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Helena Raspe © Fahlbusch Misereor Helena Raspe © Fahlbusch Misereor 

Mexiko: Die Kehrseite des WM-Booms zwischen Profit und Verdrängung

Kurz vor dem Anpfiff des FIFA World Cup 2026 wächst in den mexikanischen Austragungsorten die Kritik. Während der Weltverband Milliardenumsätze erwartet, leidet die lokale Bevölkerung unter steigenden Mieten, Ressourcenknappheit und repressiven Sicherheitsmaßnahmen. Helena Raspe, Expertin beim Hilfswerk Misereor, zeichnet ein ernüchterndes Bild von den Schattenseiten des sportlichen Großereignisses und fordert einen kritischen internationalen Blick.

Der Grundgedanke des Fußballs, Menschen weltweit zu verbinden, droht laut Raspe in Mexiko verloren zu gehen. Viele Partnerorganisationen vor Ort berichteten, dass sich das Turnier in erster Linie an ein internationales Publikum richte. Angesichts von Ticketpreisen, die teilweise mehrere tausend Euro betragen, bleibt der Zugang für die Mehrheit der Mexikanerinnen und Mexikaner unerschwinglich. Während der Weltverband FIFA mit Milliardeneinnahmen kalkuliert, profitiert die lokale Wirtschaft kaum davon, da diese Gewinne in Mexiko nicht versteuert werden. Der finanzielle Ertrag fließt somit kaum in die Gesellschaft zurück.

Hier hören Sie das Interview mit Helena Raspe, Misereor‑Expertin für Menschenrechte und Organisierte Kriminalität

Gleichzeitig erleben die Austragungsorte einen massiven, aber einseitigen Bauboom. Neue Hotels, Einkaufszentren und Verkehrsprojekte wurden gezielt für ausländische Gäste hochgezogen. Demgegenüber steht ein akuter Mangel an Investitionen in elementare Bereiche wie bezahlbaren Wohnraum oder eine stabile Wasserversorgung. Besonders in der Metropole Mexiko-Stadt, die ohnehin unter schwerer Wasserknappheit leidet, wächst die Sorge vor einer weiteren Verschärfung der Krise. Die aktuellen Investitionen gehen nach Einschätzung der Expertin an den tatsächlichen Bedürfnissen der Menschen vorbei.

Vorbereitung in Mexiko zur Fußball-WM
Vorbereitung in Mexiko zur Fußball-WM

Soziale Säuberung und Verdrängung im Alltag

Die spürbaren Konsequenzen im Alltag sind für viele Einheimische existenzbedrohend. Durch die touristische Aufwertung steigen die Mieten rasant, und Wohnraum wird zunehmend über Plattformen wie Airbnb an Reisende vermittelt. Dies führt zu einer Verdrängung alteingesessener Bewohner aus ihren Vierteln. Besonders alarmierend sind Berichte über das Vorgehen gegen marginalisierte Gruppen. Obdachlose, Angehörige indigener Gemeinschaften sowie Migranten werden vermehrt gewaltsam aus dem öffentlichen Raum vertrieben. Helena Raspe beschreibt diese Maßnahmen als einen sozialen Säuberungsprozess, der jenen Menschen die Lebensgrundlage entzieht, die auf den Straßenhandel angewiesen sind.

Auch die Sicherheitslage im Land bleibt trotz oder gerade wegen der WM-Vorbereitungen hochgradig angespannt. Aktuell gelten in Mexiko über 133.000 Menschen als gewaltsam verschwunden. Die massive Aufrüstung von Polizei und Militär sowie der Ausbau der Videoüberwachung vermitteln der Bevölkerung jedoch kein Gefühl von Schutz, sondern rufen eher das Empfinden von totaler Kontrolle hervor. Zudem besteht die begründete Sorge, dass Netzwerke der organisierten Kriminalität das sportliche Großereignis für illegale Geschäfte wie Geldwäsche oder Menschenhandel nutzen könnten, während die alltägliche Gewalt im Land unvermindert anhält.

Vorbereitung auf die Fußball-WM in Mexiko
Vorbereitung auf die Fußball-WM in Mexiko   (AFP or licensors)

Die Hoffnung auf internationalen Druck

Trotz der erdrückenden Probleme gibt es in Teilen der Bevölkerung auch positive Erwartungen. Viele Fußballfans freuen sich auf die Spiele im eigenen Land, und es bleibt die Hoffnung, dass geschaffene Infrastrukturen langfristig der Allgemeinheit dienen könnten. Für die Hilfsorganisation Misereor liegt der entscheidende Hebel jedoch in der globalen Aufmerksamkeit, die das Turnier generiert. Der internationale Fokus bietet die Chance, politischen Druck aufzubauen und Missstände ungeschönt zu benennen. Am Ende des Turniers wird sich die Frage beantworten müssen, wer tatsächlich von der Weltmeisterschaft profitiert hat und wer den Preis dafür zahlen musste.

(misereor - mg)

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15. Mai 2026, 08:56