Weihnachten in Taybeh: Zukunftsangst für einen Moment vergessen
Jean-Charles Putzolu – Westjordanland
Nur wenige Tage vor Weihnachten kündigten die israelischen Behörden die Errichtung von 19 neuen Siedlungen im Westjordanland an. Diese von der israelischen Regierung präsentierte Maßnahme solle die „Errichtung eines palästinensischen Terrorstaates“ verhindern. Seit den Hamas-Angriffen vom 7. Oktober 2023 wurden die Siedlungsaktivitäten verstärkt. Im Zuge der neuen Ankündigung könnte sich die Zahl der in den letzten drei Jahren im Westjordanland errichteten Siedlungen auf 69 erhöhen.
In diesem spannungsgeladenen Klima bereiten sich palästinensische Christen auf das Weihnachtsfest vor. In Taybeh, dem einzigen vollständig christlichen Dorf im Westjordanland, kommt es häufig zu Angriffen von Siedlern. Fünf Autos wurden in den letzten Wochen in Brand gesteckt, berichtet Pater Bashar Fawadleh, der lateinische Priester des Dorfes. Besonders verheerend war der Großbrand im vergangenen Juni: Ackerland wurde vernichtet und die Mauern um die Ruinen der ehemaligen melkitisch-griechischen Kirche am Dorfrand geschwärzt. Die Dorfbewohner prangern die Straflosigkeit der Täter an, das verzögerte Eingreifen der israelischen Armee, die für die Sicherheit in der Region zuständig ist, und die Strategie der Siedler.
Eine altbekannte Methode
Bei jeder neuen Siedlung beobachten die Bewohner des Westjordanlandes dasselbe Muster: verbrannte Erde, die Ankunft von Kuh- oder Schafherden, die ersten Wohnwagen, die ersten Bungalows, die prominent im Zentrum gehisste israelische Flagge und schließlich die ersten Gebäude. So entstehen innerhalb weniger Monate neue Siedlungen, oft auf Hügelkuppen, bevor sie sich weiter in palästinensisches Gebiet ausdehnen.
In Taybeh haben sich die christlichen Gemeindevorsteher entschieden, den Einschüchterungstaktiken nicht mit Gewalt zu begegnen. „Wir leisten friedlichen Widerstand“, bekräftigt Archimandrit Jack Nobel, Pfarrer der griechisch-melkitischen Gemeinde von Taybeh. Bislang seien keine Dorfbewohner verletzt oder getötet worden, fügt Pater Bashar hinzu. In den umliegenden, überwiegend muslimischen Dörfern haben die gewaltsamen Aktionen Tote und Verletzte gefordert. Alle befürchten, dass sich auch in Taybeh eine Tragödie ereignen wird. Die katholischen und orthodoxen Gemeindevorsteher des Dorfes, die gute Beziehungen pflegen, bemühen sich, den Grundsatz der Gewaltlosigkeit auch in ihren Schulen zu lehren.
Weihnachten ist stärker als die Angst
Trotz der Umstände überwiegt die freudige Erwartung auf Weihnachten. Am Sonntag, dem 21. Dezember, empfing der Pfarrer der lateinischen Kirche in Taybeh im Gottesdienst eine kleine französische Delegation. Bischof Hughues de Woillemont, Direktor von L’Œuvre d’Orient, der Präsident des Vereins, Jean-Yves Tolot, und Pater Christophe Le Sourt, Generalsekretär der Französischen Bischofskonferenz, beschlossen, den Christen in Taybeh ihre Unterstützung anzubieten und mit ihnen die Geburt Christi zu feiern.
Gemeinsam mit anderen Organisationen unterstützt L’Œuvre d’Orient verschiedene Projekte zur Förderung lokaler christlicher Gemeinden. Aufgrund von Arbeitslosigkeit, fehlenden Zukunftsperspektiven und anhaltender Unsicherheit stellt die Abwanderung von Christen ein großes Problem dar. Allein in den letzten zwei Jahren haben fünfzehn Familien Taybeh verlassen, um im Ausland ein besseres Leben zu suchen, beklagt Pater Fawadleh. Eine weitere melkitische Familie wird das Dorf noch vor Jahresende verlassen. So schrumpft die palästinensische Gemeinde, die derzeit 1.400 Einwohner zählt, allmählich.
(vatican news – pr)
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