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Ansicht von Taybeh Ansicht von Taybeh  (AFP or licensors)

Westjordanland: Christen fühlen sich mit Siedlergewalt allein gelassen

Angriffe durch Siedler gehören im letzten christlichen Dorf Palästinas, Taybeh, inzwischen zum Alltag. Pfarrer Bashar Fawadleh ist seit fünf Jahren Pfarrer der lateinischen Christ-Erlöser-Pfarrei in dem Ort, der in der Bibel Ephraim bekannt ist. Er befürchtet, dass Familien gezwungen sein könnten, ihr Land zu verlassen. „Wir wollen in Frieden, in Gerechtigkeit und Würde leben“, klagt er.

Myriam Sandouno – Vatikanstadt

„Vergesst Taybeh nicht! Taybeh darf nicht in der Stille verschwinden“: Dieser eindringliche Appell kommt von Pfarrer Bashar Fawadleh. Er beschreibt im Interview mit den Vatikanmedien eine schwierige Situation in Taybeh, östlich von Ramallah im Westjordanland. Dort liegt das letzte vollständig christliche Dorf Palästinas. Taybeh wird in der Bibel unter dem Namen Ephraim erwähnt; Jesus und seine Jünger sollen sich dorthin zurückgezogen haben. Heute ist die örtliche Gemeinschaft mit Einschüchterungen, der Besetzung von Privateigentum sowie der Inbesitznahme landwirtschaftlicher Flächen und Wohngebieten konfrontiert. Der Pfarrer der lateinischen Christ-Erlöser-Pfarrei ruft die internationale Gemeinschaft eindringlich zum Handeln auf und bittet die Weltkirche um Unterstützung im Gebet.

„Es handelt sich nicht um einen Einzelfall, sondern um eine Strategie der Schikane, die darauf abzielt, ein Klima der Angst zu schaffen“

Pfarrer Bashar, das palästinensische Dorf Taybeh im Nordosten des Westjordanlands, das einzige vollständig christliche Dorf der Region, ist weiterhin mit dem Eindringen israelischer Siedler auf palästinensisches Privateigentum konfrontiert. Am vergangenen Mittwoch drangen einige von ihnen in ein Haus ein, das einer Familie aus der Christ-Erlöser-Pfarrei gehört. Was ist am 5. August geschehen?

Pfarrer Bashar Fawadleh: „Leider ist die Situation, die wir heute erleben, sehr beunruhigend. Das Haus, von dem Sie gehört haben, war gerade für den Einzug vorbereitet worden. Doch seit mehreren Tagen sind zwei Siedler wiederholt dort eingedrungen. Sie haben das Grundstück betreten und eine Schafherde auf das Gelände und bis in die Nähe des Hauses gebracht. Außerdem haben sie den Zaun aufgetrennt.

Es handelt sich nicht um einen Einzelfall, sondern um eine Strategie der Schikane, die darauf abzielt, ein Klima der Angst zu schaffen und die palästinensischen Familien dazu zu bringen, ihr Land zu verlassen. Wir danken Gott dafür, dass die Familie körperlich unversehrt geblieben ist.

Bei dem letzten Eindringen befand sich die Familie nicht im Haus. Aber körperlich und psychisch ist dies eine sehr schwere Belastung. Stellen Sie sich vor: Sie stellen fest, dass Fremde einfach in das Haus Ihrer Familie eingedrungen sind. Das ist die Situation, die wir hier in Taybeh erleben. Genau in diesem Moment, in dem ich mit Ihnen spreche, sind diese Siedler leider wieder zurückgekehrt, um Zelte aufzustellen. Die Situation ist sehr schwer zu ertragen.“

„Fast jeden Tag sind wir mit Eindringen und Angriffen auf Privateigentum, der Zerstörung landwirtschaftlicher Flächen, der Sperrung von Straßen und Einschränkungen der Bewegungsfreiheit sowie einem ständigen Druck auf die Bevölkerung konfrontiert“

Sind in den vergangenen Tagen auch andere Familien betroffen gewesen?

Pfarrer Bashar Fawadleh: „Mehrere Familien sind von der Präsenz dieser Siedler betroffen. Im Westen, Osten und Süden von Taybeh sind viele Familien Opfer dieser Gewalt. Immer wieder setzen sie unbebaute Flächen in Brand. Zuletzt haben sie einen Berg südöstlich von Taybeh angezündet.

Die israelischen Siedler kommen, um Schaden anzurichten und Land zu besetzen. Seit mehreren Monaten verschlechtert sich die Situation dramatisch. Fast jeden Tag sind wir mit Eindringen und Angriffen auf Privateigentum, der Zerstörung landwirtschaftlicher Flächen, der Sperrung von Straßen und Einschränkungen der Bewegungsfreiheit sowie einem ständigen Druck auf die Bevölkerung konfrontiert.“

Pfarrer Bashar, die Einwohner von Taybeh, die ständig in Angst leben, appellieren dringend an die internationale Gemeinschaft und die diplomatischen Vertretungen, einzugreifen und den Schutz der Bevölkerung sicherzustellen. Fühlen sie sich vergessen?

