Vertriebene im Sudan Vertriebene im Sudan  (AFP or licensors)

Sudan: Aktivistin fordert mehr Hilfe für lokale Netzwerke

Die sudanesische Aktivistin Duaa Tarig hat in Rom auf die dramatische Lage im Sudan aufmerksam gemacht und mehr internationale Unterstützung für lokale Hilfsstrukturen gefordert. Die junge Vertreterin der Emergency Response Rooms sprach im Istituto Luigi Sturzo über Krieg, Vertreibung und die Rolle kirchlicher Aufmerksamkeit, wir interviewten sie im Anschluss.

Giada Aquilino und Gudrun Sailer – Vatikanstadt

Das Netzwerk der Emergency Response Rooms (ERRs) gilt als Rückgrat der humanitären Hilfe im Krisenland Sudan. Es handelt sich um Anlaufstellen inmitten von Bürgerkrieg, Gewalt und einem zerfallenden Staat. Tarig beschrieb eine zersplitterte militärische Lage. „Zunächst einmal ist die Lage vor Ort in vier militärische Kontrollgebiete aufgeteilt. Die sudanesischen Streitkräfte kontrollieren den größten Teil des Landes, dazu kommen die RSF, die SPLM im Süden von Kordofan und weitere Gruppen“, erklärte sie.

Hier zum Hören:

Die Lebensbedingungen unterschieden sich stark je nach Region. „Es gibt Menschen an den Frontlinien, andere kommen aus Gebieten mit Völkermord wie Nord-Darfur, und es gibt Orte wie Khartum, wo der Krieg erst im April aufgehört hat.“ In den Gegenden ohne Kriegserfahrung litten ohnehin arme Menschen zusätzlich unter dem Ansturm von Vertriebenen. Millionen Binnenvertriebene lebten in provisorischen Unterkünften. Freiwillige der Emergency Response Rooms bauten Schutzräume auf und versorgten Familien mit Lebensmitteln und Bildungsangeboten.

Lokale Hilfe

Emergency Response Rooms knüpfen an örtliche Traditionen gegenseitiger Hilfe im Sudan an und sind inzwischen mit Nothilfeanlaufstellen in allen Bundesstaaten des Sudan aktiv. Ein zentrales Element der Hilfe seien sogenannte Gemeinschaftsküchen. „Die Gemeinschaftsküchen sind physische Orte in den Stadtvierteln, in denen wir arbeiten. Wir nehmen Schulen, Kliniken oder öffentliche Räume und verwandeln sie in Küchen, um täglich eine warme Mahlzeit anzubieten“, erklärte Tarig. Rund um diese Orte entstünden Frauenräume, Bildungsangebote und Treffpunkte für ganze Familien. „Alle Familien kommen vom Morgen bis zum Sonnenuntergang zusammen. Männer entzünden das Feuer, Frauen kochen, Kinder nehmen an alternativen Bildungsprogrammen teil.“

Duaa Tarig
Duaa Tarig

Die Aktivistin hob die besondere Rolle von Frauen hervor. Die Organisation arbeite bewusst frauen­geführt und setze auf lokale Lösungen bei geschlechtsspezifischer Gewalt. „Internationale Programme funktionieren während Belagerungen oft nicht, weil es keinen Zugang zu Organisationen oder medizinischer Hilfe gibt. Deshalb suchen wir Lösungen, die aus der Gemeinschaft selbst kommen“, sagte sie. Ziel bleibe eine stärkere Beteiligung von Frauen an Entscheidungen und am Wiederaufbau.

Besonders kritisch schilderte sie die Lage im Bildungsbereich. „Die Situation ist düster. Die meisten Schulen sind beschädigt, das Bildungssystem war schon vor dem Krieg schwach“, erklärte sie. Viele Gebäude hätten weder Wände noch Sitzplätze. Freiwillige rekonstruierten Schulen, installierten Solarpaneele und organisierten Mahlzeiten, um Kinder zurück in sichere Räume zu bringen. „Viele Kinder haben Waffen, Panzer und Kampfjets gesehen oder Familien verloren. Sie sind stark traumatisiert“, sagte Tarig. Bildungsprogramme zielten deshalb auch auf emotionale Stabilisierung und Schutz.

Trotz fehlender humanitärer Korridore verfüge das Netzwerk über ein dichtes lokales Informationssystem. „Wir haben 26.000 Freiwillige in allen Bundesstaaten des Sudan. Wir erhalten lebenswichtige Daten direkt vom Boden und bereiten Schutzräume vor, wenn Angriffe drohen“, erklärte sie. Lange Zeit habe die internationale Gemeinschaft die Initiative nicht als Hilfsorganisation anerkannt, was den Zugang zu Ressourcen erschwert habe.

Konferenz in Rom
Konferenz in Rom

Zum Abschluss betonte Tarig die Bedeutung internationaler Aufmerksamkeit, auch durch kirchliche Stimmen. „Wenn der Papst über Sudan spricht, kommen die Menschen zusammen und fühlen sich nicht vergessen. Solidarität gibt Hoffnung und lässt die Menschen spüren, dass sie Teil von etwas Größerem sind“, sagte sie. Die Worte von Papst Leo XIV. hätten daher für viele Betroffene eine konkrete moralische Wirkung.

Die Podiumsdiskussion „Sudan – The Silent Catastrophe“ organisierte die Hanns-Seidel-Stiftung für Italien und den Vatikan gemeinsam mit der deutschen Botschaft bei den Vereinten Nationen. Tarig nahm im Rahmen einer Reise nach Deutschland auf Einladung des Auswärtigen Amtes teil.

(vatican news – gs)

Danke, dass Sie diesen Artikel gelesen haben. Wenn Sie auf dem Laufenden bleiben wollen, können Sie hier unseren Newsletter bestellen.

26. Februar 2026, 13:40