Syrische Truppen kontrollieren die Straßen in der Nähe von Raqqa  (Agenturfoto) Syrische Truppen kontrollieren die Straßen in der Nähe von Raqqa (Agenturfoto)  (AFP or licensors)

Caritas Aleppo: Fragile Waffenruhe, weiter viele Vertriebene

Der rasche Vormarsch der syrischen Armee hat zum Rückzug der Kurden in ihre Hochburgen an der Grenze zur Türkei und zum Irak geführt. Die Internationale Organisation für Migration (IOM) geht von mehr als 130.000 Vertriebenen aufgrund der jüngsten Kämpfe in der Region Hasaka aus. Wir haben mit einem Mitarbeiter von Caritas Italien in Aleppo gesprochen: „Nach so vielen Jahren des Krieges ist es unerlässlich, an Versöhnung zu arbeiten“, sagt uns Davide Chiarot.

Valerio Palombaro und Stefanie Stahlhofen - Vatikanstadt

Die Kurden der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) haben sich rasch aus den von ihnen verwalteten Gebieten östlich des Euphrat zurückgezogen. Die Lage in der Hochburg Hasaka im äußersten Nordosten Syriensist  weiterhin angespannt und ungewiss. Ein am Dienstag begonnener Waffenstillstand, den die Übergangsregierung und die SDF ausgehandelt haben, soll noch bis diesen Samstag gelten. Für Caritas-Mitarbeiter Davide Chiarot ein Schritt auf dem steinigen Weg zu Stabilität und Frieden im Land:

„Es gibt weiterhin Unsicherheit und Sorge darüber, wie sich dieser Waffenstillstand weiterentwickeln wird, der derzeit im Osten des Landes sehr fragil ist“

„In Aleppo ist die Lage gerade relativ normal, nachdem es zu Beginn des Jahres zu heftigen Zusammenstößen in Vierteln mit kurdischer Mehrheit gekommen war. Aber es gibt weiterhin Unsicherheit und Sorge darüber, wie sich dieser Waffenstillstand weiterentwickeln wird, der derzeit im Osten des Landes sehr fragil ist."

Zum Hören: Davide Chiarot von Caritas Italien in Aleppo zur Lage in Syrien - fragile Waffenruhe, Christen als Vermittler akzeptiert (Audio-Beitrag von Radio Vatikan)

Pläne zur Befriedung

Die Waffenruhe soll genutzt werden, um einen Plan zur praktischen Integration der Provinz Hasaka auszuarbeiten. Ziel der Übergangsregierung in Damaskus ist es, Syrien nach dem Sturz von Machthaber Bashar al-Assad zu einen. Für die Kurden, die im Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) einer der wichtigsten Verbündeten der USA waren, bedeutet das im Umkehrschluss, dass sie Gebiete, Macht und erkämpfte Rechte verlieren könnten oder abgeben müssen. Nach vorläufigen Vereinbarungen soll den Kurden im Nordosten Syriens eine begrenzte Autonomie bleiben, allerdings nur in der Provinz Hasaka. Noch zu klären ist neben der Kontrolle über diese Provinz auch die tatsächliche Integration der Kurden in die syrische Armee. Im Gegenzug für die Integration der Kurden haben sich die SDF aus den großen Städten im Nordosten wie Raqqa und Deir el Zor zurückgezogen.

Die Menschen vor Ort seien aktuell sehr vorsichtig und auch besorgt, berichtet uns der Mitarbeiter von Caritas Aleppo: 

  (ANSA)

„Die Lage ist noch sehr konfus. Es gibt Nachrichten die beide Seiten gegenseitig beschuldigen, die Feuerpause zu verletzen. Und dann ist da noch die große Frage, was mit den IS-Häftlingen ist“

„Die Lage ist noch sehr konfus. Es gibt Nachrichten die beide Seiten gegenseitig beschuldigen, die Feuerpause zu verletzen. Und dann ist da noch die große Frage, was mit den IS-Häftlingen ist..."

