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Blick auf Algier Blick auf Algier

Leo in Algier: Eindrücke unseres Korrespondenten

Erster Tag der Papstreise nach Afrika: Leo XIV. verbringt diesen Montag in Algier, der algerischen Hauptstadt. Dort sprachen wir mit unserem Korrespondenten, Stefan v. Kempis.

Wie ist denn die Stimmung in der Stadt?

Turbulent wie wahrscheinlich immer! Die „weiße Stadt“ – so nennt man Algier wegen seiner vielen weißen Häuser – ist ausgesprochen quirlig, eine Mittelmeer-Hafenstadt mit kolonialen Bauwerken, wahnsinnigem Verkehr, Muezzinen die zum Gebet rufen, Marktgeschrei. Dass der Papst gerade in der Stadt ist, interessiert wahrscheinlich die meisten nicht; weit über neunzig Prozent der Einwohner sind ja Muslime. Sie werden wohl vor allem an den vielen Straßensperren merken, dass gerade irgendwas Besonderes los ist. Poster von Leo XIV. oder Vatikanfähnchen habe ich in der Stadt nicht gesehen. Hier weiß ja auch kaum jemand, was ein Papst eigentlich ist; vielleicht ist der heilige Augustinus etwas bekannter bei den Muslimen, denn viele Menschen hier sind stolz darauf, dass Augustinus ein Algerier war – auch wenn sie sonst wenig oder nichts über diesen Augustinus wissen. Bei den Menschen, die informiert sind über den Papstbesuch, sind die meisten froh über die internationale Aufmerksamkeit, die ihr Land dadurch erfährt; so oft steht Algerien nicht in den Schlagzeilen.

Hier zum Hören:
Ikone des hl. Augustinus in der Kapelle des Frauenzentrums von Bab El-Oued
Ikone des hl. Augustinus in der Kapelle des Frauenzentrums von Bab El-Oued

„Algerien hat noch nie einen Papstbesuch erlebt und muss sich an manche Aspekte einer solchen Visite erst einmal gewöhnen“

Wie sind die Sicherheitsvorkehrungen?

Die sind schon sehr spürbar: Polizei und Straßensperren überall. Der Regierung war sehr unwohl bei dem Gedanken, dass jetzt Journalisten frei in der Stadt herumspazieren und alle möglichen Leute interviewen könnten; darum wurde die Bewegungsfreiheit von uns Journalisten etwas eingeschränkt, alles findet unter der Aufsicht von Sicherheitsleuten statt, und man darf höchstens Kirchenvertreter interviewen, aber auf keinen Fall die „normalen“ Algerier. Man kann diese Aufregung der Tatsache zugutehalten, dass Algerien eben noch nie einen Papstbesuch erlebt hat und sich an manche Aspekte einer solchen Visite erst einmal gewöhnen musste. Dem Vernehmen nach hat die Regierung schon im September letzten Jahres darauf gedrungen, ihr Namenslisten der anreisenden Journalisten zukommen zu lassen – da war die Reise noch gar nicht offiziell vom Vatikan angekündigt. Andererseits ist aber auch sehr viel guter Wille spürbar: Die Behörden wollen sichtlich, dass der Besuch ein Erfolg wird. Man hat uns Journalisten gegenüber betont, dass der Präsident persönlich das Vorbereitungskomitee der Reise geleitet hat, und das ist tatsächlich etwas Außergewöhnliches; und sehr großzügig ist außerdem die Geste der Regierung, die Berichterstatter nach Annaba, also die Stadt des hl. Augustinus, einzuladen – Flug und Hotel. Auch das gibt es bei Papstreisen nicht so häufig…

Die Basilika Unsere Liebe Frau von Afrika
Die Basilika Unsere Liebe Frau von Afrika

„Die Mudschahedin, die auf Augustinus-Tourismus setzen“


Was schreiben die Zeitungen, was sagt die Presse?

