Kardinal Timothy Radcliffe Kardinal Timothy Radcliffe 

Kardinal Radcliffe zum Konsistorium: „Nicht am Strand warten“

Zum Auftakt des außerordentlichen Konsistoriums an diesem Mittwochnachmittag hat der Kardinal Timothy Radcliffe die versammelten Kirchenfürsten zur Einheit und zum Mut aufgerufen. In seiner Meditation über das Evangelium vom Seesturm betonte der Dominikaner, dass die Kirche den Krisen der Welt nicht ausweichen dürfe.

Mario Galgano - Vatikanstadt

Während sich die 21 Arbeitsgruppen des Konsistoriums im Vatikan formieren, setzte Kardinal Timothy Radcliffe OP an diesem Mittwochnachmittag einen geistlichen Akzent, der weit über die Mauern des Vatikans hinausreicht. Ausgehend von der Markus-Erzählung über Jesus, der auf dem Wasser wandelt, definierte er die Aufgabe der Kardinäle als Beistand für Papst Leo XIV. in einer stürmischen Zeit.

Das „Boot Petri“ verlassen ist keine Option

„Unsere erste Gehorsamspflicht besteht darin, in dem Boot Petri zu sein, zusammen mit seinem Nachfolger, während er sich den Stürmen unserer Zeit stellt“, erklärte Radcliffe. Er warnte davor, sich als distanzierter Beobachter am Ufer aufzuhalten und zu sagen: „Ich würde heute nicht segeln gehen“ oder „Ich würde ein anderes Boot wählen“. Petrus dürfe in der Krise nicht allein gelassen werden.

„Wenn das Boot Petri mit Jüngern gefüllt ist, die sich streiten, werden wir dem Heiligen Vater von keinem Nutzen sein.“

Radcliffe mahnte die Kardinäle zu innerer Einigkeit: „Wenn das Boot Petri mit Jüngern gefüllt ist, die sich streiten, werden wir dem Heiligen Vater von keinem Nutzen sein.“ Nur in der Liebe, selbst bei Meinungsverschiedenheiten, werde Gott im Boot gegenwärtig sein.

Die Stürme der Gegenwart: Von KI bis Missbrauch

Der Kardinal skizzierte ein düsteres Bild der gegenwärtigen Weltlage. Er sprach von wachsender Gewalt, Kriegen und einer sich weitenden Kluft zwischen Reich und Arm. Zudem verwies er auf den Zusammenbruch der Weltordnung der Nachkriegszeit und die Unwägbarkeiten der Künstlichen Intelligenz. „Wenn wir nicht nervös sind, sollten wir es sein“, so sein eindringlicher Kommentar.

„Wenn wir uns im Konsistorium diesen Stürmen stellen, werden wir Christus begegnen.“

Auch die innerkirchlichen Krisen – sexueller Missbrauch und ideologische Spaltung – nannte Radcliffe beim Namen. Der Herr befehle der Kirche, in diese Stürme hinauszufahren und ihnen wahrheitsgemäß zu begegnen, anstatt furchtsam am Strand zu warten. „Wenn wir uns im Konsistorium diesen Stürmen stellen, werden wir Christus begegnen. Wenn wir uns am Strand verstecken, werden wir ihm nicht begegnen.“

Tradition und Erneuerung: Kein Widerspruch

Ein zentraler Punkt der Meditation war das Verhältnis zwischen Bewahrung und Neubeginn. Radcliffe betonte, dass es im Kardinalskollegium sowohl „Champions der Erinnerung“ brauche, welche die Tradition pflegen, als auch solche, die sich an Gottes „überraschender Neuheit“ erfreuen. Er zitierte den heiligen Augustinus mit den Worten: „Gott ist immer jünger als wir!“ Erinnerung und Erneuerung seien keine Konkurrenten, sondern untrennbare Dynamiken des christlichen Lebens.

„Gott ist immer jünger als wir!“

Die Logik des Reiches Gottes gegen die Arithmetik

Abschließend warnte Radcliffe davor, in einer „Logik der bloßen Kalkulation“ stecken zu bleiben. Angesichts der gewaltigen Herausforderungen in Welt und Kirche möge das Angebot der Kirche klein erscheinen – wie die fünf Brote und zwei Fische der Speisung der Fünftausend.

„Wir mögen das Gefühl haben, so wenig anzubieten zu haben. Aber mit Gottes Gnade wird unser Weniges mehr als genug sein“, schloss Radcliffe. Er rief dazu ein, die Herzen nicht zu verhärten, sondern offen zu sein für die „unberechenbaren Gaben Gottes“, die über jedes menschliche Maß hinausgehen.

(vatican news)

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07. Januar 2026, 20:10