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Papst Leo begrüßt den römischen Oberrabbiner Di Segni (links) bei einer Veranstaltung im Oktober im Vatikan Papst Leo begrüßt den römischen Oberrabbiner Di Segni (links) bei einer Veranstaltung im Oktober im Vatikan 

60 Jahre Nostra Aetate: „Dialog ist fortlaufender Prozess“

Anlässlich des 60-Jahr-Jubiläums des Konzilsdokumentes Nostra Aetate reflektiert der Oberrabbiner von Rom im Radio Vatikan-Interview über unternommene Schritte und weiter bestehende Herausforderungen im Dialog zwischen Juden und Katholiken.

Fabio Colagrande – Vatikanstadt

Riccardo Di Segni, Oberrabbiner der Jüdischen Gemeinde Roms, fordert eine Unterscheidung zwischen Antisemitismus und Antijudaismus und warnt vor der „politischen Verunreinigung“, die heute „die Atmosphäre stört und stark verändert und Missverständnisse und Fehlinterpretationen hervorruft“. Um den Dialog neu zu beleben, betont er die Notwendigkeit, „ein Klima herzlicher Beziehungen wiederherzustellen“ und „wirklich zu sehen, was wir gemeinsam erreichen können“.

Zum Nachhören - was Roms Oberrabbiner sagt

Vor 60 Jahren

Vor sechzig Jahren eröffnete die Konzilserklärung Nostra Aetate „einen neuen Horizont der Begegnung, des Respekts und der spirituellen Gastfreundschaft“ und pflanzte – wie Papst Leo XIV. erinnerte – „einen Samen der Hoffnung auf interreligiösen Dialog“, der mit der Zeit wachsen sollte. Ein Weg, der für den Papst heute „dringender denn je“ ist, denn Dialog „ist keine Taktik oder ein Mittel zum Zweck, sondern eine Lebensweise, eine Reise des Herzens“.

Im Interview mit Radio Vatikan geht Di Segni der Bedeutung von Nostra Aetate nach und betont, dass der jüdisch-christliche Dialog „ein fortlaufender Prozess“ sei und dass heute „konkrete Gesten“ nötig seien, um „ein Klima herzlicher Beziehungen wiederherzustellen“ und „wirklich zu sehen, was wir gemeinsam tun und gemeinsam aufbauen können“.

Interview

Rabbiner Di Segni, mit der Erklärung Nostra Aetate im Jahr 1965 erkannte die katholische Kirche erstmals explizit ihre spirituelle Verbindung zum Judentum an und verurteilte alle Formen des Antisemitismus. Welche Wirkung hatten solche Worte damals auf die jüdische Gemeinde?

Erlauben Sie mir, klarzustellen, dass die Kirche ihre Beziehung zum Judentum nie aufgegeben hat; sie ist grundlegend und unverzichtbar. Was sich mit der Erklärung Nostra Aetate geändert hat, ist das Verhältnis der Kirche zum zeitgenössischen Judentum, dem Judentum nach dem Kommen Jesu. Vor Nostra Aetate hätte dieses Verhältnis von Konflikt, Verachtung und dem Versuch der Verdrängung anderer Juden geprägt sein können. Mit Nostra Aetate hat sich die Beziehung zum Judentum, die nie geleugnet wurde, zu einer positiven und partnerschaftlichen entwickelt.

Was die Verurteilung des Antisemitismus betrifft: Betrachtet man die genauen Worte (in der Erklärung, Anm. d. Red.), so wurden sie sehr sorgfältig gewählt und abgewogen, da es von einer bestimmten Gruppe von Bischöfen starken Widerstand gab. Es handelte sich nicht um eine Verurteilung, sondern um eine „Bekundung“, aber es war ein bedeutender Schritt nach vorn. Daher wurde diese Erklärung damals mit Spannung erwartet und positiv aufgenommen. Manche reagierten zwar vorsichtig, weil sie die weitere Entwicklung abwarten wollten, aber die Resonanz war in jedem Fall eindeutig positiv.

Wie viel muss Ihrer Ansicht nach noch getan werden, um die in diesem Dokument formulierten Hoffnungen zu verwirklichen?

Sechzig Jahre sind vergangen, die Welt hat sich verändert, und auch der gesamte dogmatische Prozess rund um diese Erklärung hat sich deutlich weiterentwickelt. Heute kann sie als sehr vorsichtige, zurückhaltende Erklärung gelten, die seither durch wichtigere Dokumente bestärkt und bekräftigt wurde. Die Begegnung, der Dialog zwischen der christlichen und der jüdischen Welt, ist ein fortlaufender Prozess, der täglich neu bewertet werden muss. Daher bleibt noch viel zu tun, insbesondere auf allgemeiner Ebene, und wir benötigen vor allem die Mittel, um die aktuellen Schwierigkeiten zu bewältigen; dies ist die Herausforderung von heute.

Was bedeutet dieses Dokument für die jüdische Gemeinde heute im Dialog mit der katholischen Kirche, und wie haben jüdische Vertreter in den letzten 60 Jahren auf Nostra Aetate reagiert?