In den Zeitungen am Sonntag – der hier ein normaler Werktag ist – wurde noch nicht sehr viel Aufhebens vom Kommen des Papstes gemacht. Ein französischsprachiges Blatt, „Le Soir“, hatte immerhin Leo XIV. auf seiner Titelseite – und schrieb dazu: „Die französische Presse im Delirium“. Der dazugehörige Artikel auf S. 3 nahm französische Berichte zur Papstreise unter die Lupe und behauptete, ganz Frankreich einschließlich der Regierung und der „Generalstäbe“ sei besorgt und ärgerlich darüber, dass Algerien jetzt vor aller Welt als gastfreundliches Land auftreten kann. Ein Artikel, der einen tiefen Blick in das gestörte Verhältnis Algeriens zur früheren Kolonialmacht Frankreich erlaubt. Auf der letzten Seite des Blattes fordert ein Meinungsartikel, die sterblichen Überreste des hl. Augustinus, die einst vor dem Ansturm der Muslime nach Italien gerettet wurden, sollten aus dem norditalienischen Pavia zurücküberführt werden nach Annaba, seine Wirkungsstätte als Bischof. Schließlich sei Augustinus ja Algerier gewesen, ob das nun jedem so passe oder nicht. Eine Zeitung mit dem etwas beunruhigenden Namen „Le Mudschahid“ (Der Mudschahid) freut sich angesichts des Papstbesuchs über einen schon seit Jahren wachsenden Tourismus nach Annaba – erst recht seit dort auch Kreuzfahrtschiffe anlegen könnten. Dieses Jahr werde mit mehr als 56.000 ausländischen Touristen in Annaba gerechnet, auf sie warte unter anderem ein ausgeschildeter Rundgang auf den Spuren des hl. Augustinus. Wer das jetzt war, erklärt der Artikel nicht eigens… aber vielleicht kennen die Mudschahedin ja alle schon ihren Augustinus.

Im Innern der Basilika
Im Innern der Basilika

„Es kommt vor, dass Muslime zum Christentum übertreten“

Christen gibt es in ganz Algerien nur ein paar tausend – wer sind sie, welche Gesichter haben sie?

Da will ich mit zwei Eindrücken antworten: Am Sonntag war ich in der Basilika Notre-Dame d’Afrique (Unsere Liebe Frau von Afrika), die wie ein Adlernest auf einem Berg hoch über dem Hafen steht; da waren der Rektor und einige Frauen gerade dabei, alles für das Kommen des Papstes vorzubereiten. Der Rektor war Ghanaer, die Frauen stammten ganz offensichtlich aus dem subsaharischen Afrika. Und der Rektor sagte mir: Stimmt schon, dass die Christen nur wenige sind – aber sie sind sehr aktiv. Und übrigens komme es auch immer wieder mal vor, dass sich Algerier, frühere Muslime, taufen lassen. Ich fragte: Wie werden die denn auf die Kirche aufmerksam? Und er meinte: Über das Internet, vor allem unsere Facebook-Seite. Oder weil sie die Basilika hier gesehen haben und sich die mal anschauen wollten. Überhaupt – so sagte er – hätten die Christen viele „Sympathisanten“ unter den Muslimen; viele Muslime kämen, um in der Basilika zu beten, weil sie dort Frieden spürten.

Im Frauenzentrum von Bab El-Oued
Im Frauenzentrum von Bab El-Oued

„Diesen Ort hier hätte auch Papst Franziskus aufgesucht...“


Und der zweite Eindruck?

Der zweite Eindruck, das ist das Frauen-Fortbildungszentrum von Bab El-Oued, einem ärmeren, aber zentral gelegenen Viertel. Der Papst ist an diesem Montag zum dritten Mal dort, er war vor etwa 15, 20 Jahren schon zweimal als Augustiner-Generaloberer zu Besuch in diesen eher engen Räumen. Das Zentrum wird von ein paar ausländischen Ordensfrauen geleitet (Augustiner-Missionarinnen); sie geben dort Nachhilfe, bieten Nähkurse an, oder Kurse, wie man Schmuck verfertigt. 150 Frauen kommen regelmäßig, die Kursleiterinnen sind in der Regel Musliminnen aus Algier. Missioniert wird da nicht, stattdessen geht es ums Miteinander in Freundschaft zwischen den Christinnen und muslimischen Frauen aus dem Viertel. Zwei Ordensfrauen, die hier arbeiteten, wurden 1993 während des algerischen Bürgerkriegs von Islamisten ermordet; 2018 hat man sie zusammen mit 17 weiteren katholischen Märtyrern, darunter den Trappisten von Tibhirine, in Oran feierlich seliggesprochen. Das ist schon eine stolze Geschichte – und heute führt einen eine kleine, dünne Inderin, Sister Julie, durch die Räume. Und dann gibt es noch Schwester Lourdes, Spanierin, aber längst mit algerischem Pass, sie ist 77 Jahre alt, davon hat sie über fünfzig in Algerien verbracht; dem Mordanschlag der Islamisten 1993 ist sie nur durch einen Zufall entgangen. Man möchte fast wetten: Diesen Ort hier hätte auch Papst Franziskus aufgesucht, wenn er mal nach Algerien gekommen wäre…

(vatican news)

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12. April 2026, 18:40