Pakistan: Bischöfe bestürzt über Freispruch nach Lynchmord an Christen
Das Ehepaar – beide Arbeiter in einer Ziegelei in Kot Radha Kishan im Bezirk Kasur – war am 4. November 2014 Opfer eines aufgebrachten Mobs geworden. Shama Bibi, eine Katholikin, und ihr protestantischer Ehemann Shahzad Masih wurden fälschlicherweise der Blasphemie beschuldigt. Was folgte, war einer der schlimmsten bekannten Blasphemiemorde: Die beiden wurden wegen angeblicher Gotteslästerung gefoltert und bei lebendigem Leibe in einem Ziegelofen verbrannt.
Bei lebendigem Leibe in einem Ziegelofen verbrannt
Nach der Tat leitete die Polizei Ermittlungen gegen mehr als 600 Verdächtige ein, darunter den Besitzer der Ziegelei und den örtlichen Imam. Im Jahr 2016 verurteilte ein erstinstanzliches Gericht fünf Angeklagte zum Tode, während acht weitere wegen Beihilfe Haftstrafen erhielten. Zahlreiche andere Verdächtige wurden freigesprochen oder gar nicht erst angeklagt.
Bereits 2019 hob das Obergericht von Lahore zwei Todesurteile – darunter das gegen den Imam – auf und sprach zudem 102 weitere Angeklagte frei. Die Todesurteile gegen drei Beschuldigte blieben zunächst bestehen.
Im Zweifel für den Angeklagten...
Mit dem nun ergangenen Urteil des Obersten Gerichtshofs wurden auch diese letzten drei Angeklagten freigesprochen. Das Gericht begründete seine Entscheidung mit dem sogenannten Prinzip „im Zweifel für den Angeklagten“ aufgrund von Schwächen und Widersprüchen in der Beweisführung der Staatsanwaltschaft. Damit gibt es nach Abschluss aller Instanzen keinen rechtskräftig verurteilten Täter mehr für den Mord an dem christlichen Ehepaar.
Schwere Verbrechen gegen religiöse Minderheiten bleiben straflos
Das Urteil löste bei den christlichen Gemeinden Pakistans sowie bei Menschenrechtsorganisationen große Enttäuschung aus. Die pakistanische Kommission „Gerechtigkeit und Frieden“ der katholischen Bischofskonferenz bezeichnete die Entscheidung als Teil eines wiederkehrenden Musters, bei dem schwere Verbrechen gegen religiöse Minderheiten straflos blieben.
In ihrer Stellungnahme verwies die Kommission auf ähnliche Fälle, etwa die Gewalt gegen Christen in Gojra im Jahr 2009 oder den Angriff auf das christliche Viertel Joseph Colony in Lahore im Jahr 2013. Auch dort wurden sämtliche Angeklagten mangels ausreichender Beweise freigesprochen. Die Kommission fordert die Regierung auf, den Schutz von Zeugen deutlich zu verbessern und sicherzustellen, dass Gewalttaten gegen religiöse Minderheiten künftig konsequent verfolgt werden.
Bestürzung bei den Bischöfen
Der Vorsitzende der Kommission, Bischof Samson Shukardin von Hyderabad, rief die Gläubigen dazu auf, trotz der Enttäuschung friedlich zu bleiben, im Gebet Kraft zu suchen und im Glauben standhaft zu bleiben. Gegenüber dem Hilfswerk Kirche in Not äußerte er sich bestürzt:
„Shahzad und seine schwangere Frau Shama wurden lebend ins Feuer geworfen. Was ist am Ende das Ergebnis all dieser Bemühungen um Gerechtigkeit? Die Menschen haben das Gefühl, keine Stimme zu haben und dass niemand ihnen zuhört.“
Auch Bischof Indrias Rehmat von Faisalabad zeigte sich zutiefst enttäuscht: „Nach zwölf Jahren wiederholt sich die Geschichte. Am schwersten trifft es jene, die weiterhin unter Diskriminierung und Demütigung leiden.“
Die beiden Bischöfe sehen in dem Urteil keinen Einzelfall. Nach Angriffen gegen Christen komme es zwar häufig zu raschen Festnahmen. Später würden jedoch viele Beschuldigte wieder freigelassen, weil Anklagen zurückgezogen oder Urteile aufgehoben würden.
Bischof Rehmat verwies auch auf ein Urteil im Zusammenhang mit den schweren Ausschreitungen von Jaranwala im August 2023. Damals wurden 26 Kirchen und mehr als 80 Häuser christlicher Familien angegriffen.
Ein Anti-Terror-Gericht verurteilte einen Mann zu zehn Jahren Haft, sprach jedoch zwölf weitere Beschuldigte frei. Bischof Rehmat kritisierte, den mutmaßlichen Tätern werde immer wieder „der Vorteil des Zweifels" eingeräumt.
„Denjenigen, die unsere Kirchen zerstören, unsere Bibeln schänden und unsere Häuser anzünden, wird Freiheit gewährt. Diejenigen hingegen, die Leid und Tragödien erdulden mussten, werden im Stich gelassen.“
Eines der erschütterndsten Beispiele religiös motivierter Gewalt in Pakistan
Shama Bibi und Shahzad Masih hinterließen drei kleine Kinder. Seit dem Tod ihrer Eltern werden die Waisen von der Cecil & Iris Chaudhry Foundation (CICF) in Lahore betreut, die ihre Schulbildung und ihren Lebensunterhalt finanziert. Der Fall gilt bis heute als eines der erschütterndsten Beispiele religiös motivierter Gewalt in Pakistan und wirft erneut Fragen nach dem Schutz religiöser Minderheiten und der Wirksamkeit des Rechtsstaates auf.
(fides/kirche in not - skr)
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