La Guaira, am 14. Juli La Guaira, am 14. Juli  (AFP or licensors)

Venezuela: Kirchen werden zu Orten des Trostes

Rund drei Wochen nach den verheerenden Erdbeben in Venezuela suchen die Betroffenen den Kontakt zu Priestern und Ordensleuten und besuchen verstärkt die heiligen Messen.

Das berichtet die Geschäftsführende Präsidentin des internationalen Hilfswerks „Kirche in Not“ (ACN), Regina Lynch, während eines Krisenbesuchs bei Projektpartnern in den besonders betroffenen Gebieten des Landes. Die Reise führte die Delegation von „Kirche in Not“ in die Küstenregion rund um die Bistumsstadt La Guaira sowie in die Hauptstadt Caracas.

„Es ist enorm, was zu tun ist. Die Menschen werden noch lange in Zelten übernachten müssen. Viele haben keine Arbeit mehr“, schilderte Regina Lynch die Situation in einer Videobotschaft aus La Guaira. „Aber die Kirche gibt den Menschen Hoffnung. Die Bischöfe, Priester und Ordensschwestern sind nah bei den Menschen. Das ist eine große Quelle der Hoffnung.“


„Es ist enorm, was zu tun ist“

Davon berichtet auch Pfarrer Laudence Betancourt aus der Gemeinde „Unsere Liebe Frau von Lichtmess“ in Caraballeda bei La Guaira. Obwohl die Kirche dort noch im Bau sei – es fehlen Dach und Wandteile – und normalerweise nicht für tägliche Messen genutzt werde, kämen derzeit fünfmal so viele Gläubige wie sonst zu den Gottesdiensten, um Trost zu suchen.

Pfarrer Laudence berichtete den Mitarbeiterinnen von „Kirche in Not“ außerdem, dass er zehn Tage an einem Ort verbrachte, wo man in Trümmern nach den beiden Söhnen eines Paares aus der Pfarrei suchte. Selbst als klar war, dass sie nicht mehr lebend gefunden werden, wollten die Eltern, dass der Priester bleibt, um für ihre Söhne zu beten. Er sei am letzten Tag zwölf Stunden, bis zwei Uhr nachts, bei ihnen geblieben, so der Priester, bis schließlich die Leichen der 16- und 23-jährigen Männer geborgen wurden. Doch schon um sechs Uhr morgens sei er wieder angerufen worden, damit er zu einem anderen Gebäude komme und dort die Totenandacht halte.


Auch andere Seelsorger kommen an ihre Grenzen. Pfarrer Daniel Acosta aus Tarmas, ebenfalls im Bistum La Guaira, sagte: „Wir müssen diejenigen begleiten, beraten und unterstützen, die Angehörige verloren haben, aber auch jene, die ihre Arbeit und Existenzgrundlage verloren haben. Wir vertrauen uns dem Herrn an und bitten ihn jeden Tag, uns zu helfen.“ Doch am Abend ziehe sich das Herz zusammen und es kämen die Tränen, gestand der Pfarrer. In seiner Gemeinde ist das Dach der Kirche eingestürzt. „So viele Menschen und Freunde sind von uns gegangen. An jedem Tag ist es ein neuer Schlag, wenn man erfährt, dass jemand, den man gekannt hat, nicht mehr unter uns ist.“ Insgesamt sind nach aktuellen Angaben etwa 4500 Menschen ums Leben gekommen, aber die Vereinten Nationen schätzen, dass noch 50 000 Menschen vermisst werden.

Seelsorger kommen an ihre Grenzen

Besonders vom Erdbeben betroffenen ist die Pfarrei in Ciudad Chavez, einer sozialistischen Siedlung bei La Guaira. „Es war die jüngste Pfarrei der Diözese, und sie wurde praktisch vollständig zerstört. 80 Prozent meiner Gläubigen sind ums Leben gekommen“, berichtete der Pfarrer Alfredo Bustamente. „Von unserem Kirchenchor haben nur vier Menschen überlebt. Auch vier meiner Ministranten sind gestorben.“ Die Siedlung hatte vor dem Erdbeben 22 500 Einwohner. Wie viele Menschen in der Pfarrei genau ums Leben gekommen sind, ist bisher unbekannt.

Eines der wenigen Gebäude, das dort stehen geblieben ist, ist das diözesane Heiligtum für den venezolanischen Heiligen José Gregorio Hernandez, das gleichzeitig als Pfarrkirche St. Oscar Romero dient. Die Fertigstellung des Gebäudes im Herbst 2023 war von „Kirche in Not“ unterstützt worden. Die Statue des Heiligen im Kirchenraum sei zwar durch das Erdbeben von einem Sockel herabgestürzt, aber doch unversehrt geblieben, berichtet der Pfarrer – und ergänzt: „Wenn man ihm in die Augen schaut, sieht man, dass sein Gesicht traurig ist.“


Trotz des Leids sind die Kirchen Orte des Trostes und der Hoffnung. Von hier aus werden Hilfen organisiert und Lebensmittel verteilt. Für diese Arbeit hatte „Kirche in Not“ bereits kurz nach den Beben 100.000 Euro zugesagt. Viele der Menschen, die jetzt trösten, in den Hilfszentren arbeiten oder die Hilfe in den Pfarreien koordinieren, haben selbst Angehörige, Freunde, ihre Wohnungen und Arbeitsplätze verloren. Doch sie teilen das Wenige, das sie besitzen, beobachteten die Mitarbeiterinnen des Hilfswerks vor Ort.

Angesichts der massiven Zerstörungen empfinden es viele Menschen wie ein Wunder, dass sie überlebt haben. Darauf ging auch der Bischof von La Guaira, Pablo Modesto, in einer Predigt ein: „Man muss verstehen, dass Gott uns das Leben geschenkt hat, damit wir es in den Dienst anderer stellen und nicht in Resignation verfallen. Die Frage ist nicht, warum ich am Leben bin, sondern wofür ich am Leben bin.“

(kirche in not – sk)
 

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15. Juli 2026, 10:04