Wortlaut: Papstpredigt bei Messfeier in St. Peter
»Geliebte, wir wollen einander lieben; denn die Liebe ist aus Gott« (1 Joh 4,7). Die Liturgie legt uns diese Aufforderung vor, nun da wir das außerordentliche Konsistorium feiern: einen Moment der Gnade, in dem unsere Einheit im Dienst der Kirche zum Ausdruck kommt.
Innehalten, um zu beten, zuzuhören und nachzudenken
Wie wir wissen, kann das Wort Konsistorium, Consistorium, „Versammlung“, von der Wurzel des Verbs consistere, also „Halt machen“, her verstanden werden. Und tatsächlich sind wir alle „stehen geblieben“, um hier zu sein: Wir haben unsere Aktivitäten für eine gewisse Zeit unterbrochen und auch wichtige Verpflichtungen abgesagt, um gemeinsam herauszufinden, was der Herr zum Wohl seines Volkes von uns verlangt. Dies ist an sich schon eine sehr bedeutungsvolle, prophetische Geste, insbesondere in der hektischen Gesellschaft, in der wir leben. Sie erinnert daran, wie wichtig es in jedem Lebensabschnitt ist, innezuhalten, um zu beten, zuzuhören, nachzudenken und so den Blick immer besser auf das Ziel zu richten, alle Anstrengungen und Ressourcen darauf auszurichten, um nicht Gefahr zu laufen, blindlings zu laufen oder vergeblich in die Luft zu schlagen, wovor der Apostel Paulus warnt (vgl. 1 Kor 9,26). Wir sind nämlich nicht hier, um „Agenden” – persönliche oder von einzelnen Gruppen – voranzubringen, sondern um unsere Projekte und unsere Eingebungen der Prüfung einer Unterscheidung zu unterziehen, die uns, »so hoch der Himmel über der Erde ist« (Jes 55,9), übersteigt und die nur vom Herrn kommen kann.
Deshalb ist es wichtig, dass wir jetzt, in der Eucharistie, all unsere Wünsche und Gedanken auf den Altar legen, zusammen mit der Gabe unseres Lebens, und sie dem Vater zusammen mit dem Opfer Christi darbringen, um sie durch die Gnade gereinigt, erleuchtet, verschmolzen und in ein einziges Brot verwandelt zurückzubekommen. Nur so werden wir wirklich seine Stimme hören können indem wir sie in der Gabe annehmen, die wir füreinander sind: dies ist der Grund, weshalb wir uns versammelt haben.
Unser Kollegium, obwohl reich an vielen Kompetenzen und bemerkenswerten Begabungen, ist in erster Linie nicht dazu berufen, ein Expertenteam zu sein, sondern eine Glaubensgemeinschaft, in der die Gaben der Einzelnen, die dem Herrn dargebracht und von ihm wieder zurückgegeben werden, seiner Vorsehung entsprechend am meisten Frucht bringen.
Im Übrigen ist die Liebe Gottes, deren Jünger und Apostel wir sind, eine „trinitarische”, „relationale” Liebe, Quelle jener Spiritualität der Gemeinschaft, aus der die Braut Christi lebt und deren Haus und Schule sie sein möchte (vgl. Apostolisches Schreiben Novo millennio ineunte, 6. Januar 2001, 43). Der heilige Johannes Paul II. wünschte sich zu Beginn des dritten Jahrtausends ihr Wachstum und definierte sie als einen »Blick des Herzens auf das Geheimnis der Dreifaltigkeit […], das in uns wohnt und dessen Licht auch auf dem Angesicht der Brüder und Schwestern neben uns wahrgenommen werden muss« (ebd.).
Unser „Innehalten” ist also in erster Linie ein großer Akt der Liebe – zu Gott, zur Kirche und zu den Männern und Frauen auf der ganzen Welt –, durch den wir uns vom Heiligen Geist formen lassen: zunächst im Gebet und in der Stille, dann aber auch dadurch, dass wir einander in die Augen schauen, einander zuhören und uns durch den Austausch zur Stimme all jener machen, die der Herr unserer Hirtensorge in den unterschiedlichsten Teilen der Welt anvertraut hat. Ein Akt, den wir mit demütigem und großzügigem Herzen leben sollten, im Bewusstsein, dass wir aus Gnade hier sind und dass wir nichts von dem, was wir mitbringen, nicht zuvor als Geschenk und Talent erhalten hätten, das wir nicht verschwenden dürfen, sondern klug und mutig einsetzen müssen (vgl. Mt 25,14-30).
