Seligsprechung von Gaudí: Den Rest in Gottes Hände legen...
Esther von Krosigk ist Autorin des jüngst erschienen Buches „Antoni Gaudí und seine Seligsprechung“. Wir haben mit ihr über Gaudís Spiritualität, sein Leben und sein Werk gesprochen.
Vatican News: Frau von Krosigk, in Ihrem neuen Buch „Antoni Gaudí und seine Seligsprechung“ haben Sie sich vor allem mit seinem spirituellen Profil befasst. Wie würden Sie seine Spiritualität beschreiben?
Esther von Krosigk: Ich denke, wir müssen da bis in die Kindheit zurückgehen, denn er war als Kind sehr krank und musste sich körperlich schonen. Und während andere Kinder - also seine Geschwister - spielen und toben durften, saß er stundenlang draußen und beobachtete die Natur. Er machte gänzlich seine Sinne auf für die mediterrane Landschaft um ihn herum, für die Olivenbäume und die verschiedenen Formen von Felsen und Steinen und für Tiere wie Insekten, Vögel, Esel und vieles mehr, was es da gab.
Und möglicherweise bekam er eine Ahnung damals, wer sich hinter all diesen Erscheinungen verbarg. Also seine Spiritualität bildete sich in seiner Kindheit auf dem Land. Es war eine naturverbundene Spiritualität, die auch mystische Züge hatte. Er hat sich später sehr mit Teresa von Avila beschäftigt. Und natürlich war Gaudí zutiefst katholisch.
Pater Josep Maria Blanquet, der Leiter des Amtes für die Selig- und Heiligsprechung der Erzdiözese Barcelona, sagt, dass die Grundlage für gutes christliches Leben natürlich auch seine Familie gelegt hat und die Schule der Piaristen im Ort Reus, auf die er als Jugendlicher gegangen ist. Ab der Lebensmitte war Gaudí vollkommen auf Gott ausgerichtet. Er besuchte täglich die Heilige Messe, beichtete regelmäßig, lebte asketisch, wobei er wirklich fast nichts aß, also den ganzen Tag über nur ein paar Salatblätter mit Öl, Nüsse, trockene Kekse. Nun, er war als exzentrischer Mensch bekannt und lebte halt seinen Glauben entsprechend.
Er muss den damaligen modern eingestellten Zeitgenossen mit ihren liberalen Ideen vielleicht ein bisschen weltfremd vorgekommen sein, aber es zeugt von Gottesliebe und Stärke, dass Gaudí inmitten dieser pulsierenden Stadt Barcelona seine Haltung der völligen Entsagung beibehielt und sich im Alter mehr und mehr der Armut hingab. Was so weit ging, dass er wirklich in völlig heruntergekommenen Anzügen auf den Baustellen erschienen.
Er hatte sich Zeitungspapier unter seinen Anzug geklemmt gegen die Kälte im Winter. Aber während er eisern zu sich selbst war, ging er sehr fürsorglich mit den Menschen in seiner Umgebung um. Gaudí hat sich über Jahrzehnte um seinen Vater und auch um seine Nichte, die Tochter seiner verstorbenen Schwester, gekümmert.
Vatican News: Bei seinem Diplom wurde Gaudí verkannt - man habe es entweder an einen Scharlatan oder ein Genie vergeben. Wann zeichnete sich ab, dass er ein Genie sein würde?
Esther von Krosigk: Ja, es wurde mal sowas gesagt und es stimmt auch, dass seine Noten schon in der Schule nicht besonders gut waren, eher durchschnittlich. Aber nach seinem Studium hat es gar nicht lange gedauert, dass man seine Begabung erkannte. Sehr bald waren die Auftragsbücher voll. Zunächst waren die Projekte bescheiden, aber durchaus interessant und abwechslungsreich.
Außerdem hat er schon während des Studiums in renommierten Ingenieur- und Architekturbüros in Barcelona gejobbt, um sich Geld zu verdienen. Und man hätte ihn dort nicht arbeiten lassen, wenn er nicht Können und Leistung gezeigt hätte. Der Durchbruch kam sicherlich durch Gaudís Freundschaft mit Eusebi Güell, der selbst ein vielfach begabter Erbe aus sehr reichem Haus war. Er war auf Gaudí aufmerksam geworden, als er eine Vitrine auf einer Ausstellung in Paris entdeckte und danach forschte, wer sie entworfen hatte.
Und als die beiden sich dann trafen, war er sofort beeindruckt von Gaudí und wusste, er hatte den richtigen Mann vor sich, um seine eigenen Fantasien auch umzusetzen. Den Architekten, den er gesucht hatte - und das sprach sich natürlich in ganz Barcelona herum. Gaudí hatte absolute künstlerische Freiheit durch seinen Freund Güell. Er konnte sich quasi austoben in seiner Genialität.
Ich denke zudem, man hätte Gaudí 1883 auch nicht den Bau der Sagrada Familia überlassen, wenn man von seinem architektonischen Können nicht wirklich überzeugt gewesen wäre.
