Tschechien: Kirche und Missbrauchsbetroffene kooperieren
Der Prager Erzbischof Stanislav Pribyl und Jiri Kylar, Vorsitzender des Vereins „Jemand wird dir glauben“, unterzeichneten am Dienstag in Prag öffentlich ein entsprechendes Memorandum. Bewusst fand die Unterzeichnung unter freiem Himmel bei der Statue der „Jungfrau Maria im Exil“ am Strahov-Kloster statt. Man wolle damit Offenheit gegenüber Menschen ausdrücken, denen der Zugang zu kirchlichen Räumen aufgrund ihrer schmerzhaften Erfahrungen schwerfällt, hieß es.
Der Verein „Jemand wird dir glauben“ (Nekdo Ti uveri) vereint Betroffene sexuellen Missbrauchs sowie Fachleute. Er setzt sich für die Unterstützung von Opfern, Bildungsarbeit und strukturelle Veränderungen innerhalb kirchlicher Institutionen ein. Das Abkommen gilt als umso bemerkenswerter, als der Verein in den vergangenen Jahren wiederholt den Umgang der katholischen Kirche in Tschechien mit Missbrauchsfällen kritisierte.
Erzbischof Pribyl ist stellvertretender Vorsitzender der Tschechischen Bischofskonferenz und leitet auch die kirchliche Kommission für Missbrauchsprävention. Er erklärte, die Zusammenarbeit solle dazu beitragen, „wirksam und sensibel allen zu helfen, die durch kirchliche Vertreter verletzt wurden oder auf Desinteresse bei der Aufarbeitung gestoßen sind“. Kylar bezeichnete das Memorandum als Beginn eines neuen Weges. Nach Jahren, in denen manche Kirchenvertreter über das Thema hätten schweigen wollen, eröffne sich nun die Möglichkeit, gemeinsam daran zu arbeiten, „dass die Kirche ein sicherer Ort wird“.
Zusammenarbeit bei Prävention und Opferhilfe
„Wirksame Prävention, transparente Verfahren, Opfern zuzuhören und die Bereitschaft zur kritischen Selbstreflexion“ werden in der Vereinbarung als unverzichtbare Voraussetzungen für einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Thema Missbrauch benannt. Das Versagen von Institutionen im Umgang mit Missbrauch vertiefe das Leid der Betroffenen und führe zur Erosion von Vertrauen. Ziel der Zusammenarbeit sei unter anderem, die Kompetenzen kirchlicher Institutionen bei Prävention, Aufarbeitung und Reaktion auf sexuellen Missbrauch zu stärken.
Das Memorandum definiert einen Rahmen für die Zusammenarbeit in drei zentralen Bereichen: der Prävention sexuellen Missbrauchs in kirchlichen Einrichtungen, dem Umgang mit Missbrauchsmeldungen sowie der Unterstützung von Menschen, die angeben, Opfer sexueller Gewalt geworden zu sein.
Zu den konkreten Formen der Zusammenarbeit gehören Konsultationen des Vereins bei der Entwicklung oder Überprüfung kirchlicher Präventionsmaßnahmen und interner Verfahren. Zudem sollen beide Seiten einen regelmäßigen fachlichen Dialog über systemische Probleme führen. Vorgesehen ist zudem die gemeinsame Erarbeitung bzw. Begutachtung von Schulungsmaterialien zur Missbrauchsprävention sowie der Austausch von Erfahrungen aus der Arbeit mit Betroffenen. Dabei sollen insbesondere Risikosituationen und institutionelle Versäumnisse besser erkannt werden.
Im Bereich der Hilfe für Betroffene wollen die Partner Informationen über bestehende Unterstützungsangebote austauschen und Verfahren fördern, die „die Würde der Opfer, ihr Recht auf Information, Sicherheit und freie Entscheidung respektieren“. Das Memorandum bekennt sich auch zu einer „offenen Diskussion über Fälle und systemische Fehler“, um daraus zu lernen.
Kritische Stimmen sollen nicht verstummen
Die Unabhängigkeit der Betroffeneninitiative wird in dem Dokument ausdrücklich geschützt. Die Zusammenarbeit dürfe „nicht zur Schwächung der kritischen Stimme des Vereins führen“, wird festgehalten. Kritik an Entscheidungen, Vorgehensweisen oder strukturellen Problemen der jeweils anderen Seite könne weiterhin öffentlich, auch über die Medien, geäußert werden. Die öffentliche Thematisierung von Missbrauchsfällen könne ein legitimes und notwendiges Instrument zum Schutz der Opfer und zur Verhinderung weiterer Taten sein, so das Memorandum.
(kap/pm - pr)
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