Buchtipp: Sven Beckert - Kapitalismus Buchtipp: Sven Beckert - Kapitalismus 

Unser Buchtipp: Vom Baumwollfeld zum Algorithmus

Zum Ende des Jahres 2025 steht die Weltwirtschaft vor einem Umbruch, der die industrielle Revolution verblassen lässt: Die KI-Transformation erfasst alle Lebensbereiche. Doch wer verstehen will, wie wir hierhergekommen sind, sollte Sven Beckerts „Kapitalismus. Geschichte einer Weltrevolution“ lesen – ein Werk, das pünktlich zur Stunde Null unserer digitalen Zukunft erscheint.

Wenn wir am Ende dieses Jahres 2025 Bilanz ziehen, dominiert ein Akteur die Schlagzeilen: Die Künstliche Intelligenz. Sie ist die neue „große Variable“, die Produktivitätsraten in die Höhe treibt und Berufsbilder in Echtzeit auflöst. Doch während wir über Algorithmen und Rechenzentren debattieren, liefert der Historiker Sven Beckert das nötige Fundament, um die Logik hinter diesem Sturm zu verstehen. Sein neues Werk „Kapitalismus. Geschichte einer Weltrevolution“ ist keine trockene Chronik, sondern die Anatomie eines Systems, das seit Jahrhunderten alles verschlingt und neu zusammensetzt.

Ein System ohne Zentrum

Beckert bricht mit der alten Erzählung, der Kapitalismus sei ein rein europäisches Exportprodukt, das im 18. Jahrhundert in den Fabriken Manchesters das Licht der Welt erblickte. In seiner Darstellung ist der Kapitalismus von Beginn an ein globales Netzwerk. Er führt uns von arabischen Kaufleuten zu indischen Webern und auf die karibischen Zuckerplantagen, wo versklavte Afrikaner den Rohstoff für den Aufstieg des Westens lieferten.

Dieses Werk macht deutlich: Der Kapitalismus war nie lokal begrenzt. Er war immer schon eine „Weltrevolution“, die Entfernungen überbrückt und Kulturen gewaltsam miteinander verzahnt hat. Wenn wir heute beobachten, wie KI-Modelle in Kalifornien trainiert, Chips in Taiwan gefertigt und Datenzentren in Island gekühlt werden, sehen wir die digitale Fortsetzung jener Vernetzung, die Beckert für die Ära des Handels- und Industriekapitalismus beschreibt.

Wachstum und Zerstörung

Beckert verschließt die Augen nicht vor den Schattenseiten. Er bilanziert nicht nur „Soll und Haben“, sondern zeigt, wie eng der enorme Wohlstandszuwachs mit Imperialismus, Ausbeutung und der Zerstörung unserer Lebensgrundlagen verknüpft ist. Im Zeitalter der Klimakrise wirkt seine Analyse wie ein Warnsignal: Ein System, das auf unendlicher Expansion basiert, stößt an die Grenzen eines endlichen Planeten.

Die Parallelen zur heutigen KI-Wahrnehmung sind frappierend. Auch die Künstliche Intelligenz wird als Heilsversprechen für unendliches Wachstum gefeiert, während gleichzeitig die Sorge um soziale Ungleichheit und den ökologischen Fußabdruck der riesigen Serverfarmen wächst. Beckert lehrt uns, dass technologische Sprünge im Kapitalismus selten neutral sind – sie verschieben Machtverhältnisse und schaffen neue Abhängigkeiten.

Fazit: Die Zukunft neu denken

„Kapitalismus. Geschichte einer Weltrevolution“ erlaubt es uns, die Gegenwart als Teil einer langen Kette von Transformationen zu begreifen. Beckert entwirft ein Gesamtbild, das uns gerade jetzt, am Ende eines Jahres der KI-Euphorie, dazu zwingt, unsere Zukunft neu zu denken. Gleichzeitig wird auch deutlich, was Papst Franziskus als Kritik äußerte: „Diese Wirtschaft tötet.“ Die Betonung lieg auf „diese“.

Wer Beckert liest, versteht: Der Kapitalismus ist kein Naturgesetz, sondern ein historischer Prozess. Und wie jeder Prozess ist er gestaltbar. Wenn die KI die neue Dampfmaschine des 21. Jahrhunderts ist, dann liefert uns Beckert die Gebrauchsanweisung, um nicht nur deren Geschwindigkeit, sondern auch deren Richtung kritisch zu hinterfragen. Ein unverzichtbares Werk für alle, die im Chaos der Gegenwart den Überblick behalten wollen.

Zum Mitschreiben

Sven Beckert: Kapitalismus. Geschichte einer Weltrevolution. Erschienen 2025 im Rowohlt-Verlag. 3. Auflage erscheint im Januar 2026. ISBN 978-3-498-00591-7

Eine Rezension von Mario Galgano.

(vatican news)

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29. Dezember 2025, 10:57