Buchtipp: Nguyen, C. Thi, Der Score Buchtipp: Nguyen, C. Thi, Der Score 

Buchtipp: Wie wir aufhören, das Spiel der anderen zu spielen

Die Allgegenwart von Ranglisten und Leistungskennzahlen prägt den Alltag in Schule, Wirtschaft und sozialen Medien. In dem Buch von C. Thi Nguyen mit dem Titel „Der Score. Wie wir aufhören, das Spiel der anderen zu spielen“ rückt die Funktionsweise dieser Quantifizierungen in den Mittelpunkt einer philosophischen Analyse. Der Autor, der als Professor für Philosophie tätig ist, verknüpft persönliche Erfahrungen aus dem Sport mit strukturbezogenen Analysen von bürokratischen Kontrollinstrumenten.

Nguyen unterteilt die menschliche Interaktion mit Scores in zwei entgegengesetzte Verhaltensweisen. Auf der einen Seite steht das Konzept des strebensorientierten Spielens, im englischen Original als „striving play“ bezeichnet. Hierbei nehmen Akteure ein künstliches Ziel vorübergehend an, um den Prozess des Bewältigens von Hindernissen zu erfahren. Der Autor zeigt dies anhand seiner eigenen Praxis des Boulderns und des Fliegenfischens auf. Das spielinterne Ziel dient in diesem Modus lediglich als Werkzeug, um eine Fokussierung der Aufmerksamkeit zu erreichen. Nguyen hält dazu fest: „Klettern heißt, Physikrätsel in der Sprache des Yoga mit dem eigenen Körper zu lösen.“ Sobald die Aktivität beendet ist, schwindet die Relevanz des Punktestands für den Akteur, da der primäre Zweck im Vollzug der Handlung selbst lag.

„Klettern heißt, Physikrätsel in der Sprache des Yoga mit dem eigenen Körper zu lösen.“

Wertübernahme

Auf der anderen Seite der Untersuchung steht das Phänomen des „value capture“, im Text als „Wertübernahme“ übersetzt. Eine solche Entwicklung vollzieht sich laut der Definition des Autors unter drei Bedingungen: „1. dass die eigenen Werte gehaltvoll und subtil sind - oder sich dazu entwickeln; 2. dass man ein soziales (typischerweise institutionelles) Setting betritt, das einem simplifizierte, oft quantifizierte Varianten der eigenen Werte anbietet; 3. dass jene simplifizierten Versionen die Oberhand gewinnen“. Diese Form der Aneignung unterscheidet sich vom reinen Reagieren auf äußere Anreize dadurch, dass die externen Maßstäbe verinnerlicht werden und das ursprüngliche normative Zielbewusstsein verdrängen.

„Ein Scoring-System ist ein sozialer Prozess, der eine quantifizierte Bewertung hervorbringt und somit ein singuläres Urteil in ein offizielles Verzeichnis einträgt.“

Als Beispiele für die Wertübernahme führt das Buch die Fixierung von akademischen Institutionen auf Hochschulrankings, die Reduktion von Kommunikation auf Interaktionsraten in sozialen Netzwerken und das Zählen von Kalorien mittels Applikationen an. Nguyen beschreibt, wie das Erfassen von Daten dazu führt, dass die Komplexität der Realität reduziert wird, um sie in Tabellenform darzustellen. Dies erzeuge eine strukturelle Lücke zwischen dem, was messbar ist, und dem, was für das Individuum Bedeutung besitzt. Die Attraktivität mechanischer Bewertungen liege in der Entlastung von der Unübersichtlichkeit des Lebens. Scores vereinheitlichen Beurteilungen und schaffen Verbindlichkeit. In den Worten des Autors: „Ein Scoring-System ist ein sozialer Prozess, der eine quantifizierte Bewertung hervorbringt und somit ein singuläres Urteil in ein offizielles Verzeichnis einträgt.“

Während Spiele durch ihre Abgrenzung vom Alltag den Freiraum bieten, Rollen und Zielsetzungen flexibel zu wechseln, neigen institutionelle Metriken zur Starrheit. Nguyen plädiert in seiner Untersuchung dafür, die Mechanismen hinter der gesellschaftlichen Konvergenz von Urteilen kritisch zu hinterfragen und die Kontrolle über die eigenen Maßstäbe zurückzugewinnen.

„Nguyen plädiert in seiner Untersuchung dafür, die Mechanismen hinter der gesellschaftlichen Konvergenz von Urteilen kritisch zu hinterfragen und die Kontrolle über die eigenen Maßstäbe zurückzugewinnen.“

Zum Mitschreiben

C. Thi Nguyen: Der Score. Wie wir aufhören, das Spiel der anderen zu spielen. Aus dem Englischen von Frank Lachmann, erschienen im Verlag C.H. Beck 2026. ISBN 978 3 406 84414 0

Eine Rezension von Mario Galgano.

(vatican news)

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29. Juni 2026, 13:30