Angola: Hitze, Mücken, Luxus, Elend
Wir fragten unseren Korrespondenten Stefan v. Kempis nach seinen Eindrücken, kurz vor der Ankunft des Papstes.
Interview
Wenn man das überhaupt so kurz auf einen Nenner bringen kann – was für ein Land ist Angola?
Ein verwirrendes. Reich an Diamanten und Erdöl; Benzin kostet hier an den Tankstellen nur 28 Euro-Cent, umgerechnet. Wolkenkratzer und Banken in der Hauptstadt Luanda, eine schicke Promenade am Atlantik, überall Werbung für Schönheits- und Luxusprodukte, sehr ordentliche Fernstraßen, oft von chinesischen Unternehmen gebaut. Und gleichzeitig krasse Armut, staubige Elendsviertel mit Wellblechhütten, Menschen die in Müllcontainern kramen und kümmerliches Zeug am Straßenrand verkaufen. Und ansonsten: Herrliche Landschaften, Hitze, Mücken. Ein verwirrendes Land.
Und außerdem ein sehr junges Land, nicht wahr?
Ja – fast 48 Prozent der Bevölkerung sind Kinder bis 14 Jahren; mittags, wenn die Schule aus ist, sieht man überall nur Kinder und Jugendliche in Schuluniform, mit Ranzen auf dem Rücken. In kaum einem Land der Welt wächst die Bevölkerung so schnell wie hier. Wobei sich fast alles in den Städten ballt; wenn man über Land fährt, sieht man nur winzige Dörfer und sehr wenig Menschen. Dafür überraschend viel Grün, und sehr rote, mineralhaltige Erde.
Wie ist die Lage der Kirchen und Religionen?
Etwa vierzig Prozent Katholiken, fast genauso viel Protestanten – und so gut wie keine Muslime. Dafür sieht man überall die Gotteshäuser von Sekten und Freikirchen aus dem Boden schießen wie die Pilze. Ein Kapuziner aus der Fatima-Pfarrei, die der Papst besuchen wird, schimpfte in einem Interview mit uns sehr über die Sekten: Die zögen den Leuten das Geld aus der Tasche, um Christentum gehe es denen gar nicht.
Wie ist die jüngere Geschichte Angolas verlaufen?
Es wurde erst 1975 von Portugal unabhängig, kaum ein anderes afrikanisches Land war so lange Kolonie. Bis 2002 tobte ein furchtbarer Bürgerkrieg, und seitdem herrscht eine Elite, die viele als korrupt einstufen; obwohl Angola eine der größten Volkswirtschaften im Afrika südlich der Sahara ist, kommt bei der breiten Bevölkerung kaum etwas von dem Reichtum an. Die Arbeitslosigkeit liegt um die 25 Prozent, die Mittelschicht muss man mit der Lupe suchen.
Was sagen die Menschen zum Papstbesuch – freuen sie sich?
Das hat mich überrascht, ehrlich gesagt. Wenn ich etwas ausholen darf: Ich war an diesem Freitag im Marienwallfahrtsort Muxima, 130 Kilometer südlich von Luanda – hier fuhren früher auf dem Fluss Kwansa die gefangenen Sklaven auf dem Schiff vorbei und wurden dann am nahen Atlantik umgeladen, in Richtung Brasilien; und hier wird der Papst am Sonntagnachmittag den Rosenkranz beten. Jedenfalls sind hier schon lauter Pilger angekommen, zwei Tage vorher, mit Zelten und Kochtöpfen, um im Freien zu übernachten, trotz der brütenden Hitze, und auf den Papst zu warten. Die Frauen in Gewändern oder Schals, die mit Bildern des Gnadenbilds von Muxima oder mit einem Porträt des Papstes bedruckt sind...
Und was sagen die?
Die sagen alle Dinge wie: „Wir wollen, dass er uns im Glauben stärkt“, „Der Papst ist wie ein Vater für uns, Gott hat ihn zu uns geschickt“, „Wir wollen einfach beten und mit ihm zusammen sein“. Sehr fromm also. Das hat mich schon überrascht. Eine einzige Frau meinte, sie wolle darum beten, dass Gott die Herzen der Politiker anrühre, damit diese sich mehr um die Armen kümmerten. Und ein junger Krankenpfleger erklärte: „Das Kommen des Papstes wird vieles verändern und uns Dinge bringen, die wir hier in Angola brauchen, zum Beispiel ein funktionierendes Gesundheitssystem und Basis-Gesundheits-Dienstleistungen – das ist das, was wir am dringendsten nötig haben.“ Aber ansonsten habe ich vor allem geistliche Erwartungen vorgefunden, keine sozialen oder politischen.
Was schreibt die Presse?
Einen Tag vor dem Eintreffen Leos in Luanda war das Thema auf Seite eins nicht er, sondern die verheerenden Regenfälle, die etwa zwanzig Todesopfer gefordert haben. Im „Novo Jornal“ geht es erst ab S. 22 um den Papstbesuch. Der Erzbischof von Saurimo darf in einem Interview herausstreichen, dass Leo als erster Papst den Osten des Landes besucht, und muss sich bohrender Fragen erwehren, ob der Papst denn bald auch wieder einen Kirchenmann aus Angola zum Kardinal erheben wird…
(vatican news)
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