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Rauch steigt über den kurdischen Vierteln Scheich Maksud und Ashrafiyeh von Aleppo auf Rauch steigt über den kurdischen Vierteln Scheich Maksud und Ashrafiyeh von Aleppo auf  (AFP or licensors)

Jesuit in Aleppo: „Wir beten und arbeiten für den Frieden“

An diesem Donnerstagnachmittag ist nach einer kurzen Feuerpause der schwere Beschuss von zwei kurdischen Vierteln in Aleppo wieder angegangen. Wie die Situation in der Stadt aktuell ist, das fragten wir den österreichischen Jesuiten Gerald Baumgartner. Er lebt seit Mai 2025 in Aleppo, zuvor war er zwei Jahre in Homs tätig. Wir sprachen mit ihm, während die Einschüsse in der Umgebung deutlich zu hören waren.

Christine Seuss - Vatikanstadt

Sie sind jetzt gerade in Aleppo. Können Sie uns beschreiben, wie die Situation dort ist?

„Genau, ich bin in Aleppo. In dem Viertel, in dem unsere Kommunität ist, in der wir leben, Azizieh. Das ist ungefähr zwei Kilometer entfernt von den kurdischen Vierteln, wo die Auseinandersetzungen jetzt gerade stattfinden. Ich war eben noch in einem anderen Teil der Stadt, um die Beichte abzunehmen. Dort hört man überhaupt nichts. Bei uns ist es so, dass man sehr viele Schüsse hört, sehr viele Einschläge, aber das ist alles rund einen Kilometer entfernt. Je näher man zu diesen Vierteln kommt, desto mehr passiert es, dass irgendwo kleinere Raketen niedergehen oder dass geschossen wird. Aber eigentlich konzentriert sich das gesamte Kampfgeschehen auf diese beiden Viertel.“

Leere Straßen in Aleppo
Leere Straßen in Aleppo   (AFP or licensors)

Situation ändert sich von Viertel zu Viertel

Wie ist denn die Situation der Bevölkerung, der Zivilbevölkerung, in diesem Moment?

„Das verhält sich genauso wie mit der Situation in den verschiedenen Vierteln. Also es ist tatsächlich sehr, sehr unterschiedlich. Aus den betroffenen Vierteln Scheich Maksud und Ashrafiyeh fliehen die Leute massenhaft, wahrscheinlich sind es zehntausende, die diese Viertel in den letzten 48 Stunden jetzt verlassen haben. Zehntausende sind aufs Land geflüchtet und auch in die umliegenden Viertel. Dort leben viele Christen. Ich bin zum Beispiel der geistliche Leiter der Pfadfinderinnengruppe, deswegen weiß ich, dass einige von den Leiterinnen von dort zu unserem Viertel gekommen sind. Also es gibt Viertel, wo man einfach nicht auf die Straße kann, wo man nicht raus kann. Es gibt aber auch Viertel, wo tatsächlich das Leben ganz normal weitergeht. Je weiter man weg ist von diesen Vierteln, wo gekämpft wird, desto normaler wird es. Je näher man hingeht, desto mehr Einschläge gibt es und desto gefährlicher wird es. Also niemand kann in diese Viertel rein.

Hier das gesamte Interview zum Nachhören

Ich habe vorher gerade mit einem Taxifahrer geredet, mit dem ich zurückgekommen bin. Der hat gesagt, dass es heute einen Checkpoint gibt, so ungefähr 500 Meter vor der Grenze dieser Viertel. Und da kann eigentlich niemand rein, außer die die Zivilisten dort. Aber dort wird natürlich gekämpft. Es werden jetzt gezielt bestimmte Gebäude anvisiert. Jetzt ist der Beschuss gerade sehr massiv seit ungefähr zwei Stunden. Das war vorher ein bisschen anders. Im Vorfeld kursierten Bilder von bestimmten Gebäuden im Netz, die von der Regierung in Umlauf gebracht wurden. Dier werden jetzt bombardiert. Und es ist natürlich so, dass, so lange bombardiert wird, niemand dort herausgeholt werden kann.“

Rauch über Aleppo
Rauch über Aleppo   (AFP or licensors)

Schwierig, einen geordneten Plan zu machen

Wie helfen Sie als Gemeinschaft den Menschen? Haben Sie sich in gewisser Weise organisiert, mit dem Vikariat beispielsweise?

