Syrien/Nordirak: Kurden und Jesiden fürchten Angriffe
„In Telefongesprächen mit Jesiden aus der Region wurde uns immer wieder die Sorge vor möglichen Angriffen sunnitischer Islamisten geschildert. Sie haben große Angst, denn ihre Gemeinschaft war bereits 2014 Opfer eines Völkermordes durch den IS“, berichtet der Nahost-Referent der GfbV, Kamal Sido, diesen Mittwoch in einer Pressemitteilung der Organisation. Viele Jesiden befürchteten angesichts der aktuellen Entwicklungen, dass sich die Geschichte wiederhole, so Sido. Die Truppen des neuen islamistischen Regimes in Damaskus bestünden zu etwa 75 Prozent aus ehemaligen IS-Mitgliedern, al-Qaida-Kämpfern oder anderen radikalen sunnitischen Islamisten. Zudem hätten sich Tausende IS-Kämpfer aus Gefängnissen im Nordosten Syriens befreit oder sie seien vom neuen syrischen Regime freigelassen worden.
Politik gefordert
„Weder die NATO noch die USA scheinen bereit zu sein, die jesidische Bevölkerung zu schützen, denn sie sehen in arabisch-sunnitischen Islamisten, insbesondere im neuen Regime in Damaskus, offenbar die besten Verbündeten“, so Sido. „Viele Jesiden und Angehörige anderer Minderheiten sind empört, dass die Trump-Administration, viele deutsche Politiker und Medien die sunnitischen Islamisten, die in Syrien die Macht übernommen haben, verharmlosen, mit ihnen sympathisieren oder sie sogar unterstützen“, sagt der Menschenrechtler, der zuletzt 2023 das Sinjar-Gebiet bereiste und laut der GfbV im ständigen Kontakt mit den Menschen vor Ort steht.
Vor fast genau zwei Jahren, am 19. Januar 2023, erkannte der Deutsche Bundestag die Verbrechen des IS an den Jeziden als Völkermord an. „Wir fordern die Abgeordneten, die sich damals für die Anerkennung stark gemacht haben, auf, sich an die Seite der Jesiden und anderer Minderheiten zu stellen“, sagt Sido.
Hintergrund
Unterstützt von zahlreichen sunnitischen Stämmen überfiel der IS im August 2014 die jesidische Gemeinschaft im nordirakischen Sinjar, um sie auszulöschen. Dabei wurden mindestens 5.000 Menschen ermordet. Zudem wurden etwa 7.000 Frauen und Mädchen in die Sklaverei verschleppt. 2.000 von ihnen gelten bis heute als vermisst. Hunderttausende Jesiden mussten fliehen. Schätzungen der GfbV zufolge sind etwa 200.000 Jesiden, die den Völkermord überlebt haben, in ihre Heimat, die Sinjar-Region, zurückgekehrt. Etwa 300.000 weitere Jeziden aus Sinjar leben immer noch in Irakisch-Kurdistan, wo sie 2014 vor dem IS Zuflucht gefunden haben.
(pm - sst)
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