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NASA-Mission Artemis II: Die Trägerrakete Space Launch System (SLS) mit der Orion-Besatzungskapsel am Kennedy Space Center in Cape Canaveral NASA-Mission Artemis II: Die Trägerrakete Space Launch System (SLS) mit der Orion-Besatzungskapsel am Kennedy Space Center in Cape Canaveral 

Weltraum und Menschheit am Scheideweg: Vatikanvertreter fordert neue Normen

„Der Weltraum muss ein Gemeingut bleiben, mit klaren rechtlichen Normen und einem Verantwortungsbewusstsein gegenüber der gesamten Menschheit und den künftigen Generationen.“ Mit diesem Appell äußert sich Erzbischof Ettore Balestrero, Ständiger Beobachter des Heiligen Stuhls bei den Vereinten Nationen in Genf und Präsident der Stiftung Caritas in Veritate, im Interview mit den vatikanischen Medien. Anlass ist die bevorstehende NASA-Mission Artemis II, die erste bemannte Mondmission seit 1972.

Fabio Colagrande und Eugenio Murrali – Vatikanstadt

Um den Sinn von Missionen im Weltraum zu untersuchen, hat die Stiftung Caritas in Veritate, unter dem Vorsitz von Erzbischof Ettore Balestrero ein Video veröffentlicht, das den Weltraum als neue Grenze des Gemeinwohls beschreibt – die es mit gemeinsamen Regeln, ethischer Verantwortung und internationaler Zusammenarbeit zu gestalten gilt, um Konflikte und Ungleichheiten zu vermeiden.

Der Start von Artemis II ist für diesen Mittwoch,  den 1. April, geplant: Abflug um 18:24 Uhr EDT (22:24 GMT) vom Kennedy Space Center in Florida. Es handelt sich um die zweite Mission des Artemis-Mondprogramms der NASA und die erste mit Astronauten an Bord.  Vier Kosmonauten sollen zu einer zehntägigen Reise rund um den Mond aufbrechen, ohne zu landen. Es ist der Zwischenschritt hin zu Artemis III: Diese Mission zielt darauf ab, Astronauten 53 Jahre nach der Apollo 17 vom Dezember 1972 wieder ein Schritt auf der Mond machen zu lassen.

Zum Nachhören - was Erzbischof Balestrero sagt

Regeln für Gottes Werk

Der Weltraum ist zunehmend Gegenstand von Diskussionen innerhalb der Vereinten Nationen geworden. Die Zahl der Satelliten im Orbit ist in den letzten Jahren exponentiell gestiegen – ein Zeichen dafür, wie sehr der Weltraum mittlerweile zu einem ständigen Thema in Debatten über Geopolitik, Sicherheit und internationale Beziehungen geworden ist. Schon im vergangenen Februar hattte die Stiftung ein Dokument veröffentlicht: Outer Space and Humanity at the Crossroads: A New Frontier of the Common Good – Der Weltraum und die Menschheit an einem Scheideweg. Eine neue Grenze des Gemeinwohls. Der jetzt folgende Film greift die Überlegungen über das Warum der Erforschung des Universums auf und konkretisiert sie – indem er Wissenschaft, Theologie und Völkerrecht miteinander ins Gespräch bringt – sowie die Überlegungen über die Prinzipien, die das Verhältnis zum Weltraum und zwischen den Menschen angesichts dieses Werkes Gottes regeln müssen.

Der Weltraum als moralischer Entscheidungsraum

Exzellenz, warum ist eine Reflexion über politische und normative Entscheidungen für den Weltraum so dringend?
Die Mission des Heiligen Stuhls in Genf und die Stiftung Caritas in Veritate, die in Zusammenarbeit mit ihr arbeitet, beschäftigen sich mit dem Weltraum, der ein Werk Gottes ist und seinen Gesetzen gehorcht.
Um in den Himmel zu gelangen – ein übernatürlicher Begriff –, muss der Mensch sich auch im Weltraum richtig verhalten, der hingegen ein geografischer Begriff ist, der zur physischen und biologischen Ordnung gehört. Der Weltraum ist kein Niemandsland, kein gesetzloses Eroberungsfeld, in dem das Prinzip „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst“ gilt.

„Um in den Himmel zu kommen, muss der Mensch sich auch im Weltraum richtig verhalten“

Daher der Titel der Veröffentlichung „Weltraum und Menschheit an einem Scheideweg“ und auch der Inhalt des von uns produzierten Videos. Die Menschheit trifft bereits Entscheidungen über den Weltraum – moralische Entscheidungen, die langfristige Auswirkungen haben und daher die Menschheit aufbauen oder zerstören können. Deshalb kann sich die Kirche dem nicht entziehen.

In welcher Weise?
Den Weltraum aus ethischer Perspektive zu betrachten, spornt uns an zu fragen: „Ist es richtig, alles zu verfolgen, was wir technologisch verwirklichen können? Wie sollen wir es tun? Welche Art von Wirklichkeit und Ordnung wollen wir aufbauen?“ Genau diese ethische und multilaterale Perspektive wird im Dokument der Stiftung Caritas in Veritate und in ihrem Video vorgeschlagen.

