Wiener Erzbischof Grünwidl über Papst Leo: „Er ist ganz da“
Gudrun Sailer - Vatikanstadt
Die Begegnung mit Papst Leo und die Möglichkeit, ihn persönlich zu sprechen, sei für ihn „ein sehr beeindruckendes Erlebnis“ gewesen, so Grünwidl. „Ich habe ihn als einen sehr präsenten Menschen erlebt, der wirklich ganz da ist, der sehr aufmerksam zuhört.“ Leo habe ihn eingeladen, frei über die Situation in Wien zu sprechen. „Der Papst hat sehr gezielt bei einzelnen Punkten nachgefragt, wo er noch genauere Informationen wollte. Ich habe das als sehr wertschätzend empfunden. Auch, dass er sehr daran interessiert ist, wirklich genau zu hören und gut zu wissen, was los ist und worum es geht."
Grünwidl schilderte dem Papst die Lage in der Erzdiözese Wien mit ihren unterschiedlichen Lebensrealitäten zwischen der Hauptstadt und den ländlichen Regionen Niederösterreichs. „Wir haben hier unterschiedliche Geschwindigkeiten bei der Erosion des christlichen und des kirchlichen Lebens“, erklärte der Erzbischof dem Papst. Es sei ihm aber wichtig, „auch in dieser Zeit der Transformation, in der sich eine neue Kirchengestalt entwickelt und eine altvertraute Kirchengestalt an prägender Kraft verliert, immer wieder darauf hinzuweisen: Es gibt Grund zur Hoffnung. Gott umarmt uns im Heute. Wir sollen nüchtern die Realität anschauen und mit Hoffnung und Zuversicht das tun, was uns möglich ist und auch neue Wege beschreiten.“
Grünwidl bestätigte, er habe bei der halbstündigen Audienz mit dem Papst auch über „klassische Reformthemen“ geredet. Näheres wollte er dazu nicht sagen. Gefragt nach seiner eigenen Haltung zu der in Deutschland kontrovers geführten Debatte über Segnungsfeiern für irreguläre Paare, einschließlich gleichgeschlechtlicher, erklärte Grünwidl, in Österreich sei man „sehr froh“ gewesen über die vatikanische Erlaubnis, dass es Segnungen „in ganz einfacher Form für irreguläre Paare geben soll und geben kann.“ Deutschland gehe einen „direkteren Weg“, merkte Grünwidl an. „Ich kommentiere nicht Entscheidungen der deutschen Bischöfe, glaube aber, dass dieser von Papst Franziskus begonnene Kurs, auf Menschen zuzugehen, die um Segen bitten, und ihnen zu ermöglichen, Segen zu empfangen, ein richtiger und auch pastoral kluger Weg ist.“
Auch die Umstände seiner eigenen Ernennung zum Wiener Erzbischof klangen bei der Audienz an, bestätigte Grünwidl. Leo XIV. war bereits als Präfekt des Bischofsdikasteriums mit der Nachfolge von Kardinal Christoph Schönborn befasst und nahm dann als Papst die Ernennung Grünwidls vor. Der Erzbischof sagte, der Papst kenne die Situation gut. „Leo war im November 24 als Kardinal noch in Wien zu Besuch, damals auch zu einem Gespräch mit dem Herrn Kardinal Schönborn, wo es sicher auch um die Frage der Nachfolge gegangen ist. Ich hatte durchaus das Gefühl, dass er auch für mein Zögern und für meine Vorbehalte, die anfangs da waren, Verständnis hat.“
Synodalität: Wandel braucht am Ende auch Kirchengesetze
Mit Blick auf das Thema Synodalität, den Weg zu mehr Mitverantwortung aller Getauften, sprach Grünwidl in dem Interview unter Berufung auf Papst Franziskus von einem nötigen „Kulturwandel in der Kirche“ und fügte hinzu: „Ich erwarte mir für uns in Österreich, dass wir dieses große Wort Synodalität durchbuchstabieren und sozusagen auf den Boden bringen, es wirklich konkret machen. Und das erwarte ich mir auch von der Weltkirche.“
