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Mario Galgano und Weihbischof Wolodymyr Hruza Mario Galgano und Weihbischof Wolodymyr Hruza 

Überleben bei Dauerfrost: Die Ukraine im Griff des vierten Krieg

Dauerfrost, Stromausfälle und Militärfriedhöfe, die wachsen. Der ukrainische Weihbischof Wolodymyr Hruza spricht im Gespräch mit dem Kölner Domradio über den vierten Kriegswinter, die seelsorgliche Arbeit der Kirche und die Kraft des Glaubens in einer Zeit, in der vieles zerbricht.

Bei Temperaturen von weit unter minus 10 Grad ist die Infrastruktur am Limit. Schätzungsweise eine Million Menschen in Kyiv sind ohne Strom, Tausende ohne Heizung. „Viele unserer Kirchen sind jetzt zu Zufluchtsorten geworden“, erklärt Weihbischof Hruza. In der Kathedrale von Kyiv können sich Menschen Tag und Nacht aufwärmen, essen und ihre Mobiltelefone aufladen – eine lebenswichtige Verbindung, um Nachricht von Angehörigen an der Front oder im Ausland zu erhalten. „Diese Ungewissheit ist das Schlimmste“, so der Bischof.

Klare Worte Richtung Weltpolitik

Mit Blick auf das Treffen zwischen US-Präsident Donald Trump und Präsident Wolodymyr Selenskyj in Davos zeigt sich Hruza nachdenklich. Trumps Aussage, die USA seien durch einen „großen, schönen Ozean“ vom Konflikt getrennt und Europa sei allein zuständig, tritt der Bischof entschieden entgegen. Es gehe nicht um Territorien, sondern um „Imperialismus und die Machtdemonstration Richtung Europa“. Er warnt: „Wenn sich jeder nimmt, was er will, nur aufgrund seiner Stärke, wo führt das hin? In welcher Welt werden wir dann leben?“

Trotz der internationalen Krisen – von den Unruhen in Venezuela bis hin zu den Spannungen im Nahen Osten – hätten die Ukrainer ihre Angst weitgehend verloren. „Wir hoffen auf Gott und seine Hilfe. Der Mensch hat diesen Krieg begonnen und niemand ist mehr imstande, ihn zu beenden“, beschreibt Hruza das Gefühl einer Bevölkerung, die bereits unermessliche Opfer gebracht hat.

„Arbeit hinter der Front“

Ein Zeichen der Hoffnung setzt die Kirche durch die Fortführung ihres pastoralen Lebens. Trotz des Krieges werden weiterhin Priester geweiht. „Wir wollen die Menschen an die frohe Botschaft erinnern. Wie sonst sollen sie Kraft schöpfen?“, fragt der Weihbischof. Während in den Städten versucht wird, eine gewisse Normalität aufrechtzuerhalten, zeigt der Blick auf die Militärfriedhöfe die grausame Realität: Diese müssen ständig erweitert werden, da der Platz für die gefallenen Soldaten nicht mehr ausreicht.

Die Aufgabe der Kirche sieht Hruza vor allem im Trösten und Heilen. „Wir können Tränen trocknen und Menschen umarmen. Ich nenne das die Arbeit ‚hinter der Front‘.“ Besonders dankbar zeigt er sich für die internationale Solidarität, etwa durch das Erzbistum Köln, das den Aufbau eines Rehabilitationszentrums für traumatisierte Kriegsopfer unterstützt.

Die Wahrheit als gefährdetes Gut

Abschließend richtet der Weihbischof einen Appell an die Weltkirche: Er bittet darum, weiterhin „an der Seite der Wahrheit zu stehen“. Denn, so mahnt Hruza treffend: „Im Krieg stirbt die Wahrheit zuerst.“

(domradio - mg)

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24. Januar 2026, 10:37