Welche konkreten Maßnahmen sind erforderlich?
Der Weltraum muss ein Gemeingut bleiben, mit klaren rechtlichen Normen, die – wo nötig – im Bewusstsein der Verantwortung gegenüber der gesamten Menschheit und den künftigen Generationen aktualisiert werden. Als wir die Veröffentlichung bei den Vereinten Nationen in Genf vorgestellt haben, hat das Zeugnis eines Astronauten, der fast ein Jahr an Bord der Internationalen Raumstation verbracht hatte (Michael Scott Hopkins, Anm. d. Red.), das Publikum sehr beeindruckt. Er beschrieb den sogenannten „Overview Effect“.

Der Perspektivwechsel im All

Worin besteht dieser?
Es ist der Perspektivwechsel, den alle Astronauten im Weltraum erfahren, weil die Erde klein, verletzlich, ohne Grenzen oder Trennlinien erscheint – als Symbol einer gemeinsamen Zugehörigkeit und kollektiven Verantwortung. Ein Bild, das leider im Widerspruch steht zur Realität von Kriegen, Missbrauch und Gewalt, die sichtbar werden, wenn man den Planeten aus der Nähe betrachtet. Daran erinnerte Papst Benedikt XVI. bei einem Gespräch mit den Astronauten der Internationalen Raumstation mit Worten, die immer aktuell bleiben. Er sagte ihnen damals: „Ich glaube, dass für euch offensichtlich ist, dass wir alle gemeinsam auf einer einzigen Erde leben und dass es absurd ist, gegeneinander zu kämpfen und uns gegenseitig zu töten.“

„Wir dürfen den Weltraum nicht in einen Dschungel verwandeln“

Also ist auch der Weltraum ein gemeinsames Haus und hat Regeln, die zu beachten sind. Welchen spezifischen Beitrag kann die Soziallehre der Kirche leisten, um die Entwicklung des Weltraums am Gemeinwohl auszurichten?
Die zentrale Botschaft der Kirche ist, dass wir den Weltraum nicht in einen Dschungel verwandeln dürfen. Er bietet der Menschheit gewissermaßen eine zweite Chance und lädt uns ein, viele Fehler zu vermeiden, die wir auf der Erde begangen haben. Der Weltraum muss verantwortungsvoll, solidarisch und im Respekt vor der Subsidiarität erforscht werden – zum Wohl der gegenwärtigen und der künftigen Generationen.

Weltraum und Menschheit am Scheideweg - der Film von Caritas in Veritate

Wie?
Es gilt zu vermeiden, dass er zu einem Schauplatz eines wilden Wettbewerbs und, schlimmer noch, von Konflikten wird. Der erste praktische Schritt, zu dem der Heilige Stuhl einlädt, ist die Einhaltung des Weltraumvertrags, der von etwa 120 Staaten unterzeichnet wurde, darunter alle wichtigen Raumfahrtnationen. Dieser Vertrag ist seit fast sechzig Jahren (1967) in Kraft und legt klar fest, dass die Erforschung und Nutzung des Weltraums zum Nutzen und im Interesse aller Länder erfolgen müssen. Er bezeichnet den Weltraum als „gemeinsame Provinz der Menschheit“. Der Heilige Stuhl ruft dazu auf, die bestehende Gesetzgebung zu stärken, nicht von ihr abzuweichen – um zu verhindern, dass Länder zurückgelassen werden, und um die Sorge für die Schöpfung zu bewahren, etwa durch gemeinsame Projekte zur Beseitigung von Weltraummüll.

Gefahr der Militarisierung

Besteht die Gefahr einer Militarisierung auch des Weltraums?
Gewiss. Das geltende Völkerrecht verbietet die Stationierung von Kernwaffen oder Massenvernichtungswaffen im Orbit, auf Himmelskörpern oder im Weltraum. Das ist Artikel 4 des Vertrags von 1967. Es verbietet jedoch nicht ausdrücklich konventionelle Waffen oder etwa Cyberangriffe, noch verbietet es das Blockieren von Funksignalen – was leider bereits geschieht.
Es ist wichtig, zu unterscheiden zwischen der Nutzung des Weltraums zur Unterstützung militärischer Operationen auf der Erde, etwa durch Satelliten – was bereits Realität ist – und der physischen Stationierung von Waffen und ihrem direkten Einsatz im Weltraum.

