Bischof Bertram Meier bei einem Besuch in unserem römischen Redaktionsgebäude Bischof Bertram Meier bei einem Besuch in unserem römischen Redaktionsgebäude 

Bischof Meier in Ostasien: „Wo bleibt der Mensch?“

Der deutsche Weltkirche-Bischof Bertram Meier ist beeindruckt vom missionarischen Drive katholischer Gemeinschaften in Ostasien. Das sagte er nach seiner Rückkehr von einer einwöchigen Reise nach Singapur und China im Gespräch mit Radio Vatikan.

„In Westeuropa oder in Deutschland“ konzentriere sich die Kirche „sehr stark auf das Downsizing“, so der Augsburger Bischof, der innerhalb der deutschen Bischofskonferenz für das Weltkirchendossier zuständig ist. „Also geordneter Rückzug, um es mal so auszudrücken.“ Aber das Thema „missionarisch Kirche sein“ komme in unseren Breiten „manchmal ein bisschen zu kurz“. Bischof Meier wörtlich: „Ich habe auf meinen Stationen der Reise erlebt, dass dies dort großgeschrieben wird.“

„Wieviel Individualität wird dem Menschen in diesen jeweiligen Millionenstädten, in denen übrigens die Leute auf sehr beengten Verhältnissen in Hochhäusern leben müssen, zugestanden?“

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Interview

Herr Bischof, Sie sind von einer Reise durch Singapur, Hongkong und Macau zurückgekehrt – was hat Sie eigentlich auf dieser Reise am meisten bewegt?

„Wenn ich auf einen Gedanken blicke, der sich wie ein roter Faden durch alle drei Stationen gezogen hat, dann steht für mich die Frage im Mittelpunkt: Wo bleibt der Mensch? Wieviel Individualität wird dem Menschen in diesen jeweiligen Millionenstädten, in denen übrigens die Leute auf sehr beengten Verhältnissen in Hochhäusern leben müssen, zugestanden? Das ist das Thema Masse/Menschenmenge einerseits und Individualität/Personalität auf der anderen Seite – wie das zusammengebracht werden kann (ich erinnere an die katholische Soziallehre).

Wir in unseren westlichen Breitengraden betonen ja ganz stark die Individualität, übrigens auch in geistlichen Projekten wie ignatianischen Exerzitien; da geht es um das Ich. Hier ist hingegen ganz stark das Wir im Mittelpunkt, aber ein bisschen unter der Gefahr, dass das Wir das Ich, das Individuum, verschluckt. Und da, glaube ich, werden wir Christinnen und Christen nicht müde werden können, das, was Inkarnation bedeutet (Gott ist Mensch geworden!), in den Mittelpunkt zu rücken. Und zwar: Mensch! Nicht in einer abstrakten Menschheit, sondern Mensch! Im konkreten Jesus von Nazareth und im Blick auf ihn gewinnt auch jedes Individuum seine einzigartige Würde, die ihm auch keine politische Instanz um des Kollektivs willen wieder nehmen kann. Das war ein Gedanke, der meine Reise durchzogen hat und den ich nicht missen möchte, bei allen Unterschieden in den drei Stationen.“

„Wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht als Kirche im vorauseilenden Gehorsam zurückziehen“


Welche konkreten Themen und Herausforderungen beschäftigen denn die Gläubigen in diesen ja sehr chinesisch/asiatisch geprägten Ländern, wie Sie das gerade auch geschildert haben?

„Es ist so, dass die Menschen ganz stark das Thema Mission und Evangelisierung beschäftigt. Wenn wir etwa an Singapur denken: Singapur bezeichnet sich als säkularen Staat. Das ist einerseits positiv, andererseits aber (heißt es) auch: Man lässt die Religionen in Ruhe. Man denkt – übrigens ähnlich wie in Indonesien, wo ich das auch schon erlebt habe – in der Kategorie der Harmonie zwischen den Religionen, und dass die Religionen nebeneinander her, und teilweise auch miteinander im interreligiösen Dialog, versuchen sollten, sich in die Gesellschaft einzubringen.

