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Christmette in Bethlehem Christmette in Bethlehem 

Christmette in Bethlehem: Logik der Macht überwinden

In der Christmette in der bis auf den letzten Platz gefüllten Katharinenkirche in Bethlehem lud Kardinal Pierbattista Pizzaballa dazu ein, mit dem Weihnachtsfest die Kraft der Liebe und der Solidarität neu zu entdecken und die Logiken der Macht zu überwinden.

Jean-Charles Putzolu – Sonderkorrespondent in Bethlehem

Eine überfüllte Kirche, mehr als hundert konzelebrierende Priester und Bischöfe, Dutzende von Menschen im Stehen: In Bethlehem kamen derart viele Gläubige zusammen, wie man es seit Beginn des Gaza-Krieges im Oktober 2023 nicht mehr gesehen hatte. Gaza stand auch im Zentrum der Gedanken von Kardinal Pizzaballa, der in seiner Predigt an die Verwüstungen erinnerte, die er in der vergangenen Woche bei seinem Besuch in der Pfarrei der Heiligen Familie von Pater Gabriel Romanelli mit eigenen Augen gesehen hatte – dort harren noch immer 400 Menschen aus, die in den Räumlichkeiten Zuflucht gefunden haben und auf den Wiederaufbau warten. Auch davon war in der Predigt des lateinischen Patriarchen von Jerusalem die Rede: „Das Leid ist in Gaza noch immer präsent“, bezeugte er. „Die Familien leben mitten in den Trümmern. Die Zukunft ist noch fragil und ungewiss. Die Wunden sind tief.“

Zugleich hob der italienische Kardinal, der seit Jahrzehnten im Heiligen Land wirkt, die Widerstandskraft der Menschen in Gaza hervor. Allerdings seien diese schwierigen Situationen „nicht das Ergebnis des Schicksals, sondern politischer Entscheidungen, menschlicher Verantwortung und Beschlüsse, die oft die Interessen einiger weniger über die Interessen aller stellen“, stellte er ohne Umschweife fest.

Kardinal Pizzaballa in der Messe
Kardinal Pizzaballa in der Messe

Mächtige prägen das Schicksal der Völker

Die zwei Jahre Krieg haben das Leben der Palästinenser tief geprägt, insbesondere das der Schwächsten. Die Lebensbedingungen vieler Familien haben sich während des Konflikts verschlechtert: verlorene Arbeitsplätze, ausbleibende Pilgerreisen, permanente Unsicherheit, eingeschränkte Bewegungsfreiheit, verstärkte Militärkontrollen – viele fühlen sich auf ihrem eigenen Land gefangen und beherrscht. „Weihnachten lädt uns ein, den Blick über die Logiken der Dominanz hinaus zu richten, um die Kraft der Liebe, der Solidarität und der Gerechtigkeit neu zu entdecken“, betonte der lateinische Patriarch. Auch Josef und Maria waren verwundbar, Teil einer Geschichte, die sie nicht kontrollierten, und gaben einem Plan Leben, der nicht der ihre war. Jesus wird „in der Nacht der Menschheit“ geboren, „in Ungewissheit und Angst“. Er sei dieses Licht, das im Gegensatz zur herrschenden Macht stehe: Wenn „der Kaiser Dekrete erlässt, sendet Gott einen Sohn“, erinnerte der Kardinal. Er sende in die Welt ein Licht, das die Finsternis besiege, den Herrn, der „diskret handelt und seine Verheißungen durch alltägliche Gesten erfüllt“.

Feierlichkeiten in Bethlehem
Feierlichkeiten in Bethlehem   (© archivio di padre Jerzy Kraj)

Den Frieden im Herzen aufnehmen

Die Sehnsucht nach Frieden in Bethlehem war den ganzen Tag über auf dem Krippenplatz spürbar. Die Bewohner Bethlehems waren fröhlich und glücklich, endlich wieder Weihnachten feiern zu können: Sie zogen durch die Straßen, sangen und tanzten im Rhythmus von Trommeln und Blaskapellen während der langen Prozession, die Kardinal Pizzaballa durch die Straßen der Altstadt begleitete. Die Freude, der der Patriarch auf seinem Weg begegnete, indem er fast jeden Einzelnen der um ihn versammelten Menschen begrüßte, verwandelte sich in seiner Predigt in einen Aufruf zur Verantwortung: „Der Frieden wird nur dann Wirklichkeit, wenn er auf Herzen trifft, die bereit sind, ihn aufzunehmen, und auf Hände, die bereit sind, ihn zu schützen“, erklärte er. Mit „Nachdruck“ müssten Gerechtigkeit und Versöhnung gefordert werden, damit Frieden nicht nur ein Traum bleibe.

Das Heilige Land sei ein Kreuzungspunkt von Völkern und Glaubensrichtungen – davon zeuge die Moschee neben der Geburtsbasilika – und zugleich Schauplatz von Spannungen und Konflikten, die „die Verantwortung der lokalen Führungspersönlichkeiten, der internationalen Gemeinschaft, aber auch – angefangen bei mir selbst – der religiösen und moralischen Autoritäten“ einfordern, so der Patriarch. An der Messe nahm auch der Vizepräsident der Palästinensischen Autonomiebehörde, Hussein al-Scheich, teil. Medienberichten zufolge war ihm die Einreise zunächt verweigert worden, nach internationalem Protest konnte er aber nach Bethlehem kommen. Auch Vertreter des Königreichs Jordanien waren zugegen. Ihnen dankte der Kardinal für die Unterstützung von König Abdullah II. für das palästinensische Volk: „Jede Geste der Versöhnung, jedes Wort, das keinen Hass nährt, jede Entscheidung, die die Würde des anderen in den Mittelpunkt stellt, wird zu einem Ort, an dem der Frieden Gottes Fleisch annimmt.“ So gehe das Licht von Bethlehem „von Herz zu Herz“, „durch einfache Gesten, versöhnliche Worte, durch Männer und Frauen, die das Evangelium in ihrem Leben Gestalt annehmen lassen“.

Feierlichkeiten in Bethlehem
Feierlichkeiten in Bethlehem   (© archivio di padre Jerzy Kraj)

Bethlehem im Festgewand

Schon am frühen Nachmittag hatte der einzige noch auf palästinensischem Gebiet gelegene heilige Ort sein Festgewand angelegt. Nach der Ankunft des Patriarchen sprach er einige Worte an die Wartenden, um ihr zu danken und die Rückkehr der Weihnachtsfreude nach zwei Jahren stark eingeschränkter Feiern zu begrüßen. Mit Einbruch der Dunkelheit erstrahlte eine festliche Beleuchtung in den Straßen, Lichtspiele wurden auf die Mauern der Basilika projiziert, der große Weihnachtsbaum auf dem Krippenplatz wurde erleuchtet und barg unter seinen Zweigen eine große Krippe. Straßenverkäufer bauten ihre Stände auf und boten den Passanten lokale kulinarische Spezialitäten und Glühwein an. Auch ein kleiner Weihnachtsmarkt hieß Familien und Kinder, Christen und Muslime in seinen Gassen willkommen. Ein lange erwartets Zeichen der Hoffnung auf Frieden in Bethlehem.

(vatican news - cs)

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25. Dezember 2025, 11:35