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Wenn ein Brand alles verändert: „Das gelbe Haus“ Wenn ein Brand alles verändert: „Das gelbe Haus“  (©Janice - stock.adobe.com)

Unser Buchtipp: Glanz und Elend unter dem Zitronenbaum

Die japanische Starautorin Mieko Kawakami legt mit „Das gelbe Haus“ ein monumentales Werk über Armut, kriminelle Verstrickungen und die fragile Sehnsucht nach Familie vor. Ein Roman, der wehtut – und dennoch lesenwert ist.

Es beginnt mit einer Nachricht in den sozialen Medien, einem Namen in einem kleinen Artikel, der eine Lawine der Erinnerung auslöst. Ito Hana, die Protagonistin in Mieko Kawakamis neuem Roman „Das gelbe Haus“, wird schlagartig in eine Vergangenheit zurückgeworfen, die sie längst hinter sich gelassen glaubte. Es ist eine Geschichte, die im Tokio der späten 1990er Jahre spielt, im Schatten der wirtschaftlichen Pleite des Wertpapierhauses Yamaichi, als das Versprechen vom ewigen Aufstieg Japans endgültig zerbrach.

Die Architektur der Sehnsucht

Das titelgebende „gelbe Haus“ ist mehr als nur ein Ort. Es ist das Symbol für den verzweifelten Versuch, sich eine eigene Realität jenseits der biologischen Herkunft zu schaffen. Hana, die in prekären Verhältnissen aufwächst, findet in der charismatischen, aber undurchsichtigen Kimiko eine Ersatzmutter. Gemeinsam mit zwei weiteren Mädchen gründen sie in einem gelb gestrichenen Haus eine Wahlfamilie, die zunächst wie ein „Familienidyll“ (Kapitel 7) erscheint. Sie eröffnen ein kleines Lokal, kochen gemeinsam – man riecht förmlich den Duft von Yakisoba und das brutzelnde Fleisch auf der Eisenplatte.

Doch Kawakami wäre nicht die Chronistin der japanischen Außenseiter, wenn sie es bei diesem Idyll belassen würde. Das Gelb des Hauses, anfangs leuchtend wie Hoffnung, wandelt sich im Laufe der über 500 Seiten zur „Gelbfäule“ (Kapitel 13).

Das Cover zum Buch
Das Cover zum Buch

Der Preis der Sicherheit

Der zentrale Motor des Romans ist das Geld – oder vielmehr dessen Abwesenheit. Kawakami seziert präzise, wie aus der Notwendigkeit, das tägliche Überleben zu sichern, eine moralische Abwärtsspirale entsteht. „Geld-Los“ (Kapitel 2) wird zum „Prüfstein“ (Kapitel 6), bis schließlich der „Tatbeginn“ (Kapitel 8) unausweichlich scheint. Die Mädchen rutschen in die Kriminalität ab, verstricken sich in betrügerische Geschäfte und verlieren dabei schleichend die Grenzlinien zwischen Gut und Böse aus den Augen.

Kawakami schreibt mit einer schonungslosen Direktheit, die bereits ihre Welterfolge „Brüste und Eier“ oder „Heaven“ auszeichnete. Sie stellt die unangenehme Frage: Wie viel Moral kann man sich leisten, wenn der Magen leer ist?

Fazit: Ein Meisterwerk der Empathie

„Das gelbe Haus“ ist ein wuchtiges Porträt einer verlorenen Jugend in einer gnadenlosen Leistungsgesellschaft. Kawakami gelingt es meisterhaft, die psychologischen Feinheiten ihrer Figuren herauszuarbeiten – ihre Ängste, ihre „Raserei“ (Kapitel 11) und ihre Sehnsucht nach echter Nähe. Es ist ein Roman über die „Tabula rasa“ (Kapitel 12) des Lebens und die bittere Erkenntnis, dass manche Häuser auf Sand gebaut sind, egal wie hell sie gestrichen wurden.

In der Übersetzung von Katja Busson behält der Text seine kühle Eleganz und rhythmische Intensität. Ein literarisches Ereignis, das noch lange nachhallt.

Zum Mitschreiben

Mieko Kawakami: Das gelbe Haus. Roman, erschienen im Dumont-Verlag 2025. ISBN 978-3832168346

Eine Rezension von Mario Galgano.

(vatican news)

 

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22. Dezember 2025, 13:33