Möglicher IS-Terror bereitet Sorge

Bei den Kämpfen zwischen den kurdischen Truppen und der syrischen Armee waren zahlreiche Mitglieder der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) aus Gefängnissen und Lagern entkommen. Die syrischen Regierungstruppen haben die vollständige Kontrolle über das Gefängnis von Al Aqtan im Gouvernement Raqqa übernommen, nachdem sie bereits das riesige Lager al-Hol wenige Kilometer von der irakischen Grenze entfernt übernommen hatten, in dem Tausende von Personen untergebracht sind, die der Zugehörigkeit zum IS verdächtigt werden. Die Vereinigten Staaten sind bereits mit Operationen beschäftigt, um bis zu 7.000 IS-Häftlinge in den Irak zu überstellen. 

  (ANSA)

„Allerdings sind Sabotageakte, Terroranschläge und Attentate nach wie vor eine sehr reale Bedrohung, das ist es auch, was den Menschen hier aktuell die größten Sorgen bereitet“

„Allerdings sind Sabotageakte, Terroranschläge und Attentate nach wie vor eine sehr reale Bedrohung, das ist es auch, was den Menschen hier aktuell die größten Sorgen bereitet", meint Davide Chiarot.

 „Amnesty International" hatte jüngst gefordert, die Beweise für die vom Islamischen Staat begangenen Verbrechen gegen das Völkerrecht, einschließlich der Orte der Gräueltaten und der Massengräber, zu sichern.

Hoffnung auf Frieden 

Die Nichtregierungsorganisation „Save The Children" prangert unterdessen die prekäre Lage der etwa 20.000 Kinder in den Flüchtlingslagern im Nordosten Syriens an und die „Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte" berichtete über eine „schwere humanitäre Notlage” in Kobane (an der nördlichen Grenze zur Türkei), wo die Kurden isoliert seien. Die Menschen vor Ort wünschen sich in dieser komplexen Lage laut dem Mitarbeiter von Caritas Aleppo, dass es am Ende endlich ein befriedetes und geeintes Syrien geben möge - dabei könnten auch die Christen helfen:

„Die Rolle der Christen wird als wichtige Vermittlerrolle anerkannt. Das wird auch von der politischen Führung anerkannt, wenn auch nicht so öffentlich, aber wenn Christen Beziehungen und Dialog ermöglichen, wird das anerkannt“

„Die Rolle der Christen wird als wichtige Vermittlerrolle anerkannt. Das wird auch von der politischen Führung anerkannt, wenn auch nicht so öffentlich, aber wenn Christen Beziehungen und Dialog ermöglichen, wird das anerkannt.”

  (AFP or licensors)

„Für uns ist auch sehr wichtig, vor allem mit jungen Menschen intensiv an den Themen Frieden, Konfliktbewältigung und Versöhnung zu arbeiten. Dies sind grundlegende Aspekte, um eine Gesellschaft zusammenzuhalten, die einen so langen Konflikt hinter sich lassen will“

Und die Caritas hilft weiterhin den Vertriebenen und Bedürftigen vor Ort: „Neben der Nothilfe, wie zum Beispiel in Aleppo, leisten wir schon seit Jahren Unterstützung beim Wiederaufbau nach dem Erdbeben, es gibt Initiativen zur beruflichen Bildung, um Arbeitsmöglichkeiten zu schaffen, damit die Syrer nicht nur die  Perspektive sehen, das Land zu verlassen.“ 14 Jahre verheerender Bürgerkrieg, der fast elf Millionen Syrer ins Ausland getrieben hat, haben Spuren hinterlassen. „Für uns ist auch sehr wichtig, vor allem mit jungen Menschen intensiv an den Themen Frieden, Konfliktbewältigung und Versöhnung zu arbeiten. Dies sind grundlegende Aspekte, um eine Gesellschaft zusammenzuhalten, die einen so langen Konflikt hinter sich lassen will - neben der humanitären Hilfe, die natürlich auch sehr dringend und wichtig ist."

(vatican news - sst) 

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23. Januar 2026, 10:35