Bernhard von Clairveaux Bernhard von Clairveaux 

Exerzitien: Wirklichkeit als Schrei, der um Gottes Barmherzigkeit fleht

Bei den Fastenexerzitien im Vatikan für Papst Leo XIV. und die Römische Kurie hat Prediger Erik Varden am Donnerstagnachmittag über die alles verwandelnde Liebe Christi gesprochen. Er widmete die vorletzte Betrachtung der Gestalt des heiligen Bernhard.

Der Abt von Clairvaux habe, so erklärte Varden, „erkannt, welche Wunder die Barmherzigkeit Gottes in Jesus wirken kann“; mit ihm könne „eine erneuerte Welt“ aufleuchten. Unnachgiebig, mitunter von einer strengen Lebensführung geprägt, gewann Bernhard im Laufe seines Lebens eine neue Milde – dank der „Erkenntnis der absoluten Wirklichkeit der Liebe Christi und ihrer Kraft, alles zu verändern“. Darin liegt nach den Worten von Bischof Erik Varden der entscheidende Wendepunkt im Leben des Heiligen. Der Trappistenmönch hielt am Donnerstagnachmittag in der Cappella Paolina die neunte Fastenmeditation für den Papst und die Römische Kurie.

Seine Betrachtung über den „realistischen Bernhard“ setzt bei der Identität der zisterziensischen Bewegung an, die „an der Schnittstelle zwischen Ideal und Wirklichkeit, zwischen dem Poetischen und dem Pragmatismus geformt“ worden sei. „Ihre Protagonisten“, so der Bischof von Trondheim in Norwegen, „werden durch die daraus entstehenden Spannungen geprüft und geläutert“.

Hoch hinausstreben

Bei der Beschreibung des heiligen Bernhard und seiner hohen Ideale verweist Varden auf dessen „Lebenslinie, die später bisweilen etwas drastisch verfolgt wurde“. Es sei für ihn selbstverständlich gewesen, hohe Ziele anzustreben. „Ein unnachgiebiger Zug“, erklärte der Prediger, „verließ ihn nie; doch er wurde im Laufe der Zeit milder.“ So wandelte sich Bernhard vom Idealisten zum Realisten.

Um den Begriff des Realismus zu verdeutlichen, zitierte der Zisterziensermönch den Psychoanalytiker Jacques Lacan, für den „das Reale“ das sei, woran wir immer wieder anstoßen – und Bernhard sei vielfach mit der politischen und geschichtlichen Realität zusammengestoßen.

Der Schrei, der um Barmherzigkeit fleht

„Er wurde Realist“, sagte Varden, „nicht nur im Sinn dessen, der die Dinge akzeptiert, wie sie sind, sondern auch, weil er lernte, dass die tiefste Wirklichkeit aller menschlichen Ereignisse ein Schrei ist, der um Barmherzigkeit fleht.“

Je mehr Bernhard diesen Schrei in bedrängten menschlichen Herzen, in bitteren Tränen, in weltlichen Konflikten, in irrigen Kampagnen gegen Anstand und Wahrheit – ja sogar im Flüstern der Bäume im Wald – wahrnahm, desto stärker erkannte er die herrliche und barmherzige Antwort Gottes.

Jesus – das Öl, das das Leben durchdringt

Diese Antwort habe Bernhard im heiligen Namen Jesu gefunden, der ihm überaus kostbar geworden sei. In Jesus offenbare Gott seinen Heilsplan und gieße ihn wie ein wohlriechendes, heilendes und reinigendes Öl über die Menschheit aus. Deshalb erinnerte Bernhard seine Mönche daran, dass ohne dieses Öl „jede Speise der Seele“ trocken und geschmacklos bleibe:

„Wenn du schreibst, hat es für mich keinen Geschmack, wenn ich darin nicht Jesus lese. Wenn du disputierst oder sprichst, hat es für mich keinen Geschmack, wenn darin nicht Jesus erklingt. Jesus – Honig im Mund, Melodie im Ohr, Jubel im Herzen.“

Alles im Licht Jesu

Für Bernhard öffnete sich damit eine neue Perspektive auf die Wunder, die Gottes Barmherzigkeit in Christus wirkt. Vieles veränderte sich in ihm, und seine Frömmigkeit gewann eine neue „affektive Tiefe“. Der Begriff affectus, so betonte Varden, sei für Bernhard zentral: Er zeige, dass die Gnade den Menschen als leibliches Wesen bewege und seine Sinne befähige, Gott wahrzunehmen. Jesus, die Mensch gewordene Wahrheit, wurde für Bernhard schließlich zum grundlegenden Auslegungsschlüssel seines Denkens und Glaubens.

(vatican news)

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27. Februar 2026, 10:54