Vom Dandy zum Asketen
Vatican News: Gaudí war zunächst unglücklich verliebt und hat dann als Laie zölibatär leben wollen. Wann kam dieser Wandel?
Esther von Krosigk: Das „zölibatär leben wollen“ sei mal dahingestellt …Gaudí hat sich, nachdem sein Heiratsantrag von einer jungen, hübschen Frau abgelehnt worden war, aufgrund seines Glaubens in die Gegebenheiten gefügt. So würde ich es ausdrücken. Er war noch jung, damals etwa Anfang 30, und er bezeichnete die Keuschheit als Gnade Gottes und orientierte sich dann an den Mystikern des Goldenen Zeitalters Spaniens wie etwa dem Karmeliter- und Dichter Johannes vom Kreuz. Pater Blanquet, den ich ja auch interviewt habe für mein Buch, hat geäußert, dass unter den moralischen Tugenden die Antoni Gaudí praktizierte, Armut und Keuschheit besonders hervorstechen.
Interessanterweise ging für Gaudí mit diesem Entschluss, ein keusches Leben zu führen, auch eine Änderung seines Kleidungsstil einher. Davor hatte er sich auffällig gekleidet, war eitel gewesen, war auch ein Dandy genannt worden.
Vatican News: Wer waren die Menschen, die ihn ganz besonders geprägt haben - religiös?
Esther von Krosigk: Gaudí hat sich als Student in renommierten Architekturwerkstätten ein bisschen Geld verdient. Und diese Architekten waren teilweise sehr religiös. Er war besonders von tiefem Glauben von Joan Martorell beeindruckt. Er wirkte als Statiker am Projekt der Sagrada Familia mit.
Von Martorell schwärmte Gaudí Jahre später, er sei ein Weiser und Heiliger gewesen, und er hat besonders dessen Wohltätigkeit geschätzt und die Art und Weise, mit Menschen umzugehen.
Und dies wiederum hat wohl auch auf Gaudís väterlichen Umgang mit seinen Arbeitern an der Sagrada Familia Einfluss gehabt. Dann waren mehrere Geistliche, die auch Auftraggeber für Bauten waren, prägend für Gaudís Glauben, etwa Bautista Grau, der Bischof von Astorgas, für den Gaudí Ende des 19. Jahrhunderts einen Bischofssitz baute, der aber nie fertiggestellt wurde. Aber während die Bautätigkeit sehr zäh verlief, fanden beide Männer, die sich inzwischen angefreundet hatten, Gelegenheit, in langen Gesprächen nicht nur über Architektur zu sprechen, sondern sie diskutierten auch über Religion.
Wichtig für seinen spirituellen Weg war auch Bischof Torras i Bages. Mitte der 90er Jahre geriet Gaudí, inzwischen ein anerkannter Architekt, in eine tiefe religiöse Krise und begann extrem zu fasten. Extrem, wie er nun mal war, hat er sich also wirklich fast zu Tode gehungert. Bis Bischof Torras i Bages ihm wortgewaltig klarmachte, dass Gott so etwas eben nicht will.
Vatican News: Welchen Einfluss hatte Katalonien auf ihn?
Esther von Krosigk: Katalonien war für Gaudí nicht nur geliebte Heimat, sondern es war auch das kulturelle, politische und spirituelle Fundament für sein Leben. Und ohne den katalanischen Kontext ist wohl seine Architektur kaum zu verstehen.
Mitte Ende des 19. Jahrhunderts gab es politisch, gesellschaftlich und kulturell mehrere Strömungen in dem Land. Zum einen bildete sich der politische Katholizismus in Katalonien heraus. Im literarischen Bereich gab es das Phänomen der sogenannten Renaixença ansah, und in den bildenden Künsten und in der Architektur entwickelte sich der Modernisme, der dem Jugendstil in Deutschland entsprach.
Das alles hatte Einfluss auf Gaudís Denken und auch auf sein künstlerisches Schaffen. Natürlich darf man auch das mittelalterliche Erbe seiner Region nicht vergessen. Die gotische Architektur von Barcelona, die Gaudí als Student bei langen Spaziergängen durch die Gassen erkundet hatte. Zentral war auch der Katholizismus Kataloniens mit dem Berg Montserrat und dem dortigen Benediktinerkloster und der Figur Unserer Lieben Frau von Montserrat. Denn Gaudí hat dort selbst auch künstlerisch gewirkt und ich denke, er hat sich auch mit dem Hintergrund, mit den Legenden um Montserrat sehr beschäftigt.
Vatican News: Welche Erfahrungen haben ihn besonders zu Askese und Hinwendung zu Gott geführt?