„Ein Konflikt im Weltraum würde wahrscheinlich niemanden auf der Erde verschonen“

Ist auch Letzteres eine konkrete Möglichkeit?
Einige Staaten nähern sich bereits der Stationierung von Waffen im Orbit. All dies erhöht die internationale Instabilität, schwächt das gegenseitige Vertrauen und verwandelt den Weltraum von einer „Provinz der Menschheit“, wie ihn der Vertrag bezeichnet, in einen weiteren Konfliktraum. Wir müssen uns jedoch bewusst sein, und das ist entscheidend, dass ein Konflikt, der den Weltraum direkt einbezieht, wahrscheinlich niemanden auf der Erde verschonen würde.
Hier in Genf sagt man, dass ein Krieg im Weltraum niemals gewonnen werden könnte und niemals geführt werden sollte. Es ist zum Beispiel schwer vorstellbar, wie man das Prinzip der Unterscheidung einhalten könnte, das zu den Grundpfeilern des humanitären Völkerrechts gehört. Daher gibt es viele Stimmen, darunter die des Heiligen Stuhls, die eine Stärkung von Normen, Transparenz und multilateraler Zusammenarbeit fordern – um die friedliche Nutzung des Weltraums zu bewahren.

Wettbewerb und Zusammenarbeit ausbalancieren

Wie kann sich der Wettbewerb im Weltraum in einen positiven Mechanismus zum Wohl aller verwandeln? Wie kann der Weltraum der Würde des Menschen auf der Erde dienen?
Wettbewerb muss mit Zusammenarbeit ins Gleichgewicht gebracht werden. Wettbewerb ohne Zusammenarbeit führt zu Instabilität, irrationalen Konflikten, Gewalt und sogar Kriegen. Wettbewerb hingegen, der auf friedliche Ziele ausgerichtet und in Formen der Zusammenarbeit eingebettet ist, fördert die Forschung, muss aber in gemeinsamen Gütern, gemeinsamen Standards und internationalen Partnerschaften münden.

„Ein gesundes Gleichgewicht zwischen Wettbewerb und Zusammenarbeit trägt dazu bei, dass der Weltraum direkt der menschlichen Würde und dem Gemeinwohl dient“

Mit welchen Auswirkungen?
Das Gleichgewicht zwischen Wettbewerb und Zusammenarbeit hilft zu verhindern, dass die kommerzielle Nutzung des Weltraums Selbstzweck wird und bestehende Ungleichheiten verschärft werden. Ein gesundes Gleichgewicht zwischen Wettbewerb und Zusammenarbeit trägt dazu bei, dass der Weltraum direkt der menschlichen Würde und dem Gemeinwohl dient – etwa in Krisensituationen durch Notfallkommunikation, Satellitendaten für humanitäre Hilfe oder Überwachung zum Schutz von Kultstätten. In anderen Fällen verbessert er Wettervorhersagen, Landwirtschaft, Gesundheitswesen, Transport – und erreicht auch Länder und Gemeinschaften, die sonst ausgeschlossen blieben.

Wissenschaft, Glaube und internationale Verantwortung

Wie können in diesem Bereich der Weltraumforschung Wissenschaft und Glaube Hand in Hand gehen?
Wissenschaft und Glaube können Hand in Hand gehen und sich gegenseitig stärken: Die Wissenschaft sucht wissenschaftliche Wahrheiten, der Glaube die übernatürliche Wahrheit, die Wahrheit über Gott und von Gott, die den Weg des Menschen erleuchtet. Glaube und Wissenschaft vermischen sich nicht und widersprechen sich auch nicht. Die Wissenschaft erklärt das Wie, der Glaube erhellt und orientiert das letzte Warum des menschlichen Handelns. Im Weltraumbereich bedeutet das, technische und wissenschaftliche Kompetenz zum Gemeinwohl einzusetzen und zu vermeiden, dass Fortschritt zu Herrschaft oder Zerstörung wird.

„Der Heilige Stuhl muss die Gewissen erleuchten und zur ganzen Welt sprechen“

Welche Rolle kann der Heilige Stuhl spielen?
Der Heilige Stuhl kann und muss eine Rolle in den laufenden Debatten über den Weltraum spielen – zunächst auf zwischenstaatlicher Ebene. Er muss die Gewissen erleuchten und natürlich zur ganzen Welt sprechen, auch zur kommerziellen und industriellen. Auf internationaler Ebene schlagen wir mit der Mission in Genf und den anderen in New York und Wien einen ethischen Rahmen vor, der auf der menschlichen Würde basiert, und arbeiten am multilateralen Dialog und am Frieden mit, indem wir zu einer gemeinsamen Verantwortung aufrufen, die den Weltraum als Gemeingut versteht.
Zudem organisiert die Stiftung Caritas in Veritate in Zusammenarbeit mit der Mission in Genf Veranstaltungen in Genf, Brüssel, Wien und New York und betreut Publikationen und Videos wie jene, die wir in diesen Tagen verbreitet haben.
Nicht zuletzt darf man nicht vergessen, dass der Heilige Stuhl über eines der ältesten astronomischen Observatorien verfügt, die Vatikanische Sternwarte, die in ihrer heutigen Form bereits 1891 von Papst Leo XIII. gegründet wurde – auch um zu bekräftigen, dass die Kirche, wie es im Motu proprio zur Errichtung der Sternwarte heißt, der wahren, soliden Wissenschaft nicht entgegensteht, sondern sie im Gegenteil mit aller Kraft ermutigt und fördert.

(vatican news – bp)

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01. April 2026, 08:04