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Truppen treffen am 23. Januar in Kobane ein Truppen treffen am 23. Januar in Kobane ein  (AFP or licensors)

Zwischen den Fronten: Die ungewisse Zukunft der syrischen Kurden

Jahrelang galten sie als das verlässlichste Bollwerk gegen den Islamischen Staat (IS). Doch im neuen Syrien des Übergangspräsidenten Faruk al-Sharaa kämpfen die syrischen Kurden um ihr politisches Überleben. Während Damaskus die volle Kontrolle über das Staatsgebiet zurückfordert, geraten die kurdisch geführten Kräfte zunehmend in die Isolation.

Delphine Allaire und Mario Galgano - Vatikanstadt

An diesem Montag zeichnete Nadim Houry, Direktor der „Arab Reform Initiative“ in Paris, im Gespräch mit Radio Vatikan ein ernüchterndes Bild der Lage. Die Realität auf dem Boden habe den Traum von einer autonomen Region, bekannt als Rojava, faktisch überholt. „Das Gleichgewicht der Kräfte und die strategische Lage spielen derzeit nicht zu ihren Gunsten“, so Houry.

Bröckelnde Allianzen und militärischer Druck

Besonders schwer wiegt der Wandel in der internationalen Unterstützung. Lange Zeit konnten sich die Kurden auf die USA verlassen. Doch angesichts der neuen syrischen Führung haben sich die Prioritäten in Washington verschoben. Houry berichtet von einer klaren Ansage der Amerikaner an ihre einstigen Verbündeten: „Zwingt uns nicht, zwischen euch und Damaskus zu wählen – ihr werdet mit unserer Wahl möglicherweise nicht zufrieden sein“.

Die regionale Stimmung zielt auf eine Stabilisierung Syriens durch einen starken Zentralstaat ab – ein Szenario, das den kurdischen Autonomiebestrebungen direkt entgegenwirkt. Allerdings fehlt einer rein kurdischen Entität die wirtschaftliche Lebensfähigkeit.

Syrien: Die Kurden im Norden zwischen den Fronten - eine Analyse von Radio Vatikan

Der Kampf um Kobane

Während hinter den Kulissen zäh verhandelt wird, sprechen auf dem Schlachtfeld die Waffen. In der Region um Kobané kommt es weiterhin zu heftigen Gefechten zwischen den Demokratischen Kräften Syriens (FDS) und der syrischen Armee. Die Kurden warfen dem Militär am Montag vor, durch Luftangriffe auf zivile Ziele den Tod von fünf Menschen verursacht zu haben. Humanitäre Hilfe des UNHCR erreicht die verzweifelten Vertriebenen erst seit kurzem. 

Integration oder Unterwerfung?

Die Verhandlungsposition von Damaskus sei heute deutlich stärker als noch vor einem Jahr. Die zentralen Forderungen der Regierung seien klar: Die kurdischen Verbände müssten vollständig in die syrische Armee integriert werden, und der Zentralstaat müsse in allen Gebieten präsent sein. Damaskus lehnt jede Form von Föderalismus strikt ab. „Es herrscht die alte Angst, dass Föderalismus der erste Schritt zum Zerfall des Staates ist“, erklärt Houry. Da Minderheiten wie Kurden, Drusen und Alawiten vor allem in den Grenzregionen leben, fürchten die neuen Herren in der Hauptstadt eine Kettenreaktion von Autonomieforderungen.

Spaltung innerhalb der kurdischen Führung

Innerhalb der kurdischen Bewegung zeigt sich zudem ein tiefer Riss. Während ein Teil der Führung nach einem tragfähigen Kompromiss mit Damaskus sucht, gibt es einen „harten Kern“, der dem PKK-Umfeld zugerechnet wird und zum bewaffneten Widerstand bereit scheint. Doch ohne Unterstützung der USA und angesichts des Drucks durch die Türkei, die das syrische Regime in dieser Frage unterstützt, bleibt der Spielraum minimal.

Für Nadim Houry bleibt den Kurden wohl nur die Strategie, Zeit zu gewinnen: „Werden sie versuchen zu kämpfen? Nicht unbedingt, um den Tisch umzuwerfen, sondern um Zeit zu gewinnen und ihre Verhandlungsposition zu stärken.“ Das Endergebnis dieser riskanten Taktik wird maßgeblich davon abhängen, wie sich die internationalen Mächte in den kommenden Wochen positionieren.

(vatican news)

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27. Januar 2026, 12:36