Esther von Krosigk: Das war ein ganz, ganz langsamer innerer Prozess, der dann durch seine radikale Fastenkur und seinen religiösen Lebenswandel ab den 1990er Jahren für alle sichtbar wurde. Man muss sich auch klar machen, dass Krankheit und Leiden Gaudí seit seiner Kindheit begleiteten. Er hat durch seine Naturbeobachtungen Gott in allen Dingen wahrgenommen und all diese Beobachtungen hat er schließlich auch in seine Werke einfließen lassen. Das ging alles so ineinander über. Naturbeobachtung, Gotteserfahrung, Kunst …
Man darf nicht vergessen, auch die Verluste naher Menschen führten dann dazu, dass er sich Gott mehr und mehr zuwandte. Zunächst starb sein Bruder Francesco, mit dem er in Barcelona anfangs zusammengelebt hatte. Kurz nach dem Studium. Ihm folgte kurze Zeit später die Mutter. Einige Jahre später verstarb auch die Schwester. Dann wieder einige Jahrzehnte später der sehr alte Vater und die alkoholkranke Nichte. Die war erst so um die 40, und um sie hatte sich Gaudí liebevoll seit ihrer Kindheit gekümmert. Schließlich starben nach und nach auch seine Freunde und Gaudí äußerte um 1920: Meine guten Freunde sind tot. Ich habe keine Familie und keine Kunden, kein Vermögen oder sonst etwas. Jetzt kann ich mich ganz der Kirche widmen, was er dann auch tat. Seine letzten Jahre gehörten wirklich ausschließlich nur noch der Sagrada Familia.
Und nun wichen seine bunten modischen Westen und seine Handschuhe und seine Hüte, die er getragen hatte, dunklen Hemden und Hosen, die für die Werkstatt und die Baustelle vor allem geeignet waren.
Meiner Meinung nach demonstrierte Gaudí nach außen hin, dass er sich von nun an gänzlich der künstlerischen Arbeit hingab, dass seine Liebe Gott gehörte und den Werken, die er schuf.
Vatican News: Was hat ihm die Arbeit an der Sagrada Familia bedeutet? Wie ist er damit umgegangen, dass er sie nicht vollenden konnte?
Esther von Krosigk: Gaudí war lange Zeit parallel zu der Sagrada Familia mit anderen Bauwerken beschäftigt. Säkularen und kirchlichen Bauwerken. Aber die letzten Jahre seines Lebens gehörten nun dieser Kathedrale vollständig. Er lebte dort auf der Baustelle unter sehr bescheidenen Verhältnissen. Er ging betteln, um die Bautätigkeit finanziell voranzubringen. Er nervte sogar andere Menschen mit seiner Bettelei.
Er tat wirklich alles für die Sagrada Familia - und ich denke, dass diese Familie, die heilige Familie, ihm letztlich ein Ersatz geworden ist für die eigene Familie, die er verloren hatte und die er schmerzlich vermisste.
Dass er das Bauwerk zu Lebzeiten nicht vollenden konnte, wurmte ihn nicht weiter. Er wusste es in Gottes Hand. Wörtlich sagte er: Die Kathedrale La Sagrada Familia baut das Volk und sie spiegelt daher sein Wesen. Es ist ein Werk, das in der Hand Gottes liegt und vom Willen des Volkes abhängt. Der Architekt, der beim Volk lebt und sich an Gott wendet, erfüllt sein Werk. Es ist die Vorsehung, die mit ihren unergründlichen Plänen die Arbeit vollenden wird.
Vatican News: Sie selbst kennen Barcelona auch ganz gut - wie wird Papst Leo die Stadt und die Einwohner erleben?
Esther von Krosigk: 2026 ist Gaudí-Jahr und der Papst wird bei seinem Besuch im Juni eine quirlige Stadt vorfinden, die von dem hundertsten Todestag von Antoni Gaudí und seiner möglichen Seligsprechung vollkommen eingenommen sein wird. Barcelona ist ja jetzt schon ein Touristenmagnet.
Die Gassen und Plätze sind unwahrscheinlich voll mit Menschen und ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es sein wird, wenn es auch noch zur Pilgerstätte wird. Aber viele Menschen, viele Besucher sind auch gut, denn die nicht gerade billigen Tickets für die Sagrada Familia tragen ja dazu bei, das Geld für den Weiterbau der Kirche reinkommt.
Ich habe Pater Blanquet auch dazu befragt, wie er Barcelona als Pilgerziel sieht. Und er beurteilt das recht positiv, denn nach seinen Worten empfangen die Menschen hier einen großen spirituellen Einfluss, der von den mit Glauben, Liebe und Opferbereitschaft gemeißelten und geformten Steinen ausgeht.
Und diese Spiritualität nehmen die Besucher mit hinaus in die Welt. Gaudí selbst äußerte zu solchen Frage: Wir werden tun, was wir können, und den Rest in Gottes Hände legen.
Die Fragen stellte Claudia Kaminski.
Das Buch Antoni Gaudí und seine Seligsprechung von Esther von Krosigk erschien Ende Februar im Media Maria Verlag und kostet etwa 20 €.
- ISBN-10 : 3911850077
- ISBN-13 : 978-3911850070
(vatican news - clk)
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