der Besuch von Papst Leo XIV. auf Lampedusa sei eine „Umarmung des Friedens" gewesen.
(vatican news - sst)
Danke, dass Sie diesen Artikel gelesen haben. Wenn Sie auf dem Laufenden bleiben wollen, können Sie hier unseren Newsletter bestellen..
