Gaza: Oxfam warnt vor Epidemien und wachsender Not
Valerio Palombaro und Gudrun Sailer - Vatikanstadt
Der italienische Zweig von Oxfam, einem globalen Verbund von Nothilfe- und Entwicklungsorganisationen, hat jüngst eine neue Kampagne für Palästina aufgenommen. Denn die Lage in Gaza und den Palästinensergebieten zeigt keine Anzeichen von Besserung. Helfer berichtet von akutem Wassermangel, wachsender Unterernährung und fehlenden Hilfsgütern. Auch im Westjordanland verschärfe sich die Lage durch Gewalt, Vertreibungen und wirtschaftlichen Niedergang.
Nach Angaben von Oxfam leben mehr als zwei Millionen Menschen während der Sommerhitze auf heute nur noch 35 Prozent der Fläche des Gazastreifens. Die meisten verfügten über weniger als sechs Liter sauberes Wasser pro Tag. Gleichzeitig leide rund 77 Prozent der Bevölkerung, etwa 1,6 Millionen Menschen, unter schwerer Ernährungsunsicherheit. Davon seien 132.000 Kinder unter fünf Jahren von akuter Unterernährung betroffen.
Seit dem Waffenstillstand im vergangenen Oktober sind nach Angaben des Hilfswerks fast 1.100 Menschen getötet worden. Die Vereinten Nationen hätten zuletzt erneut darauf hingewiesen, dass Hilfslieferungen größtenteils blockiert blieben.
Paolo Pezzati, Sprecher für humanitäre Krisen von Oxfam Italien, schilderte die wirtschaftliche Lage der Bevölkerung als dramatisch. „Die Preise der wenigen lebenswichtigen Güter, die die lokalen Märkte erreichen, bleiben für Hunderte Familien unerschwinglich, die über keinerlei Einkommen verfügen“, erklärte er den vatikanischen Medien. „Es genügt der Hinweis, dass sich seit Beginn des Konflikts die Preise für Getreide und Eier verfünffacht haben, Gas zum Kochen mehr als doppelt so viel kostet und selbst grundlegende Medikamente außer Reichweite bleiben.“
Als besonders kritisch stuft Oxfam die Lage in den Vertriebenenlagern ein: Deir al-Balah und Al-Mawasi, darüber hinaus in den zerstörten Gebieten von Chan Junis und Gaza-Stadt. Dort stehe jedem Menschen weniger als zwei Liter Wasser täglich zur Verfügung. Nach Einschätzung der Hilfsorganisation erhöhe diese Situation während der Sommermonate die Gefahr neuer Epidemien erheblich. Als einziger Grenzübergang für den zeitweisen Transport von Hilfsgütern diene derzeit Kerem Schalom. Die Zahl der zugelassenen Lastwagen reiche jedoch nicht aus, um den Bedarf zu decken.
Pezzati beschrieb die Folgen des Wassermangels mit deutlichen Worten. „Der Wassermangel hat die Menschen gezwungen, wie Tiere direkt aus verschmutzten Quellen zu trinken oder sich mit Meerwasser zu waschen und zu kochen“, so der Oxfam-Sprecher. „Die Bevölkerung ist ansteckenden Krankheiten ausgesetzt; derzeit gibt es 18.000 aktive Fälle von Windpocken und viele Hautparasiten.“
Rund 350.000 Menschen mit chronischen Erkrankungen mussten ihr Behandlungen unterbrechen, weil Medikamente oder Strom fehlten. „Während wir sprechen, sind 700 Dialysepatienten wegen des fehlenden Stroms gefährdet“, verdeutlicht Pezzati. Auch die Müllentsorgung bereite große Probleme. „Die Menge des festen Siedlungsabfalls übersteigt deutlich die Kapazität, ihn einzusammeln und an geeignete Orte zu bringen: Das schafft Tier- und Nagetierplagen und verschmutzt das Grundwasser und den Boden.“
Westjordanland: Zersplitterung
Auch für das Westjordanland zeichnet Oxfam ein düsteres Bild. Die Organisation berichtet von einer zunehmenden Zersplitterung des Gebiets, Militäreinsätzen und anhaltender Gewalt radikaler israelischer Siedler. In den vergangenen drei Jahren habe die Eskalation rund 1.200 Todesopfer gefordert. Zwischen Januar 2025 und April 2026 habe Oxfam fast 2.600 Angriffe registriert. Dabei seien 284 Menschen, darunter 66 Kinder, getötet und mehr als 5.000 verletzt worden.
Hauszerstörungen, Eingriffe in die Infrastruktur, die Zerstörung von Olivenhainen der palästinensischen Bauern, willkürliche Festnahmen sowie der Verlust von Land- und Wasserressourcen prägten vielerorts den Alltag. Im März hätten Siedlerangriffe allein Schäden in der Landwirtschaft von mehr als 4,2 Millionen US-Dollar verursacht. Nach Angaben der Organisation stieg die Armutsquote innerhalb von zwei Jahren von zwölf auf 28 Prozent, und die Arbeitslosigkeit liege inzwischen bei 35 Prozent. Zudem erschwerten 925 Kontrollpunkte die Bewegungsfreiheit. Rund 40.000 Menschen hätten im vergangenen eineinhalb Jahren ihre Wohnorte verlassen müssen.
Der Versuch, „die Demografie des Gebiets zu verändern“
Pezzati sieht hinter dieser Entwicklung den gezielten Versuch, „die Demografie des Gebiets zu verändern“. Für das Jahr 2026 registriere Oxfam „einen sprunghaften Anstieg der Vertreibungen infolge von Hauszerstörungen oder Angriffen von Siedlern, mit durchschnittlich mehr als 17 Vertriebenen pro Tag, doppelt so vielen wie im vorangegangenen Zweijahreszeitraum“. Auch die Bildung leide unter der Lage, einige Schulen seien wegen der Angriffe von jüdischen Siedlern aufgegeben worden, erklärte Pezzati.
Oxfam hat einen weltanschaulich, politisch und religiös neutralen Hintergrund. Der Verbund entstand 1942 in Oxford, Großbritannien, um die unter der deutschen Besatzung hungernde Bevölkerung in Griechenland zu unterstützen.
Das Interview mit Paolo Pezzati führte Valerio Palombaro.
(vatican news – gs)
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