Angola: Fast ein Vierteljahrhundert des Friedens
Anastácio Sasembele – Luanda *
Am ersten April-Wochenende feierten die etwa 38 Millionen Einwohner Angolas einen der größten Erfolge in der jüngeren Geschichte des Landes. Das Friedensabkommen wurde nach jahrzehntelangen bewaffneten Konflikten erzielt, die auf die nationale Unabhängigkeit vom November 1975 folgten. Das Kriegsende am 4. April 2002 ebnete den Weg für Wiederaufbau und die Entwicklung. Das Datum symbolisiert für die Angolaner die Hoffnung auf eine Zukunft in Versöhnung und Fortschritt.
Allerdings – und das wird wohl auch der Papst in Luanda betonen – ist der Frieden kein Selbstläufer, sondern braucht ständige Anstrengungen. Der Bischof von Luena, der Salesianer Martín Lasarte, verweist in diesem Zusammenhang vor allem auf eine gerechtere Verteilung des Wohlstands und der sozialen Chancen. Speziell im Osten, der reich an Bodenschätzen wie Diamanten und Wäldern ist, habe die Bevölkerung dennoch mit erheblichen sozialen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu kämpfen.
Bischof fordert mehr Aufmerksamkeit für den armen Osten
„Für den Frieden ist daher Respekt unerlässlich! Chancengleichheit für alle ist von großer Bedeutung. Ebenso wichtig ist Gerechtigkeit auf nationaler Ebene. Wir sind Kinder Angolas, eines Landes, das weiterhin mit vielen Entwicklungsdefiziten und einer Ungerechtigkeit zu kämpfen hat, die sein Wachstum hemmt. In den Staatshaushalt muss deutlich mehr Geld für die Förderung der Entwicklung eingestellt werden!“
Luís Jimbo ist Experte für Konfliktlösung und Wahlsysteme. Er nennt vor allem die nationale Versöhnung als dringende Herausforderung. Mechanismen, die Dialog, Vertrauen und die Teilhabe aller Bürger am demokratischen Prozess fördern, müssten unbedingt gestärkt werden. „Ich vergleiche das mit der Vergangenheit: Damals gab es die Partei der UNITA und die gegnerische Partei der MPLA. Sie konnten nicht koexistieren; ihre Anhänger brachten sich gegenseitig um. Heute existieren diese Parteien hier nebeneinander. Das bedeutet für mich als Bürger, dass ich ins Parlament gehen und sowohl bei der MPLA als auch bei der UNITA Beschwerde einreichen könnte. Beide verteidigen mich und sorgen für Gerechtigkeit. In diesem Sinne können wir von Frieden sprechen; dabei fällt es uns heute generell schwer, von Frieden zu sprechen…“
Viele Opfer des Krieges
Auch die Vorsitzende der nationalen Ethikkommission, Luísa Rogério, würdigt die mit dem Frieden erzielten Fortschritte – und warnt im gleichen Atemzug vor bleibenden Herausforderungen. Sie hat dabei besonders die Pressefreiheit sowie die Arbeitsbedingungen für Journalisten im Auge. „Der 4. April wird fast schon religiös gefeiert. Das liegt daran, dass wir im Kontext des Krieges geboren und aufgewachsen sind. Ich habe viele meiner Freunde im Krieg sterben sehen, ich habe auch Brüder verloren. Für alle, die ihre journalistische Laufbahn im Kontext des Krieges begonnen haben, bedeutete der Tag, an dem endlich der endgültige Frieden kam, eine wahre Erleichterung. Endlich konnten wir wieder ruhig schlafen! Deshalb ist Frieden so wichtig, ob brüchig oder nicht, Frieden im Zeitalter der Waffen. Der Frieden, den wir haben, ist die Voraussetzung dafür, dass bei uns gesunde Frauen und Männer leben.“
Wie man den Frieden in Angola festigen könnte, war auch Haupt-Thema auf einer internationalen Konferenz in Luanda zwei Wochen vor der Reise des Papstes nach Angola. Ausgerechnet ein General, nämlich der Staatsminister Francisco Pereira Furtado, rief bei der Konferenz die Angolaner dazu auf, sich stärker für den Erhalt des Friedens einzusetzen. Der Friede müsse täglich von allen Bürgern verteidigt werden.
Friede muss täglich neu errungen werden
„27 lange Jahre des Krieges haben das Land verwüstet, Tausende von Menschenleben gefordert, viele Menschen verstümmelt und wichtige Infrastruktur zerstört. Doch seitdem hat das angolanische Volk ein deutliches Bekenntnis zum Fortschritt und zur nachhaltigen Entwicklung seiner Nation abgelegt. Das Motto der Feierlichkeiten zum 24. Jahrestag des Friedensschlusses regt zu einer gemeinsamen Reflexion über die Gegenwart und Zukunft Angolas an. Frieden ist kein absoluter, dauerhafter oder unumkehrbarer Zustand. Daher erfordert seine Erhaltung ständige Wachsamkeit, strategische Weitsicht, institutionelle Kapazitäten und vor allem eine entschlossene Führung, um Bedrohungen, die im heutigen Kontext immer komplexer und diffuser werden, vorherzusehen, zu verstehen und zu neutralisieren.“
Diesen Ball nahm der Akademiker José Ferreira bei der Tagung auf: „Angola kennt den Wert der Freiheit sehr wohl! Es hat dafür kämpfen müssen, und das noch vor nicht allzu langer Zeit. Wir dürfen dieses berühmte Recht der Völker auf Selbstbestimmung auch heute nicht vergessen; die Angolaner vertrauen auf internationale Institutionen, die dafür sorgen, dass nicht jemand einfach seinen Willen durchsetzt, weil er das so wünscht…“
Was der Papst in Angola vorhat
Zum Tag des Friedens hat Staatspräsident João Lourenço eine Amnestie für Hunderte von Gefangenen erlassen. Am 19. April kann der Präsident dann Papst Leo XIV. in der Hauptstadt Luanda begrüßen. Der Gast aus dem Vatikan wird außer dem Marienwallfahrtsort Muxima auch Saurimo im Osten des Landes besuchen – in dieser Region halten sich Zehntausende von Flüchtlingen auf, die meisten von ihnen stammen aus dem Nachbarland Kongo. Früher war Angola selbst ein Land, aus dem Menschen vor dem Krieg in Nachbarländer flohen; seit dem Friedensschluss vom April 2002 hat sich diese Lage umgekehrt. Man kann davon ausgehen, dass der Papst, der vor knapp einem Jahr mit einem Friedensappell ins Amt gestartet ist, in den drei Tagen seines Aufenthalts in Angola einiges zum Thema Krieg und Frieden sagen wird.
* Der Bericht von Anastácio Sasembele wurde von Stefan v. Kempis - derzeit in Luanda - ins Deutsche übertragen und überarbeitet.
(vatican news)
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