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Panorama von Jerusalem Panorama von Jerusalem  (AFP or licensors)

Christen in Jerusalem: Erschüttert und besorgt

Auch für Christen sei der neue Gewaltausbruch in Nahost eine Katastrophe, so der deutsche Benediktiner-Abt Nikodemus Schnabel von der Jerusalemer Dormitio-Abtei. Das Österreichische Pilgerhospiz in der Altstadt befürchtet mit Blick auf den Pilgertourismus langfristig wirtschaftliche Einbußen für Christen im Heiligen Land.

Er sei erschüttert, dass der „Mythos der Erlösung durch Gewaltanwendung“ wieder Aufwind erlebe und dass Politiker meinten, Frieden durch Gewalt schaffen zu können, sagte der deutsche Benediktiner-Abt Nikodemus Schnabel von der Jerusalemer Dormitio-Abtei am Samstag der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).

Folgen für einheimische Christen

Für das Heilige Land und besonders für das Leben der Christen sei der neue Gewaltausbruch eine Katastrophe, so der Abt. In den letzten Monaten habe es einen leichten Aufschwung im Pilgertourismus gegeben, von dem 60 Prozent der einheimischen Christen lebten. „Gerade sie werden von der neuen Entwicklung am härtesten getroffen“, sagte Schnabel. Zudem könnten „im Schatten dieses Krieges radikal extremistische Siedler weiter wüten“. Diese hätten in den vergangenen Wochen auch den Christen in den Palästinensergebieten das Leben äußerst schwer gemacht, fügte der Abt hinzu.

Schnabel befürchtet, dass zum bevorstehenden Osterfest nicht so viele ausländische Pilger ins Heilige Land kommen werden wie erwartet. Es habe in den letzten Wochen viele Stornierungen in christlichen Gästehäusern gegeben.

Hoffnung auf Deeskalation

Laut Angaben des Österreichischen Pilgerhospizes in der Jerusalemer Altstadt vom Samstag bleibe die Lage in Jerusalem nach den israelisch-amerikanischen Luftangriffen auf Ziele im Iran und den darauffolgenden Raketenattacken auf Israel angespannt, aber ruhig. Das Pilgerhospiz setze seinen Betrieb vorerst fort und hoffe auf eine rasche Deeskalation, wie Interimsleiter Lucas Maier am Samstag im Telefonat mit der Nachrichtenagentur Kathpress erklärte.

Die Angriffe hätten sich bereits abgezeichnet, so Maier. Als der US-Botschafter in Israel am Freitag angekündigt habe, Ausreisewillige sollten das Land rasch verlassen, sei klar gewesen, dass eine Eskalation unmittelbar bevorstehen könnte. Am Samstagmorgen habe es dann gegen 8 Uhr ersten Voralarm gegeben, um die Menschen in Israel zu wecken, ehe kurz darauf der Angriff Israels und der USA gegen den Iran gestartet seien. Wenig später seien auch iranische Raketen in Richtung Tel Aviv abgefeuert worden.

Wei das Pilgerhospiz die Angriffe erlebte

Gegen 10 Uhr morgens habe es dann auch in Jerusalem Raketenalarm gegeben. Die Stadt selbst sei jedoch nicht direktes Ziel der Angriffe gewesen, betonte Maier. Die Geschosse hätten vor allem Tel Aviv sowie militärische Einrichtungen im Norden und Süden Israels im Visier gehabt. In Jerusalem seien bislang keine Einschläge in unmittelbarer Nähe der Altstadt bekannt und auch nicht anzunehmen, so Maier am Samstag: Die Lage in unmittelbarer Nähe zwischen zentralen Heiligtümern der drei Weltreligionen - Klagemauer, Grabeskirche und Felsendom - sei für die Stadt „wie ein zusätzliches Schutzschild“ neben den militärischen Raketenabwehrsystemen. Als größere Gefahr sehe man herabfallende Trümmerteile abgefangener Raketen, die deshalb schon weit vor der Stadt abgefangen würden.

Das Hospiz verfügt über einen Schutzraum, in dem Gäste und Mitarbeitende bei Alarm Zuflucht finden. Die Stimmung im Haus sei ruhig, Panik gebe es nicht, berichtete Maier. Man habe in den vergangenen Jahren wiederholt Erfahrungen mit ähnlichen Situationen gemacht. Derzeit beherbergt das traditionsreiche Haus unter anderem eine größere französische Pilgergruppe, die sich bereits seit mehreren Tagen im Land aufhält und aufgrund der Sperre des Luftraums kurzfristig nicht ausreisen kann. Da Jerusalem als relativ sicher gilt, versuche die Gruppe ihr Programm fortzusetzen und hoffe auf eine baldige Öffnung des Luftraums.

Offen, wie es weitergeht

Wie sich die Lage entwickeln wird, ist nach Einschätzung Maiers offen. Beim jüngsten militärischen Schlagabtausch im Juni sei nach zwölf Tagen wieder Normalität eingekehrt. Vor Ort stelle sich rasch eine gewisse Routine ein. Für das Pilgerwesen hätten die Folgen jedoch deutlich länger angehalten. Stornierungen hätten sich damals über Monate gezogen, obwohl die Sicherheitslage sich stabilisiert hatte. Das Österreicher-Hospiz sei für das bevorstehende Osterfest nahezu ausgebucht gewesen, nun befürchte man mögliche Absagen der Reiseveranstalter. Nach dem Waffenstillstand im Gazastreifen habe sich das Pilgeraufkommen zuletzt schrittweise erholt.

Massive Einnahmeverluste durch Krieg

Sorge bereitet dem Interimsrektor weniger die unmittelbare Sicherheit als die wirtschaftliche Perspektive. Viele Christen im Heiligen Land lebten vom Pilgertourismus und hätten in den vergangenen Jahren durch Pandemie, Terror und Krieg massive Einnahmeverluste erlitten. Auch das Hospiz habe seine Rücklagen weitgehend aufgebraucht.

Dennoch wolle man offen bleiben. Das Haus verstehe sich als Ort der Begegnung inmitten der Altstadt, und im angeschlossenen Café kämen sowohl jüdische als auch muslimische und christliche Gäste zusammen, viele davon Studierende. „Jeder arbeitet friedlich an seinem Projekt oder seiner Hausübung - was in Israel außergewöhnlich ist. Es zeigt, dass ein Nebeneinander zumindest im ganz Kleinen doch funktionieren kann. Um einen solchen neutralen Ort zu bieten, ist es uns wichtig, offen zu bleiben, auch in Krisenzeiten“, so Maier, der zudem auf die Sorge um die Arbeitsplätze seines Personals verwies.

(kna/kap – pr)

 

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01. März 2026, 11:59