„Also da muss ich sagen, dass es noch keine wirklichen koordinierten Maßnahmen gibt. Es gibt bestimmte Kirchen, die, wenn sie die Möglichkeit haben, ihre Pforten geöffnet haben. Wir vom Jesuiten-Flüchtlingsdienst schauen in Abstimmung mit Nichtregierungsorganisationen, was wir machen können. Man muss auch sagen, dass gerade viele der Flüchtling oder der Vertriebenen sofort raus aus der Stadt gehen. Das Gros der Flüchtlinge sind Kurden. Die Christen trifft es insofern, wenn sie in der Nähe der beschossenen Viertel wohnen. Aber sie sind nicht direkt im Visier. Die Situation ist noch viel zu instabil und chaotisch. Also wir wissen nie, was jetzt gleich passiert, ob es morgen aufhören wird oder ob es noch länger dauert. Was ist genau das Ziel der verschiedenen Gruppen? Das ist nicht bekannt oder zumindest nicht klar ausgesprochen. Insofern ist es schwierig, einen geordneten Plan zu machen.“

Einsatzkräfte versuchen, ein Feuer zu löschen, das in Aleppo nach Beschuss ausgebrochen ist
Einsatzkräfte versuchen, ein Feuer zu löschen, das in Aleppo nach Beschuss ausgebrochen ist   (KARAM AL-MASRI)

Haben Sie denn einen Appell an die internationale Gemeinschaft und vielleicht auch an die Weltkirche zu dem, was Sie jetzt gerade persönlich hier miterleben.

„An die internationale Gemeinschaft? Ich bin natürlich kein Politiker… Ich habe nicht viele Appelle, außer dass womöglich am besten versucht wird, Vermittlungen herzustellen zwischen der neuen syrischen Regierung und den Kurden. Denn jetzt leidet einfach die Zivilbevölkerung darunter, dass sich diese Parteien nicht einigen können. Und hauptsächlich sterben Zivilisten, die Verhandlungsmasse sind für diese beiden Parteien, was natürlich völlig inakzeptabel ist.

Was die Weltkirche betrifft: Es gibt eine christliche Gemeinschaft hier. Die christliche Gemeinschaft hier ist wichtig, weil sie etwas beisteuern kann in dieser syrischen Gesellschaft. Weil sie Vielfalt beisteuern kann, weil sie eine Botschaft hat, und weil eine christliche Präsenz einen Unterschied macht. Die aktuellen Geschehnisse reihen sich ein in die Geschehnisse von den vergangenen Monaten und Jahren, die die Christen dazu gebracht haben, dieses Land scharenweise zu verlassen. Ich habe zwei Appelle: Dass die Unterstützung für Syrien weitergeht. Und zweitens für die Leute, die es nicht mehr aushalten, die raus müssen, die einen Weg finden zu flüchten: dass sie gute Aufnahme finden in den verschiedenen Ländern und dass die Kirche da mitwirkt.“

Ärzte versorgen einen Verletzten
Ärzte versorgen einen Verletzten   (KARAM AL-MASRI)

„Die Menschen sind schwer traumatisiert“

Wie schätzen Sie denn die nächsten Entwicklungen ein? Ohne in die Zukunft sehen zu können, natürlich, aber was erwarten Sie sich jetzt von den kommenden Tagen?

„Es ist ja nicht das erste Mal, dass jetzt so geschossen wird. Wir mussten zum Beispiel unsere Weihnachtsmesse am 22. Dezember mit den Pfadfinderinnen absagen, weil eine Stunde vor der Messe plötzlich geschossen worden ist, und zwar Artillerie. Damals hat es immer nach ein paar Stunden aufgehört, jetzt ist es seit drei Tagen so…. Man kann nicht sagen, wie lange das dauert. Es könnte tatsächlich sein, dass das nach diesem massiven Beschuss heute die beiden Viertel übergeben werden und dass wieder etwas mehr Ruhe einkehrt.

Wir versuchen auszuharren. Wir versuchen, die Leute, die uns anvertraut sind, in unserer Gemeinde geistlich aufzubauen. Ich bin mit ihnen in Kontakt über WhatsApp vor allem. Wir machen kleine Gebete, wir versuchen, die Häuser rundum zu besuchen. Die Menschen haben sehr, sehr viel Angst. Die Menschen sind schwer traumatisiert von den 14 Jahren Krieg und jedes Geräusch lässt sie diese ganzen 14 Jahre wieder neu erleben und diese Angst hochkommen. Ich weiß nicht, wie es sein wird. Wir beten dafür und arbeiten dafür, dass endlich Frieden einkehrt und dass der Weg zur Versöhnung irgendwie gebahnt werden kann.“

Unser Ansprechpartner, Gerald Baumgartner SJ
Unser Ansprechpartner, Gerald Baumgartner SJ   (Emile J. Skaff)

(vatican news)

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08. Januar 2026, 17:01