Goldene Zeiten für „Waffen-Finanz“: Wie Kriege die Börsenkurse treiben
Stefano Leszczynski - Vatikanstadt
Während die bloße Hoffnung auf einen Frieden zwischen Russland und der Ukraine die europäischen Verteidigungswerte im vergangenen Herbst kurzzeitig einbrechen ließ, treiben neue geopolitische Spannungen die Kurse nun wieder in die Höhe. An der Wall Street schossen Rüstungstitel zuletzt um zehn Prozent nach oben. Finanzanalysten sehen darin eine direkte Reaktion auf die Ankündigung von US-Präsident Trump, die Militärausgaben bis 2027 auf 1,5 Billionen Dollar zu steigern – eine Summe, die die vom Kongress für 2026 genehmigte Obergrenze von 900 Milliarden Dollar bei weitem übersteigt.
Boom der europäischen Rüstungsindustrie
Auch in Europa bleibt der Sektor für Investoren vielversprechend. Grund dafür ist unter anderem der europäische Aufrüstungsplan „Readiness 2030“ mit einem Volumen von 800 Milliarden Euro. Die Zurückhaltung der USA, die NATO-Staaten weiterhin im gewohnten Maße zu finanzieren, hat zu einer beispiellosen Kurssteigerung geführt: In den vergangenen vier Jahren legte die deutsche Rheinmetall um 1.724 Prozent zu, der italienische Konzern Leonardo um 758 Prozent und die französische Thales um 203 Prozent. Angesichts der neuen NATO-Vorgabe, bis 2035 fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) für Verteidigung auszugeben, wird mit einem weiteren Schub gerechnet.
Finanzexperten sind überzeugt, dass es sich trotz der astronomischen Kurssprünge nicht um eine Spekulationsblase handelt. „Das Marktwachstum basiert auf dem Versprechen künftiger Staatsinvestitionen“, erklärt Simone Siliani, Direktor der Stiftung Finanza Etica. Der Wertzuwachs gehe weit über die tatsächliche Produktionskapazität der Unternehmen hinaus und sei allein durch die anhaltenden geopolitischen Spannungen gedeckt.
Die Unwissenheit der Sparer
Diese Entwicklung befeuert einen ethisch höchst fragwürdigen Kreislauf. Siliani betont, dass die Mehrheit der Menschen in Europa nicht möchte, dass ihr Erspartes in Waffen fließt: „Den Sparern ist klar: Je mehr Waffen produziert werden, desto wahrscheinlicher werden sie eingesetzt und befeuern Kriege.“ Dennoch sei es für Kunden immer schwieriger, den Überblick zu behalten.
Die Fonds nutzen eine Art „Versteckspiel“, um Rüstungsbeteiligungen zu tarnen. In einem Aktienfonds mit 50 oder 100 verschiedenen Emittenten (Wirtschaftssubjekt, Anm. d. Red.) lassen sich solche Unternehmen leicht verstecken. Besonders perfide: Nach aktuellen EU-Regulierungen finden sich Rüstungsfirmen immer häufiger sogar in sogenannten „nachhaltigen“ Fonds (gemäß Artikel 8 und 9 der EU-Taxonomie). Um dieser Intransparenz entgegenzuwirken, veröffentlicht Finanza Etica jährlich den Bericht „ZeroArmi“, der die Verflechtungen der großen Bankengruppen mit der Rüstungsindustrie offenlegt.
Schulden für die Zukunft
Die Aufrüstungswelle wird auch durch politische Sonderregeln begünstigt. Während China und Russland ihre Militärbudgets drastisch erhöhen, nutzen EU-Staaten Programme wie „Rearm Europe“, um die strengen Defizitkriterien des Stabilitätspakts zu umgehen. Verteidigungsausgaben werden zunehmend nicht mehr als normale Staatsausgaben gewertet, die das Defizit belasten.
Für die Regierungen von heute mag dies ein wirtschaftlicher Segen sein, doch Siliani warnt vor den langfristigen Folgen: „Für die junge Generation ist dies eine Schuld, die irgendwann bezahlt werden muss. In den 30er und 40er Jahren dieses Jahrhunderts wird dieses Geld bei der Gesundheitsversorgung, der Bildung und dem Sozialwesen fehlen.“
(vatican news - mg)
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