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Algerien: So war die erste Etappe von Leos Afrikareise

Die erste Etappe der Papstreise nach Afrika ist vorüber: Am Mittwoch reist Leo XIV. von Algerien weiter nach Kamerun. Stefan v. Kempis hat für uns die erste Etappe der Visite mitverfolgt.

Wir fragten ihn nach seinen Eindrücken aus Algier und Annaba.

Interview

Für mich war es besonders überraschend, mitten in einem muslimischen Land eine junge, arme, aber fröhliche Kirche von Afrikanern zu entdecken: Studentinnen und Studenten aus Burundi, Uganda oder Ghana, die in Algerien Fächer wie Ingenieurwesen studieren und die der winzigen christlichen Minderheit, die über das ganze Land verteilt ist, ganz schön Leben einhauchen. Bei der Papstmesse in der Augustinusbasilika von Annaba, dem antiken Hippo, wurde während der Gesänge ausgelassen getanzt; da war man für einen Moment von der Stimmung her schon im tiefen Afrika. Nicht wenige dieser jungen Leute waren über Hunderte von Kilometern angereist, aus dem Sahara-Süden hoch an die Mittelmeerküste. Für mich war das wirklich ein Fest der Weltkirche – schon auch ein bisschen seltsam, hier an der Wirkungsstätte des heiligen Augustinus, dieses Großmeisters der „romanitas“, lauter arabische und auch schwarzafrikanische Christen zu erleben.

Aus dem Nähkästchen geplaudert...
  (@Vatican Media)

„Die meisten Christen im Land des Augustinus haben wohl noch keine Zeile von ihm gelesen“


Das hätte sich Augustinus wohl nicht träumen lassen, nicht wahr?

Das glaube ich auch. Die meisten dieser Christen im Land des Augustinus haben wohl noch keine Zeile von ihm gelesen – aber sie leben (und feiern!) denselben Glauben wie der antike Kirchenvater. Für einen Moment konnte man den „Gottesstaat“, von dem einst Augustinus in Hippo träumte, hier als Realität fühlen. Ein spanischer Priester, der seit 2002 in Algerien arbeitet – mittlerweile im Süden –, sagte mir: „Unglaublich, was für eine neue Energie der Papstbesuch unseren Leuten gegeben hat.“ Das habe die ganze, über das größte Flächenland Afrikas verstreute katholische Gemeinschaft erreicht. „Er hat uns alle beflügelt“, so der Priester, Pater Cantal. „Er hat uns dazu gebracht, dass wir nicht mehr daran denken, wie wenige wir sind.“ Und er war übrigens der internationalen Journalistenmeute, die in diesen Tagen über Algerien hergefallen ist, besonders dankbar. „Ohne euch“, sagte er mir, „hätte das alles hier vielleicht zwei- oder dreihundert Personen erreicht, nicht mehr.“ Kardinal Vesco von Algier hat uns im Schlussinterview gesagt, dass für ihn der Besuch des Papstes in der Großen Moschee von Algier der anrührendste Moment war. Der Rektor der Moschee sei sehr herzlich gewesen und habe ihn, Vesco, für eine Weile an der Hand gehalten. So nimmt jeder und jede seine ganz eigenen Eindrücke von dieser Reise mit.

  (ANSA)

„Anspielungen auf die Vorgänger Benedikt und Franziskus“


Wie wird denn der Papst selbst diese algerische Etappe erlebt haben?

Seine Emotionen sind ihm ja nicht unbedingt anzusehen; er wirkte auch in den bewegenden Momenten – etwa, als ein Chor von jungen Leuten in den Ruinen von Hippo auf Arabisch Texte des hl. Augustinus sang – ganz ruhig und gefasst. Auch in der Augustinusbasilika. Dabei wird ihm das schon einiges bedeuten: Man muss sich das mal vorstellen, der „Sohn des heiligen Augustinus“, als der er sich kurz nach seiner Wahl zum Papst bezeichnet hat, besucht sein spirituelles Zuhause. Immerhin hat er am Ende der Messe in der Basilika eine Stegreifrede gehalten – etwas, das er sonst eher meidet – und hat dabei die Reise als „ein besonderes Geschenk der göttlichen Vorsehung“ etikettiert, „ein Geschenk, das der Herr durch einen Augustinerpapst der ganzen Kirche machen wollte“. Das ist aus Leos Mund schon von bemerkenswertem Pathos. Übrigens hat er dann, um den Sinn seiner Reise kurz zusammenzufassen, zwei interessante Dinge gesagt. Erstens: „Gott ist Liebe“. Zweitens: „Wir alle brauchen seine Barmherzigkeit“. Da ist mir aufgefallen, dass das eigentlich die Hauptakzente der beiden Pontifikate vor ihm waren, die er da aufrief. Ich meine Benedikt XVI. mit seiner Enzyklika „Deus caritas est“ (2005) und Franziskus mit seinem außerordentlichen Heiligen Jahr der Barmherzigkeit (2016). Das hat Leo aufgegriffen, und dazu hat er dann noch etwas Eigenes hinzugefügt: „Wenden wir uns in aller Demut an Gott und bekennen wir, dass die gegenwärtige Lage der Welt – eine Art Negativspirale – im Wesentlichen unserem Stolz geschuldet ist“. Wer will, kann das als eine weitere Antwort an Donald Trump lesen; vorgebracht war es in dem ruhigen, unbeirrten Ton, den wir von Leo inzwischen kennen.

  (AFP or licensors)

„Die Regierung wollte vorführen, dass sich Algerien als Land der friedlichen Koexistenz, als Brücke zwischen den Kulturen und Religionen und Völkern versteht“


Hat das Regime den Papstbesuch für seine Zwecke instrumentalisiert?

Man sollte das algerische Regime sicher nicht verharmlosen; es ist nach unseren westeuropäischen Massstäben keine lupenreine Demokratie. Aber mein Gefühl in diesen Tagen war: Die Freundlichkeit und das Interesse, mit denen die Behörden Papst Leo hier empfangen haben, waren echt. Algier wollte den Papst, der vielen wegen seiner Anhänglichkeit an Augustinus als heimlicher Algerier erscheint, mit offenen Armen willkommen heißen. Und die Regierung wollte vorführen, dass sich Algerien als Land der friedlichen Koexistenz, als Brücke zwischen den Kulturen und Religionen und Völkern versteht. Auffallend war, dass das häufig mit einer Spitze gegen die frühere Kolonialmacht Frankreich verbunden wurde; das macht den Eindruck, als ob sich das Land immer noch an einem alten Trauma abarbeiten würde. Und ja, es war schon auffallend, dass ein muslimischer algerischer Staatschef und der christliche Führer Leo bei einem gemeinsamen Auftritt eine ganz ähnliche Botschaft des Friedens und der Toleranz verbreitet haben. Und das alles nur einen Tag nach Donald Trumps Post über Papst Leo.

(vatican news)
 

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14. April 2026, 21:21