In Hongkong feierte Bischof Meier mit Erzbischof Savio Hon SDB den Gottesdienst (c) DBK/Ulrich Bobinger
In Hongkong feierte Bischof Meier mit Erzbischof Savio Hon SDB den Gottesdienst (c) DBK/Ulrich Bobinger

In Hongkong und Macau sieht die ganze Sache etwas anders aus. Da sind die Kirchen sehr stark, auch engagiert im Bildungsbereich und im sozial-karitativen Bereich. Allerdings wird ihnen das Leben dort zunehmend schwerer gemacht: Die Entwicklung geht dahin, dass Einrichtungen wie Schulen oder soziale Einrichtungen auf den Prüfstand gestellt werden. Das hat mir zu denken gegeben. Ich erinnere an meinen Besuch in Hongkong: Gleich neben der Kathedrale steht dort das Caritas-Zentrum. Caritas Hongkong hat über 270 Niederlassungen und Zentren in der Diözese, sprich in der Stadt – das ist schon mal was! Aber die Regierung schaut ganz direkt darauf, dass die karitative Wirksamkeit der Kirche nicht mit politischen Implikationen verbunden wird. Bei einem Gespräch mit eher diplomatischen Hintergründen wurde uns auch gesagt: Wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht als Kirche im vorauseilenden Gehorsam zurückziehen, denn das gibt es eben auch… Also solange es irgendwie geht, sollte sich die Kirche im Bildungsbereich und im sozial karitativen Bereich weiter engagieren!

Sehr schön fand ich auch, als ich am Sonntag in einer Gemeinde die Eucharistie mitfeiern durfte und nachher noch ein ‚Get together‘und auch ein Flohmarkt für die Gemeindemitglieder stattfanden. Da habe ich gespürt: Gottesdienst und Gemeinschaft sind nicht zwei getrennte Segmente des kirchlichen Lebens, sondern gehören aufs Engste zusammen. Und das, glaube ich, ist auch ein Impuls, den ich mir für unser kirchliches Leben in Deutschland mitnehme.“

„Meine Hoffnung ist, dass sich die Christen auch in den Sonderverwaltungsregionen nicht aus der Ruhe bringen lassen, sondern selbstverständlich den Weg weitergehen“


Wenn Sie mit den Gläubigen in den Sonderverwaltungszonen Hongkong und Macau gesprochen haben – welche Träume, welche Hoffnungen haben diese Menschen für ihre Kirche, für die Zukunft?

„Die Wünsche und Hoffnungen der Christen dort sind, dass sie weiterhin ihr Leben als Christinnen und Christen bezeugen können und dass sie sich nicht zurückziehen müssen. Das, was wir missionarische Kirche nennen, ist ihnen ein großes Anliegen. Nicht, dass die Kirche sozusagen mehr und mehr sich selber zurücknimmt, sondern auch im guten Sinn offensiv bleiben kann. Ich habe in Hongkong erlebt, dass es dort durchaus Kinder und Jugendliche gibt, die ministrieren. Meine Hoffnung ist, dass sich die Christen auch in den Sonderverwaltungsregionen nicht aus der Ruhe bringen lassen, sondern selbstverständlich den Weg weitergehen – und zwar nicht nur liturgisch, sondern auch katechetisch und diakonisch-karitativ. Das ist es, was mich mit Hoffnung erfüllt.“

„Praktiziertes Christentum beschränkt sich eben nicht nur auf Sakristei und Kirchenschiff“


Das Interesse an religiösen Themen – jetzt auch mal etwas weiter gefasst: an Spiritualität, an Sinnsuche – ist in China ja durchaus groß, und ich habe gehört, es wird auch immer größer. Wie haben Sie das wahrgenommen? Welche Rolle spielt denn die Religion im Alltag der Menschen?

