An einer Tankstelle in Amendolara wurden die verkohlten Leichen von vier Männern aus Afghanistan und Pakistan entdeckt - ausgebeutete Erntehelfer, die brutal getötet wurden An einer Tankstelle in Amendolara wurden die verkohlten Leichen von vier Männern aus Afghanistan und Pakistan entdeckt - ausgebeutete Erntehelfer, die brutal getötet wurden  (ANSA)

Brutaler Mord an Erntehelfern in Italien: Basta, es reicht!

Der grausame Mord an vier zugewanderten Erntehelfern in Süditalien, die gegen ihre Ausbeutung aufbegehrten, hat über das Land hinaus für Empörung gesorgt. Francesco Savino, Bischof von Cassano All’Jonio und Vizepräsident der Italienischen Bischofskonferenz, prangert im Interview mit Radio Vatikan an: „Illegale Vermittlung von Arbeitskräften ist kein Kavaliersdelikt. Es ist ein System. Es ist eine Herrschaftsstruktur. Wir müssen sagen: Es reicht!“

Federico Piana, Alessandro Guarasci und Stefanie Stahlhofen - Vatikanstadt

Eine Überwachungskamera an der Tankstelle hat die schreckliche Tat dokumentiert: Zwei Männer pumpen Benzin ins Innere eines Fiat, setzen das Fahrzeug in Brand, halten von außen die Türen zu, dann laufen sie weg. Im Auto: fünf Erntehelfer aus Afghanistan und Pakistan, einer von ihnen kann sich aus dem in Flammen stehenden Auto befreien, er überlebt mit schweren Verbrennungen, die anderen sterben. Die beiden Täter, die wohl selbst aus Pakistan stammen, sitzen inzwischen in Untersuchungshaft. 

Zum Hören: Der grausame Mord an vier zugewanderten Erntehelfern in Süditalien hat über das Land hinaus für Empörung gesorgt. Francesco Savino, Bischof von Cassano All’Jonio und Vizepräsident der Italienischen Bischofskonferenz, prangert im Interview mit Radio Vatikan das Schweigen gegenüber der dahintersteckenden Mafia an (Audio-Beitrag für Radio Vatikan)

Erste Ermittlungsergebnisse zeigen, dass die Mafia eine dominierende Rolle spielt. Für das Schweigen und Wegschauen, das vielerorts bei kriminellen Aktionen der Mafia herrscht, gibt es im Italienischen ein eigenes Wort: Omertà. Damit muss endlich Schluss sein, fordert der Vizepräsident der italienschen Bischofskonferenz, Bischof Francesco Savino:

„Basta, Schluss mit dem schmutzigen Schweigen der Bequemlichkeit! Es braucht eine zivilgesellschaftliche Mobilisierung, die mehr ist als bloße Rituale, Auftritte oder momentane Emotionen, die nach ein paar Tagen wieder verpuffen. Ich rufe zu einem Aufstand des Gewissens auf, zu einem moralischen Aufbegehren der Bürgerinnen und Bürger, der Gläubigen und Nichtgläubigen – hier steht wahrhaftig die Menschenwürde auf dem Spiel.“

„Ich rufe zu einem Aufstand des Gewissens auf, zu einem moralischen Aufbegehren der Bürgerinnen und Bürger, der Gläubigen und Nichtgläubigen – hier steht wahrhaftig die Menschenwürde auf dem Spiel“

Staat muß endlich wirksam gegen illegale Arbeitsverhältnisse vorgehen

Der Bischof von Cassano All’Jonio findet für die Horror-Tat selbst kaum Worte, wird aber deutlich in Richtung Politik. Hintergrund der Tat sind nämlich Menschenhandel und Ausbeutung durch illegale Arbeitsverhältnisse. Bischof Savino fordert daher neben Zivilcourage auch politische Maßnahmen: 

„Ich denke, dass der Staat – in seinen verschiedenen Bereichen und Zuständigkeiten – vor allem auch auf dem Land präsent sein sollte, in den landwirtschaftlichen Produktionsketten, an den Orten der Arbeitskräfteanwerbung, in den unwürdigen Unterkünften, bei den undurchsichtigen Transporten, bei den irregulären Arbeitsverhältnissen, in den Nischen der Schutzlosigkeit, in denen das illegale Vermittlungswesen Fuß fasst.“

Ausbeutung und Gewalt

Der überlebende Erntehelfer will nun vor Gericht aussagen. Seinen Angaben zufolge war der Mord an seinen vier Kollegen eine Reaktion darauf, dass sie gewagt hatten, gegen die menschenunwürdigen Arbeits- und Lebensbedingungen aufzubegehren. Die Männer seien für die Arbeit auf den Erdbeerfeldern nicht wie vereinbart entlohnt worden und sollten zudem noch für den Transport auf die Felder bezahlen. Untergebracht waren sie auf engstem Raum. 

Bischof Savino prangert die „menschenwürdigen Lebensbedingungen“ der Erntehelfer an. Und er fragt: „Ist uns denn bewusst, dass zehn Menschen in einem winzigen, beengten Haus lebten? Wie ist es überhaupt möglich, dass wir auch heute noch solche Lebensformen sehen müssen, die wir nicht als menschlich bezeichnen können?“

„Wie ist es überhaupt möglich, dass wir auch heute noch solche Lebensformen sehen müssen, die wir nicht als menschlich bezeichnen können?“

Vorherrschaft der Mafia

Auf den Feldern herrsche „eine mächtige Mafia der Vorarbeiter“, sagt der einzige überlebende des Massakers den Ermittlern. Insbesondere die pakistanische Mafia sei im Zusammenhang mit der illegalen Vermittlung ausländischer Arbeitskräfte auf den Feldern aktiv. Ein Phänomen, das in der Region schon seit langem Gegenstand gerichtlicher Ermittlungen ist. So kam ein kriminelles System ans Licht, das die Schutzlosigkeit ausländischer Arbeiter und die Schwierigkeit, die Ausbeuter anzuzeigen, ausnutzt. Die Mafia hat offenbar die Oberhand gewonnen, ohne dass es bisher wirklich gelingt, dieser modernen Form der Sklaverei ein Ende zu setzen.

„Auch die Käufer müssen in der Lage sein, aus Gewissensgründen bestimmte Produkte abzulehnen, die nicht das Ergebnis legaler und wirtschaftlich-finanziell transparenter Prozesse sind“

 

Der Vizepräsident der italienschen Bischofskonferenz, Bischof Savino, sieht allerdings auch die Konsumenten in der Pflicht:

„Auch die Käufer müssen in der Lage sein, aus Gewissensgründen bestimmte Produkte abzulehnen, die nicht das Ergebnis legaler und wirtschaftlich-finanziell transparenter Prozesse sind."

(vatican news - sst) 

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04. Juni 2026, 10:53