Pfarrer Bashar Fawadleh: „Ja! Wir fühlen uns vergessen, wir fühlen uns allein gelassen. Es gibt zwar Möglichkeiten, rechtlich dagegen vorzugehen, aber sie sind leider sehr begrenzt und nur selten wirksam. Deshalb sind die Präsenz und der Druck der internationalen Gemeinschaft heute von entscheidender Bedeutung.

Wir brauchen einen konkreten Schutz für die Zivilbevölkerung und einen echten politischen Willen, damit diese Gewalt aufhört. Wir brauchen Hilfe, um unser Leben hier fortsetzen und Zeugnis für Jesus Christus und seine Jünger ablegen zu können. Es ist eine gemeinsame Verantwortung, die christliche Präsenz hier in Taybeh zu bewahren. Angesichts all dessen wollen einige Einwohner ihr Land verlassen und alles aufgeben.“

„Vergesst Taybeh nicht! (...) Die erste christliche Gemeinschaft dieses Landes darf nicht im Schweigen verschwinden.“

Die christliche Gemeinschaft befürchtet inzwischen, dass sie verschwinden könnte. Wie wirkt die Hoffnung auf Jesus heute in den Menschen, die sich trotz allem dafür entscheiden zu bleiben?

Pfarrer Bashar Fawadleh: „Bisher gibt es keine Lösung. Aber es gibt etwas ganz Besonderes: die Hoffnung auf Jesus Christus, die Hoffnung auf die Kirche. Wir bitten die Weltkirche, ihre Gebete für uns zu verstärken und das Lateinische Patriarchat von Jerusalem sowie das gesamte Heilige Land zu unterstützen. Wir glauben fest daran, dass das Gebet Wunder bewirkt.

Vergesst Taybeh nicht! Ich lade alle Diözesen der katholischen Kirche auf der ganzen Welt ein, über die Situation in Taybeh zu sprechen, über diese Brüder und Schwestern im Glauben, die in Angst leben. Die erste christliche Gemeinschaft dieses Landes darf nicht im Schweigen verschwinden. Gemeinsam können wir dieses lebendige Zeugnis des Glaubens bewahren.

Ich möchte betonen, dass uns die Präsenz der diplomatischen Vertretungen oder von Kardinal Pizzaballa Sicherheit gibt und uns das Gefühl vermittelt, nicht allein zu sein.“

Große Bitte an Papst Leo XIV.

Wie organisieren sich die verschiedenen christlichen Gemeinschaften – orthodoxe, lateinische, melkitische oder griechisch-katholische – heute, um den Opfern zu helfen? Haben die traurigen Ereignisse, die Sie derzeit erleben, in gewisser Weise die Einheit der Christen gestärkt?

Pfarrer Bashar Fawadleh: „Angesichts dieser Situation bleibt die christliche Gemeinschaft geeint. Die Kirche begleitet die Familien, unterstützt die Schwächsten, stärkt die Solidarität unter den Einwohnern und setzt sich weiterhin für die Würde jedes Menschen ein.

Wir arbeiten auch mit diplomatischen Vertretungen, internationalen Organisationen und den Medien zusammen, damit die Realität in Taybeh bekannt wird und unsere Stimme nicht zum Schweigen gebracht wird.

Deshalb möchte ich nun über Sie Papst Leo XIV. bitten, etwas für dieses letzte christliche Dorf im Westjordanland zu tun, damit die Angriffe der Siedler aufhören und sie die Besetzung unseres Landes beenden. Wir wollen in Frieden, in Gerechtigkeit und Würde leben.“

„Taybeh steht an vorderster Front bei der Verteidigung des Christentums hier im Heiligen Land“

Welches Symbol stellt Taybeh für die palästinensische christliche Gemeinschaft dar?

Pfarrer Bashar Fawadleh: „Ein wesentliches und grundlegendes Symbol für alle, denn gerade jetzt werden die Vorbereitungen für das Jubiläum im Jahr 2033 getroffen, das Jubiläum des Besuchs Jesu Christi auf unserer Erde.

Taybeh steht an vorderster Front bei der Verteidigung des Christentums hier im Heiligen Land. Jesus hat Taybeh vor seiner Passion, seinem Tod und seiner Auferstehung als Ort gewählt, an dem er sich aufhielt. Wir müssen Zeugnis für das Christentum und seine Präsenz im Heiligen Land geben. Wir müssen an der Seite von Taybeh stehen.”

(vatican news - cs)

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10. August 2026, 10:30