Russischer Raketen- und Drohnenangriff in Kyiv Russischer Raketen- und Drohnenangriff in Kyiv 

Caritas-Ukraine: „Jeden Tag ein Kampf ums Überleben“

Massive russische Luftangriffe haben in der Nacht auf Freitag die Energieinfrastruktur der Ukraine schwer getroffen. Inmitten von eisigen Temperaturen kämpfen Millionen Menschen mit dem Ausfall von Heizung und Wasser. Valentyn Bebik, Direktor bei Caritas Ukraine, schildert im Interview die verzweifelte Lage an der Front und in den Städten.

Svitlana Dukhovych - Vatikanstadt

Nach massiven russischen Bombardements in der Nacht auf den 9. Januar 2026 sind allein in der Hauptstadt Kyiv rund 6.000 Wohngebäude – etwa die Hälfte aller Mehrfamilienhäuser – ohne Heizung. Bei erwarteten Temperaturen zwischen -11°C und -17°C in den kommenden Tagen wird das Überleben für viele zur täglichen Herausforderung. Bürgermeister Vitalij Klitschko rief die Bürger bereits dazu auf, die Stadt vorübergehend zu verlassen, sofern sie Zugang zu alternativen Energiequellen auf dem Land haben.

Zum Nachhören - die Lage in der Ukraine

Valentyn Bebik, Direktor der Abteilung für humanitäre Hilfe bei der griechisch-katholischen Caritas Ukraine, beschreibt die Situation im Gespräch mit vatikanischen Medien als „einen täglichen Kampf ums Leben“. Besonders prekär ist die Lage in den Gemeinden innerhalb eines 30-Kilometer-Radius entlang der Frontlinie. „Dort leben die verletzlichsten Menschen oft über Tage und Nächte bei Innentemperaturen von nur 5 bis 7 Grad“, berichtet Bebik.

Hilfe unter extremen Bedingungen

Die Priorität der Caritas liegt derzeit auf der sogenannten „Winterhilfe“. Seit dem Herbst werden Heizmaterialien verteilt und finanzielle Unterstützung für Brennstoffe geleistet. Angesichts der zerstörten Stromnetze verteilt die Organisation nun verstärkt Powerbanks und kleine Ladestationen. Doch die physische Not ist nur ein Teil des Leids. Bebik schildert bewegende Szenen aus den Transitzentren: „Wenn Menschen aus den Dörfern nahe der Front zu uns kommen, weinen sie oft vor Emotion, nur weil sie nach Wochen wieder eine warme Mahlzeit erhalten. Ein Teller Instantsuppen löst in diesem Moment größte Gefühle aus.“

Die Arbeit der Caritas wird durch die tiefe Integration in die lokalen Kirchengemeinden ermöglicht. Obwohl das Netzwerk nicht so groß ist wie in Ländern wie Deutschland oder Polen, liefern Priester und Freiwillige vor Ort direkte Informationen über die dringendsten Bedürfnisse. „Sobald eine Krise eintritt, ist die Kommunikation mit den Pfarreien unmittelbar“, so Bebik.

Russische Luftangriffe auf Kyiv
Russische Luftangriffe auf Kyiv   (ANSA)

Sinkende Hilfsbereitschaft bei steigendem Bedarf

Sorgenvoll blickt der Caritas-Direktor auf die internationalen Hilfszahlungen, die im Vergleich zum Beginn des großflächigen Krieges abgenommen haben. „Die Mittel reichen nie aus. Eine unserer schwierigsten Aufgaben ist es, unseren Mitarbeitern klarzumachen, dass wir nicht jedem helfen können“, erklärt er. Man müsse sich auf die Schwächsten konzentrieren: Kinder, Kranke und Menschen in Krankenhäusern, deren Überleben an elektrisch betriebenen Geräten in der Intensivmedizin hängt.

Besonders erschütternd ist der Zustand der Helfer selbst. Auf die Frage nach den Aussichten für das Jahr 2026 antworteten Mitarbeiter in der Region Donezk schlicht: „Es würde uns reichen, bis morgen zu kommen.“ Bebik betont, dass während die Welt über langfristige Wiederaufbaustrategien diskutiere, diese Menschen mit dem nackten Überleben beschäftigt seien.

Eine ältere Dame, die von Caritas Ukraine betreut wird
Eine ältere Dame, die von Caritas Ukraine betreut wird

Ein Leben im Ausnahmezustand

Für Valentyn Bebik selbst ist der Krieg seit August 2014 bittere Realität. Er habe Phasen der Hoffnung, der Begeisterung und der totalen Erschöpfung durchlaufen. „Heute ist es einfach Teil des Lebens geworden“, sagt er. Seine Kraft schöpfe er aus den Einsätzen vor Ort. Wenn er müde von der Büroarbeit sei, fahre er an die Front: „Wenn man sieht, wie schwer es die Menschen dort haben, findet man die Inspiration zurück, weiterzumachen. Wenn wir es nicht tun, wer dann?“

Zum Abschluss richtet Bebik einen Appell an die Weltgemeinschaft: Er empfinde tiefe Dankbarkeit für die internationale Solidarität. „Es lässt einen spüren, dass die christliche Welt wirklich eine Welt der Geschwisterlichkeit ist, in der man sich gegenseitig stützt.“

(vatican news - mg)

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10. Januar 2026, 10:57