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Buchtipp: Roberto Simanowski - Sprachmaschinen. Eine Philosophie der künstlichen Intelligenz Buchtipp: Roberto Simanowski - Sprachmaschinen. Eine Philosophie der künstlichen Intelligenz 

Unser Buchtipp: : Ein Abgesang auf das „Haus des Seins“

In seinem neuesten Werk „Sprachmaschinen“ seziert der Medienwissenschaftler Roberto Simanowski die künstliche Intelligenz nicht als technisches Wunderwerk, sondern als philosophische Bedrohung. Seine These ist radikal: Während wir uns über die Bequemlichkeit von ChatGPT freuen, geben wir das letzte Refugium der menschlichen Freiheit auf: das Denken durch Sprache.

Stellen Sie sich vor, Sie müssten nie wieder um eine Formulierung ringen. Nie wieder über einen komplizierten Satz von Kant brüten. Nie wieder das Risiko eingehen, missverstanden zu werden. Die Verheißung der aktuellen KI-Revolution ist die totale Effizienz. Doch Roberto Simanowski, einer der schärfsten Beobachter unserer digitalen Kultur, tritt in seinem neuen Buch Sprachmaschinen kräftig auf die Bremse.

Sprache als statistisches Recycling

Simanowski beginnt dort, wo die meisten KI-Begeisterten aufhören: bei der Substanz. Er beschreibt die sogenannten „Large Language Models“ (LLMs) nicht als denkende Wesen, sondern als gigantische „Rechenmaschinen“, die Sprache entkernen. Für die KI sei ein Wort kein Träger von Bedeutung, sondern ein statistischer Wert. „KI macht keine Gedanken, sie macht Häufigkeit“, heißt es pointiert in der Analyse des Buchs.

Was wir als „Pfingstwunder 2.0“ – die perfekte Übersetzung und Kommunikation über alle Sprachgrenzen hinweg – feiern, ist für Simanowski ein „sprachliches Recycling auf Speed“. Der Mensch werde zum „Konsumenten von Erkenntnis“, der sich mundgerechte Wissens-Häppchen servieren lässt, ohne den Prozess des Verstehens selbst zu durchlaufen.

Die „Zweiterziehung“ durch das Silicon Valley

Besonders brisant ist Simanowskis Kapitel über den „Werte-Export“. Er kritisiert die moralische „Dressur“ der Maschinen durch ihre Schöpfer im Silicon Valley. Die KI werde zu einem „Musterknaben“ erzogen, der uns in Systemprompts vorschreibt, was anständig und „woke“ ist. Simanowski nennt dies eine „moralische Zweiterziehung“. Das Problem dabei: Wir merken nicht mehr, ob ein Gedanke unser eigener ist oder ob wir lediglich die „politische Kleiderordnung“ eines Algorithmus übernehmen.

Der „Oppenheimer-Moment“ der Geisteswissenschaften

Simanowski zieht Parallelen zur Geschichte der Technikphilosophie, von Heideggers „Sprache als Haus des Seins“ bis zu Cassirers „Sachordnung“. Er sieht in der Sprachmaschine eine „Fortschrittsfalle“. Wir bauen diese Maschinen nicht, weil wir sie brauchen, sondern weil wir es können – ein „Oppenheimer-Moment“, in dem die Schöpfer die Kontrolle über die soziale Wirkung ihrer Erfindung längst verloren haben.

Das Buch ist kein Trostpflaster. Es bietet keinen einfachen Zehn-Punkte-Plan zur Rettung der Menschheit. Stattdessen ist es ein „Knirschen einer Sprache, die sich noch wehrt“, wie er schreibt. Simanowski fordert eine „philosophische Medienkompetenz“, die über das bloße Bedienen von Oberflächen hinausgeht.

Fazit: Ein notwendiger Stolperstein

Sprachmaschinen ist eine unbequeme Lektüre. Es zwingt den Leser, über die eigene Bequemlichkeit zu stolpern. Wer wissen will, warum die „allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“ (Kleist) in Gefahr ist, wenn die Maschine das Reden übernimmt, kommt an diesem Buch nicht vorbei. Simanowski liefert die intellektuelle Munition für eine Debatte, die wir führen müssen, bevor wir endgültig im „Sprachsarg der Maschine“ aufwachen. Passend dazu ein Zitat aus dem Werk: „Der Mensch als Bastler, der das Pflaster reißt, nur um zu sehen, ob's noch blutet.“

Zum Mitschreiben

Roberto Simanowski: Sprachmaschinen. Eine Philosophie der künstlichen Intelligenz, erschienen 2025 im C.H. Beck Verlag, München. ISBN 9783406837531

Eine Rezension von Mario Galgano.

(vatican news)

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12. Januar 2026, 11:38