Eröffnungssitzung des ungarischen Parlaments in Budapest Eröffnungssitzung des ungarischen Parlaments in Budapest  (REUTERS)

Ungarn: Kardinal für selbstkritische Auseinandersetzung nach Orban-Jahren

Nach dem politischen Machtwechsel in Ungarn fordert Kardinal Ladislav Német eine ehrliche Auseinandersetzung des Staat-Kirche-Verhältnisses nach den Jahren unter der Orbán-Regierung.

„Manchmal habe ich den Eindruck, dass unsere Ortskirchen weit von der seit Jahren pulsierenden Dynamik der Weltkirche und ihrem synodalen Weg entfernt sind", schreibt der Erzbischof von Belgrad in einem längeren Gastbeitrag im Online-Portal „Szemlélek" diesen Dienstag. Der Kardinal ruft die katholische Kirche im Land zu einer ehrlichen und selbstkritischen Auseinandersetzung auf. Sie dürfe sich nicht bloß darauf beschränken, ein stabilisierender Faktor der gesellschaftlichen Ordnung zu sein, mahnt Német, der seit 2024 dem Kardinalskollegium angehört und Vizepräsident im Rat der europäischen Bischofskonferenzen (CCEEE) ist. „Es ist ebenso ihre Aufgabe zu erkennen, wann sie einen kritischen Spiegel vorhalten und die Wirklichkeit im Licht des Evangeliums beurteilen muss - auch, wenn es unbequem ist."

„Ich wünsche mir, dass uns künftig viel mehr die Lehre des Papstes beschäftigt als die Bestrebungen unserer Politiker“

Sprechen oder Schweigen?

Német greift damit auch auf den Vorwurf auf, dass von führenden Kirchenvertretern in Ungarn in den vergangenen Jahren fast nie öffentlich Kritik an der Regierung geübt wurde. „Die 'Kunst des Nicht-Sprechens' kann zuweilen tatsächlich weise und notwendig sein", so der Kardinal: „Wenn aber das Schweigen systemisch wird und 16 Jahre lang keine substanzielle Wortmeldung erfolgt zu gesellschaftlicher Ungerechtigkeit, zur Verrohung des öffentlichen Diskurses, zu Korruption, zur Ausgrenzung und Aufhetzung gegen Menschen, dann ist das keine Tugend mehr, sondern eine schwere Unterlassung." Aufgabe von Hirten sei es nicht nur die Herde zu bewachen, sondern auch, Gefahren zu erkennen und beim Namen zu nennen.

Német schreibt selbst von einer „Unterdrückung der Pluralität", auch er und Gleichgesinnte hätten u. a. wegen ihrer Offenheit gegenüber dem kirchlichen synodalen Reformprozess Ausgrenzung erfahren. Geschehen sei dies nicht durch spektakuläre, offizielle Sanktionen, sondern durch „Mundtotmachen, Misstrauen oder finanzieller Entzug".

"Der Selbstkritik nicht ausweichen"

Der Kardinal geht in diesem Zusammenhang auch auf die Rolle von Bischöfen in einer synodalen Kirche und die grundsätzliche Debatte um das Kirchenbild ein.

Agierten Bischöfe bloß als „Aufseher", drohe die Kirche selbst unterdrückend zu werden. Német: „Daher können wir der Selbstkritik nicht ausweichen. Oft bemerken wir Bischöfe schlicht nicht, dass sich unser Weltbild und unser pastoraler Horizont verengt haben".

Dialog zwischen Staat und Kirchen

Er habe den Eindruck, dass ein Teil der kirchlichen Stellungnahmen nach den Wahlen darauf abziele, die Vergangenheit zu relativieren, anstatt sich kritisch mit ihr auseinanderzusetzen. „Zugleich gibt es Stimmen, die offen über die Gefahren einer übergroßen Nähe zwischen Kirche und politischer Macht sprechen." Es biete sich für die Ortskirche die Gelegenheit, „unsere Rolle neu zu durchdenken, zurückzufinden zu jenem synodalen Weg, der in der Weltkirche seit Jahren beschritten wird".

„unsere Rolle neu zu durchdenken, zurückzufinden zu jenem synodalen Weg“

Staatliche Unterstützung für die Kirchen ist aus Sicht Némets gerechtfertigt, muss aber transparent erfolgen: „Das bedeutet, dass der Staat die lehrende und seelsorgliche Sendung der Kirchen ernstnimmt und sie nicht für parteipolitische Ziele instrumentalisieren will und dass die Kirchen ihrerseits nicht nach politischer Macht streben", schreibt Német. "In einem solchen Modell bedeutet staatliche Unterstützung keine Privilegien, sondern das gemeinsame Tragen öffentlicher Aufgaben, […] sodass die Kirchen nicht in materielle oder politische Abhängigkeit von irgendeiner Regierung geraten." Er hoffe, dass sich ein Dialog herausbildet „indem beide Seiten die wechselseitige Abhängigkeit bewusst vermeiden".

(kap – nm) 

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12. Mai 2026, 13:40