Papst Leo habe bereits gezeigt, dass er Synodalität weiterführen werde. Der Wiener Erzbischof sieht dafür einen klaren Weg. „„Es sind jetzt sicher Schritte notwendig, um das noch einmal durchzudenken, theologisch zu reflektieren. Und wenn es zu synodalen Schritten kommt, etwa zu stärkerer Partizipation von Getauften - Frauen und Männern - auch auf Entscheidungsebenen, dann muss das in Richtlinien, in Kirchengesetze gegossen werden, sodass Synodalität landet und konkret gelebt werden kann.“
Als besonderen Beitrag Wiens für die Weltkirche, den er gerne einbringen würde, nennt Grünwidl das ökumenische und interreligiöse Miteinander. In der österreichischen Hauptstadt treffe sich regelmäßig der Rat der Religionen. „Dadurch, dass es persönliche Beziehungen gibt zu Vertretern anderer Glaubensgemeinschaften und Kirchen, wird auch manches möglich – einfach, weil wir einander kennen und miteinander im Gespräch sind.“
Grünwidl verwies dabei auch auf Kardinal Franz König und dessen 1964 gegründete Stiftung „Pro Oriente“ zur Förderung der ökumenischen Beziehungen zwischen der römisch-katholischen und den orthodoxen Kirchen. „Dieses Miteinander, glaube ich, gelingt in Österreich und auch in der Stadt Wien, in der Erzdiözese Wien sehr gut. Ich denke, das wäre ein Baustein, ein Erfahrungswert, den wir einbringen können.“
Grünwidl bestätigte, er habe eine Einladung an Papst Leo zu einem Besuch in Österreich ausgesprochen. Aber: „Mein Eindruck ist, dass Österreich jetzt nicht ganz oben auf seinen Reiseziel-Listen steht.“
Neben der Papstaudienz stehen für Grünwidl in diesen Tagen in Rom Gespräche in mehreren Kurienbehörden auf dem Programm. Bereits am Montag war er im Dikasterium für Kultur und Bildung. Dort sei ihm „noch einmal klar geworden, dass Wien zum Beispiel auch als Universitätsstadt doch einen Status hat und auch von Rom und weltkirchlich gesehen als ein wichtiger Player betrachtet wird.“ Zugleich gehe es um persönliche Kontakte im Vatikan. Bischofs- und Klerusdikasterium sowie das Staatssekretariat stehen am Dienstag noch auf dem Programm. „Vor allem geht es mir darum, dass die zuständigen Kardinäle und auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in diesen Dikasterien mich als neuen Erzbischof einmal sehen und kennenlernen.“
Besonders eindrücklich blieb für Grünwidl die persönliche Art des Papstes. „Ich habe Papst Leo heute erlebt als einen Mann, der mir das Gefühl gegeben hat, er ist ganz für mich da, nimmt mich ernst, hört mir zu. Auch wenn der Papst sehr viel zu tun hat und noch viele Termine kommen - jetzt, in dieser halben Stunde ist, ist er ganz für mich da
Ich habe Papst Leo heute erlebt als einen Mann, der wirklich ganz da ist und der mir das Gefühl gegeben hat, auch wenn ich weiß, der Papst hat sehr viel zu tun und es kommen noch viele Termine, aber jetzt in dieser halben Stunde ist er ganz für mich da“, so der Wiener Erzbischof. „In dieser Hinsicht möchte ich mir ein Beispiel an Papst Leo nehmen und ich denke, das könnte auch für viele andere ein Impuls sein zum kritischen Nachdenken über die Selbstpräsenz. Und darüber, wie wir für andere da sind - oder ob wir an ihnen vorbeileben.“
(vatican news – gs)
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