Buchtipp: Der Sinn des Lebens
Stefan von Kempis – Vatikanstadt
Doch damit fangen die Überraschungen schon an: Denn wie der Autor zeigt, treibt die Sinnfrage die Philosophen erst so richtig seit dem 18. Jahrhundert um. Vorher sorgten weitverbreitete religiöse Denksysteme dafür, dass sich die Frage eigentlich nicht stellte. Erst seit Gott „tot“ ist, ist die Frage aufgebrochen – wobei die Philosophie (anders als die Psychologie, interessanterweise) immer noch fremdelt mit der Sinnfrage, sie vielfach zu einem Problem einzelner Individuen erklärt, einer Frage, die sich rational nicht allgemeingültig beantworten lasse.
Wenn der Markt die Sinnfrage kapert
Zichy lässt das nicht gelten. Für ihn geht nämlich der Sinn des Lebens nicht nur den Einzelnen etwas an, sondern auch die Gesellschaft. Denn wenn „die Sinnfrage letztlich selbst der Marktlogik unterworfen beziehungsweise von ihr gekapert wird, so dass der zentrale Sinnimperativ nunmehr lautet ‚Sei erfolgreich, setze dich durch, sei besser, reicher, berühmter usw. als die anderen!‘“, dann führt das zu „einer entfesselten Leistungs- und Konkurrenzgesellschaft, die drauf und dran ist, sich selbst kaputt zu machen“. Eine vornehme „liberale Zurückhaltung“, die dem Einzelnen um seiner Freiheit willen keine Vorschriften in Sachen Sinn machen möchte, kann also nachgerade zur Bedrohung der Freiheit einer Gesellschaft werden.
Aber ist der Mensch denn nicht nur ein kleines Pünktchen in einem gleichgültigen Universum? Macht seine Winzigkeit angesichts des unendlichen Kosmos sein Streben nach Sinn nicht zu einem lächerlichen Akt der Hybris? Nein, sagt Zichy, denn man dürfe nicht „von Fakten auf Werte schließen“. „Aus der Tatsache, dass das Universum chaotisch ist und wir darin keine funktionale Bedeutung haben, folgt weder, dass wir wertlos, noch, dass wir wertvoll sind.“ Elegant geht er auf viele aktuelle Debatten ein, etwa die des „Neuen Atheismus“, und findet immer zu pointierten, gut begründeten Einsichten.
Die Frau des Sisyphos
Es ist ein denkerisches Vergnügen, dem Autor in seinen Überlegungen zu folgen, die klar formuliert und auch für den philosophischen Laien (der Rezensent gehört auch dazu) nachvollziehbar sind. Manchmal blitzt auch Humor auf – in welchem anderen Werk dieses Zuschnitts wird etwa Michael Jackson erwähnt? Immer wieder stößt der Leser auf Überraschendes, beispielsweise auf den Hinweis, dass selbst heutzutage, „im bekanntermaßen nachmetaphysischen Zeitalter…, Gott in der Philosophie – vor allem in der analytischen – als Sitz des menschlichen Lebenssinnes erstaunlicherweise ausführlich diskutiert“ wird. Vor allem aber behandelt das Buch Fragen, die sich jedem von uns stellen, in verständlicher Form.
Und worin besteht er nun, der Sinn des Lebens? Erschrecken Sie nicht: Zichy erklärt sowohl metaphysische („Gott ist der Sinn des Lebens“) wie nihilistische Antworten („Es gibt diesen Sinn gar nicht“) für „erkenntnistheoretisch fragwürdig“. Er versucht eine „neue Antwort“: „Im Kern lebt ein sinnvolles Leben, wer aus den richtigen Gründen für andere – um seiner selbst willen – wichtig ist“. Oder anders formuliert, mit einem Augenzwinkern: Wäre Sisyphos in seinem ständigen Felsblock-den-Berg-Hochrollen nicht allein, sondern hätte jemanden an seiner Seite, mit dem er sich austauschen könnte, dann wäre sein Leben nach Zichys Überzeugung „nicht nur erträglicher, sondern eben auch gleich viel weniger sinnlos“.
Michael Zichy: Anderen wichtig sein. Eine Philosophie des Lebenssinns. Suhrkamp Verlag, ca. 26 Euro.
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