„Darüber kann ich natürlich kein abschließendes Urteil fällen, sondern bin auf die Einschätzung meiner Gesprächspartner angewiesen. Aber ein Barometer sind die Erwachsenentaufen, die in statistischer Hinsicht ausgesprochen positiv zu sehen sind. Gleichzeitig müssen wir aber auch bedenken, dass Erwachsene, die sich haben taufen lassen, dann plötzlich in der Gemeinde auch die Engagiertesten sind – und das wird man sich näher anschauen müssen. Aber dass sich Erwachsene auf einen monatelangen Glaubenskurs einlassen, dass sie ganz bewusst den Weg in die Kirche, zumal die katholische Kirche, suchen und auch eingehen, das stimmt mich sehr hoffnungsvoll: dass praktiziertes Christentum sich eben nicht nur auf Sakristei und Kirchenschiff beschränkt, sondern auch das tägliche Leben umfasst – als ‚meeting points‘, als Akt der Solidarität, als Netzwerk der Nächstenliebe. Das stimmt mich optimistisch. Und mein Wunsch ist einfach, dass sich auch in den nächsten gut zwanzig Jahren die Kirche in den Sonderverwaltungszonen nicht unterkriegen lässt, sondern den Weg weitergehen kann.“

Bei der Messe in Hongkong
Bei der Messe in Hongkong

Papst Franziskus hat sich während seines Pontifikats sehr für Asien interessiert; jetzt haben wir einen neuen Papst, Leo XIV. Welche Themen werden denn aus Ihrer Sicht unter diesem Papst die Kirche in Asien in Zukunft besonders beschäftigen?

„Damit wären wir wieder am Anfang unseres Gesprächs: Es geht darum, dass die einzelnen Individuen, die das Volk Gottes bilden, großgemacht werden. Und das zweite, denke ich, ist auch der Punkt, den der Papst sicher stark macht und der das kirchliche Leben in Asien insgesamt, aber vor allem auch in Hongkong, betrifft: Dass wir auch im Dialog so weit gehen sollten, dass vor allem die Pastoral im Mittelpunkt steht. Dass also das kirchliche Leben, die Entfaltung des Evangeliums das zentrale Anliegen ist: die missionarische Kirche. Und das hat mir schon gefallen: Dass die Katholiken, obwohl sie überall an den Stationen, an denen ich war, eine Minderheit bilden, missionarisch unterwegs sind!

„Auf einmal stand da ein Roboter vor der Zimmertür“


Wenn Sie da an unsere Situation in Westeuropa oder in Deutschland denken: Wir konzentrieren uns sehr stark auf das Downsizing, also geordneter Rückzug, um es mal so auszudrücken, und auf das Priorisieren, wie wir unsere Strukturen insgesamt finanzieren können. Aber das Thema ‚missionarisch Kirche sein‘, das kommt manchmal ein bisschen zu kurz. Ich habe auf meinen Stationen der Reise erlebt, dass dies dort großgeschrieben wird.“

Hat eigentlich das Thema Künstliche Intelligenz auch eine Rolle gespielt? Auch im Blick auf die Enzyklika des Papstes – wurde das irgendwie angesprochen?

„Nein, es wurde nicht angesprochen – aber auch dort muss ich sagen: Die Automatisierung und Digitalisierung ist dort wesentlich weiter fortgeschritten als bei uns. In meinem Hotel in Singapur kam auf einmal in meinem Zimmer über Lautsprecher eine Durchsage, dass draußen ein Service steht, der neue Handtücher bringen will. Da bin ich rausgegangen, und dann stand dort ein großer Roboter! Also, was das Thema Automatisierung und Digitalisierung betrifft – da sind wir noch weit hintendran. Ob es allerdings so gut ist, immer mehr zu automatisieren, steht auf einem anderen Blatt. Womit ich wieder an dem Punkt bin: Wo bleibt das Individuum? Wo bleibt der konkrete, lebendige Mensch? Stichwort Arbeitskraft und Arbeitslosigkeit.“

Das Interview mit Bischof Meier führte Anne Preckel von Radio Vatikan.

(vatican news)
 

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11. August 2026, 12:03