Einige Jahre später erschien ein Buch mit Dokumenten der katholischen Kirche und jüdischer Vertreter zu diesem Thema. Dabei wurde berücksichtigt, dass es keine einheitliche Organisation, sondern viele Vertreter gibt. Auffällig war das Ungleichgewicht: In dem 500-seitigen Buch waren 400 Dokumente christlichen, aber nur 100 jüdischen Ursprungs. Dies führte zu einer gewissen Skepsis, aber auch zu Misstrauen und Zurückhaltung, da die genauen Bedingungen des Wandels unklar waren. Zwar fand ein Wandel statt, doch war dieser sehr komplex. Aus jüdischer Sicht, auch im orthodoxen Lager – und dies ist eine wichtige Entwicklung der letzten Jahre –, wuchs das Interesse, die Bereitschaft zum Dialog und zur Zusammenarbeit. Die Ziele dieses Dialogs müssen noch genauer definiert werden, da Christen oft die Notwendigkeit eines Dialogs auf theologischer Ebene betonen, während die jüdische Perspektive die sozialen und praktischen Aspekte sowie das gemeinsame Zeugnis in den Vordergrund stellt.

Antisemitismus und Antijudaismus

Nostra Aetate erklärt, dass die Kirche, wie bereits erwähnt, „Hass, Verfolgung und alle Formen des Antisemitismus, die sich zu jeder Zeit und von jedermann gegen Juden richten“, zutiefst verurteilt. Dieses Bekenntnis gilt auch heute noch, doch welchen Nachwirkungen und konkreten Realitäten sieht sie sich aktuell gegenüber?

Zunächst einmal müssen wir, selbst bei entschiedenen Stellungnahmen gegen Antisemitismus, klar definieren, was wir unter Antisemitismus verstehen. Es ist ein Begriff mit Geschichte, der im 20. Jahrhundert Rassenhass gegen Juden und damit eine besondere Form antijüdischer Feindseligkeit bezeichnete. Daneben existiert aber auch der Antijudaismus, also eine stark polemische Haltung gegenüber dem Judentum als Religion, aufgrund der Werte und Botschaften, die es vermittelt. Daher müssen wir genau definieren, wogegen wir kämpfen. Darüber hinaus ist die politische Vergiftung das drängendste aktuelle Problem. In dem Sinne, dass das, was geschieht – und das haben wir in den letzten Jahren am Beispiel des Krieges um Gaza gesehen –, darin besteht, dass politische Dimensionen mit Nachdruck in diese Diskussionen eingreifen, sie stören und die Atmosphäre erheblich verändern, wodurch Missverständnisse und Fehlinterpretationen entstehen.

Juden, Christen und Muslime sind alle Nachkommen Abrahams, die drei sogenannten abrahamitischen Religionen. Nostra etate konzentrierte sich aus katholischer Sicht vor allem auf die jüdischen „älteren Brüder“ und sprach auch über Muslime. Wie wichtig ist Ihrer Meinung nach ein dreiseitiger Dialog zwischen Juden, Christen und Muslimen heute?

Jede Religion hat ihre eigenen Herausforderungen, Schwierigkeiten und Ziele im Verhältnis zu den anderen: Es gibt den jüdisch-christlichen, den jüdisch-muslimischen und den christlich-muslimischen Dialog. Darüber hinaus gibt es aber auch Bedürfnisse, Aufrufe zum Zeugnis und gemeinsames Handeln, die diese abrahamitischen Religionen betreffen, da sie sich spirituell mit der Botschaft ihres alten Gründers identifizieren. Daher schließt Zusammenarbeit nicht aus, sondern ist unbedingt notwendig.

„Die Menschen brauchen Zeichen, konkrete Gesten“

Welche Hoffnungen haben Sie für die Zukunft des interreligiösen Dialogs, und insbesondere, was erhoffen Sie sich vom Engagement der katholischen Kirche und anderer religiöser Partner für die Förderung dieses Dialogs?

Wie ich bereits erwähnte, wurde die heutige Agenda durch politische Ereignisse beeinträchtigt und getrübt. Gerade nach den letzten Jahren, die von vielen Rückschlägen und Missverständnissen geprägt waren, ist es notwendig, ein Klima herzlicher Beziehungen wiederherzustellen und wirklich zu erkennen, was wir gemeinsam erreichen und aufbauen können. Es ist wichtig, dies zu erklären, da es von der Öffentlichkeit leicht übersehen wird. Die Dokumente, über die wir sprechen, sind theologischer Natur, daher liest sie kaum jemand, versteht sie kaum jemand, weiß nicht, was dahintersteckt. Eine Geste wie die von Johannes Paul II. und seinen Nachfolgern, der Besuch einer Synagoge, hat viel mehr Eindruck hinterlassen und die Öffentlichkeit positiv beeinflusst. Die Menschen brauchen Zeichen, konkrete Gesten, und daran müssen wir arbeiten, ebenso wie daran, die Botschaften natürlich einem immer breiteren Publikum zugänglich zu machen.

Und halten Sie einen theologischen Dialog zwischen Juden und Katholiken für möglich?

Wir streben keinen theologischen Dialog an. Für uns muss jeder Glaube so bleiben, wie er ist, während wir gleichzeitig eine respektvolle Beziehung zum anderen aufbauen. Das mag wie ein einfaches Ziel klingen, ist es aber keineswegs, und deshalb müssen wir uns sehr dafür einsetzen.

Das Interview mit Professor Riccardo Di Segni wurde für den Podcast „Raggi di verità“ von Radio Vatikan – Vatican News aufgezeichnet.

 

(vatican news – pr)

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23. Dezember 2025, 07:45