Der heilige Leo der Große lehrte: »Überaus kostbar und wertvoll ist es […] in den Augen des Herrn, wenn das ganze christliche Volk zugleich denselben Pflichten nachkommt, wenn sämtliche Stände und Rangstufen […] in demselben Geiste zusammenwirken […].« Dann, so sagte er, »speist [man] die Hungernden, kleidet die Nackten, besucht die Kranken, und keiner ist auf das bedacht, was ihm selber nützt, sondern auf das, was dem Nächsten frommt« (Sermo 88,4). Das ist der Geist, in dem wir zusammenarbeiten wollen: der Geist derer, die sich danach sehnen, dass im mystischen Leib Christi jedes Glied in geordneter Weise zum Wohl aller beiträgt (vgl. Eph 4,11-13) und unter der Führung des Heiligen Geistes seinen Dienst würdig und erfüllt ausübt, glücklich darüber, die Früchte seiner Arbeit anzubieten und reifen zu sehen, und ebenso die Früchte des Wirkens anderer zu empfangen und wachsen zu sehen (vgl. HL. LEO DER GROSSE, Sermo 88,5).
Seit zwei Jahrtausenden verkörpert die Kirche dieses Geheimnis in seiner facettenreichen Schönheit (vgl. FRANZISKUS, Enzyklika Fratelli tutti, 280). Diese Versammlung selbst gibt Zeugnis davon, in der Vielfalt der Herkunft und des Alters und in der Einheit der Gnade und des Glaubens, die uns zusammenführt und brüderlich verbindet.
Sicherlich fühlen auch wir uns angesichts der „großen Menge” einer nach Gutem und Frieden hungernden Menschheit, in einer Welt, in der Sattheit und Hunger, Überfluss und Elend, Kampf ums Überleben und verzweifelte existenzielle Leere weiterhin Menschen, Nationen und Gemeinschaften spalten und verletzen, angesichts der Worte des Meisters: »Gebt ihr ihnen zu essen« (Mk 6,37), wie die Jünger: unzulänglich und mittellos. Jesus wiederholt jedoch: »Wie viele Brote habt ihr? Geht und seht nach!« (Mk 6,38); und das können wir gemeinsam tun. Nicht immer werden wir sofort Lösungen für die Probleme finden, mit denen wir konfrontiert sind. Aber immer, an jedem Ort und unter allen Umständen, können wir uns gegenseitig helfen – und insbesondere dem Papst helfen –, die „fünf Brote und zwei Fische“ zu finden, an denen es die Vorsehung niemals fehlen lässt, wenn ihre Kinder um Hilfe bitten; und sie anzunehmen, sie zu übergeben, zu empfangen und zu verteilen, angereichert durch den Segen Gottes und den Glauben und die Liebe aller, so dass es niemandem am Nötigen mangelt (vgl. Mk 6,42).
Meine Lieben, was ihr in eurem Dienst für die Kirche auf allen Ebenen tut, ist etwas Großes und äußerst Persönliches und Tiefes, für jeden einzigartig und für alle wertvoll; und die Verantwortung, die ihr mit dem Nachfolger Petri teilt, ist schwer und eine große Bürde.
Dafür danke ich euch von Herzen, und ich möchte zum Schluss unsere Arbeit und unsere Sendung dem Herrn mit den Worten des heiligen Augustinus anvertrauen: »Vieles gibst du uns, wenn wir beten, und alles Gute, was wir empfangen haben, bevor wir beteten, haben wir von dir empfangen; und auch dass wir diesen Sachverhalt nachträglich erkennen, hast du gegeben […]. Gedenke, o Herr, dass wir Staub sind; du hast ja aus Staub den Menschen erschaffen« (Confessiones, 10, 31, 45). Deshalb sagen wir zu dir: »Gib, was du befiehlst, und befiehl, was du willst« (ebd.).
(vaticannews - skr)
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