Kirchliche Stimmen zu Nahost: Warnung vor Gewaltspirale
Der Ökumenische Kirchenrat verurteilte die Militärangriffe Israels und der USA gegen den Iran und dessen Vergeltungsschläge. Diese Spirale der Gewalt gefährde Millionen von Zivilisten, untergrabe die regionale und internationale Sicherheit und belaste die ohnehin fragile wirtschaftliche und soziale Stabilität im Nahen Osten, erklärte Generalsekretär Jerry Pillay am Samstag in Genf.
Militärische Konfrontation und Vergeltung könnten weder beständige Sicherheit noch Frieden bringen. Stattdessen brächten sie mehr Leid und erhöhten die Gefahr eines regionalen Flächenbrands mit unvorhersehbaren globalen Folgen, so der Vertreter des Verbands von 356 Kirchen, die zusammen mehr als 580 Millionen Christen repräsentieren. Die römisch-katholische Kirche gehört dem Rat nicht an.
Der Kirchenrat forderte die sofortige Einstellung aller militärischen Aktionen, den Schutz der Zivilbevölkerung, die Wiederaufnahme diplomatischer Verhandlungen und koordinierte internationale Bemühungen zur Verhinderung einer weiteren Eskalation. „Wir appellieren an die politischen Entscheidungsträger, mit Besonnenheit, Verantwortungsbewusstsein und neuem Engagement für friedliche Konfliktbeilegungen zu handeln", erklärte Pillay.
Lackner erinnert an Leid der Zivilbevölkerung im Iran
Der Salzburger Erzbischof Franz Lackner zeigte sich am Sonntag angesichts der dramatischen Entwicklungen im Iran nach der massiven militärischen Eskalation und dem Tod von Ayatollah Ali Khamenei besorgt.
Er verwies auf die anhaltenden Freiheitsbestrebungen der Bevölkerung und rief zum Gebet für Frieden auf. „Die Stimmen Unzähliger innerhalb und außerhalb des Iran rufen nach Veränderung, nach Freiheit und Frieden. Mögen sie im Lärm des Krieges, der nun ein weiteres Mal den Nahen Osten heimsucht, nicht verstummen und nicht zum Schweigen gebracht werden“, erklärte der Vorsitzende der Österreichischen Bischofskonferenz in einer am Sonntag übermittelten Stellungnahme gegenüber Kathpress.
Lackner erinnerte an die Massendemonstrationen im Iran, die vom Regime brutal niedergeschlagen worden seien. „Seit geraumer Zeit und besonders in den letzten Wochen und Monaten war die dramatische Lage der Menschen im Iran, die unter der Gewalt des Regimes leiden, durch keine Internetblockade mehr zu übersehen“, so der Erzbischof. Angesichts der jüngsten Angriffe und Gegenschläge sowie der angekündigten Vergeltung nach der Tötung der iranischen Führungsspitze drohe weiteres Leid für die Zivilbevölkerung. Dem Land sei ein „gerechtes Miteinander“ zu wünschen, das jedoch nur aus Frieden erwachsen könne. Lackners Appell: „Beten wir gemeinsam, auf dass die Entscheidenden und die Mächtigen erleuchtet werden mögen, und dass die innige Sehnsucht nach wahrem Frieden, die so viele Notleidende eint, in ihren Herzen erwachen wolle!“
Grünwidl: „Ich bitte alle, um Frieden zu beten“
Zuvor hatte auch der Wiener Erzbischof Josef Grünwidl zum Gebet aufgerufen. „Ich bitte alle, um Frieden zu beten“, schrieb er in einer Stellungnahme vom Samstag vor dem Eindruck der Raketenangriffe Israels und der USA auf den Iran und dessen Gegenangriffe auf eine Vielzahl von Zielen in Nachbarländern. Hass und Fanatismus seien das größte Hindernis für einen gerechten, dauerhaften Frieden im Nahen und Mittleren Osten, und diese würden durch Bomben nicht geringer, sondern drohten zu eskalieren. Die Antwort darauf sei aus christlicher Perspektive das Gebet. „Beten wir daher mit aller Kraft und Hoffnung um Wunder in den Herzen aller Verantwortlichen. Und nehmen wir die Ereignisse als ernste Mahnung, ganz konkret in unserer eigenen Umgebung friedfertig zu sein“, so Grünwidl.
Staatsmedien bestätigen Tod von Ali Khamenei
Die USA und Israel hatten Samstagfrüh einen großangelegten Militärangriff auf Ziele im Iran begonnen. Nach übereinstimmenden Angaben galten die Schläge sicherheitsrelevanten Einrichtungen sowie führenden Vertretern des Regimes. Iranische Staatsmedien bestätigten am Sonntag den Tod des geistlichen Oberhaupts Ali Khamenei, der seit 1989 an der Spitze der Islamischen Republik gestanden war. Auch der Kommandant der Revolutionsgarden sowie der Verteidigungsminister kamen nach Militärangaben ums Leben. Teheran rief eine 40-tägige Staatstrauer aus, die Revolutionsgarden kündigten eine „harte und abschreckende“ Antwort an.
Der Iran reagierte mit Raketen- und Drohnenangriffen auf Israel sowie auf mehrere Staaten der Region mit US-Militärstützpunkten. Aus iranischen Staatsmedien war unter Berufung auf den Roten Halbmond von Hunderten Toten und Verletzten im Iran die Rede. Israel meldete weitere Angriffswellen auf militärische Ziele. In Teheran kam es Berichten zufolge sowohl zu spontanen Jubelszenen als auch zu erhöhter Sicherheitspräsenz. International wuchs die Sorge vor einer weiteren Eskalation des Konflikts.
UN-Generalsekretär fordert Rückkehr an Verhandlungstisch
In Österreich trat nach der Zuspitzung ein Krisenstab im Außenministerium zusammen. Die Reisewarnungen für mehrere Staaten der Region wurden verschärft. Außenministerin Beate Meinl-Reisinger warnte vor einer militärischen Eskalationsspirale und rief zur Deeskalation auf. Bundeskanzler Christian Stocker forderte den Schutz der Zivilbevölkerung und eine Rückkehr zur Diplomatie, Vizekanzler Andreas Babler verurteilte weitere militärische Gewalt. Die Sicherheitsbehörden erhöhten den Schutz israelischer, iranischer und amerikanischer Einrichtungen in Österreich.
Die Vereinten Nationen und das Internationale Komitee vom Roten Kreuz zeigten sich tief besorgt. UN-Generalsekretär António Guterres forderte eine sofortige Einstellung der Feindseligkeiten und eine Rückkehr an den Verhandlungstisch. Das Rote Kreuz warnte vor einer gefährlichen Kettenreaktion mit verheerenden Folgen für die Zivilbevölkerung und mahnte die Einhaltung des humanitären Völkerrechts an.
(kap – pr)
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