Buchtipp: Gegen die Erzählung der großen Männer
Die Erzählung setzt bei den frühesten schriftlichen Zeugnissen über die germanischen Stämme an. Budde verweist darauf, dass das Bild dieser Gemeinschaften maßgeblich durch römische Autoren geformt wurde. In den Texten von Caesar und Tacitus finden sich die ersten schriftlichen Erwähnungen jener Gruppen, „die jenseits des Rheins wohnen“. Die Autorin erläutert, wie aus der Geschichtsschreibung im Laufe des 19. Jahrhunderts eine Wissenschaft wurde, die Methoden entwickelte, um historischen Quellen gezielt Wissen zu entnehmen.
Ein Schwerpunkt der Darstellung liegt auf dem Wandel der Perspektiven. Während frühere Überlieferungen vorwiegend von Herrschern berichteten, treten in den Abschnitten zur neueren Zeit zunehmend Frauen sowie Angehörige einfacherer Bevölkerungsschichten in das Blickfeld. Die Darstellung reicht von den römischen Feldzügen über das Mittelalter bis in die Gegenwart und wird durch Illustrationen von Greta von Richthofen ergänzt.
Vielstimmiges Orchester
Die deutsche Geschichte gleicht einem vielstimmigen Orchester ohne Dirigent – ein Bild, das die Oldenburger Historikerin Gunilla Budde in ihrem Werk Die deutsche Geschichte aufgreift und erfahrbar macht. Statt einer verengten Perspektive auf den Nationalstaat oder einzelne Metropolen rückt das für jung und alt konzipierte Werk die Vielfalt der Schauplätze und die Lebensrealitäten der breiten Bevölkerung in den Mittelpunkt.
Budde verzichtet auf den Duktus wissenschaftlicher Publikationen und wählt stattdessen eine klare, schnörkellose Sprache im erfrischend journalistischen Stil eines populären Sachbuchs. Ihre Erzählung reicht von den frühesten Zeugnissen über die germanischen Stämme bis in die Gegenwart. Bereits das fünfseitige Inhaltsverzeichnis macht durch prägnante Kapitelüberschriften neugierig: Ob das Mittelalter unter dem Titel „Tandaradei!“ mit Minnesängern wie Walther von der Vogelweide und der Heilkundlerin Hildegard von Bingen beschrieben wird oder die deutsche Teilung mit der knappen Formel um Walter Ulbricht, den Mauerbau und Kennedys Berlin-Besuch – der Ton bleibt stets griffig und bildhaft.
Umgang mit dem Nationalsozialismus
Eindringlich zeigt sich die Methode der Autorin im Umgang mit dem Nationalsozialismus und der Judenverfolgung. Am Beispiel der Wannseekonferenz vom 20. Januar 1942 lässt Budde das Ungeheuerliche zwischen den Zeilen spüren: Nüchtern beschreibt sie, wie fünfzehn Männer und eine Protokollantin in 90 Minuten die Logistik der Vernichtung besprachen, und kontrastiert dies direkt mit zynischen Zitaten aus den Dokumenten sowie dem Einzelschicksal von Anne Frank. Daten und Fakten dienen als Eckpfeiler, in deren Rahmen Geschichten anschaulich erzählt werden – geprägt auch von der persönlichen Motivation der Autorin, die schon als Kind vom historischen Erzählen ihres Vaters und dem Tagebuch der Anne Frank inspiriert wurde.
Eine besondere Dynamik gewinnt das gut 400 Seiten starke Buch durch die dezentrale Geografie der Ereignisse: Vom Teutoburger Wald über das reformatorische Wittenberg, die schlesischen Weberaufstände in Peterswaldau, Bertha Benz’ erste Autofahrten in Mannheim bis hin zu den Montagsdemonstrationen in Leipzig wird Geschichte an ihren konkreten Entstehungsorten greifbar. Die Illustrationen von Greta von Richthofen im Stil einer Graphic Novel – etwa mit detailreichen Wimmelbildern, lodernden Flammen bei der Bücherverbrennung oder dynamischen Bildelementen – ergänzen den Text und machen den Band zu einer kurzweiligen Lektüre.
Zum Mitschreiben
Gunilla Budde: Die deutsche Geschichte. Illustriert von Greta von Richthofen, erschienen im Verlag C.H.Beck 2026, ISBN: 978 3 406 84966 4.
Eine Rezension von Mario Galgano.
(vatican news)
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