Bomben aufs Kulturerbe: Der Aufschrei der UNESCO
Doch neben den Menschenleben zählt auch das kulturelle Erbe zu den Kollateralschäden des Konflikts, der sich auf mehrere Länder der Region ausgedehnt hat. Das betont Krista Pikkat von der UNO-Kulturorganisation UNESCO in Paris in einem Interview mit Radio Vatikan.
„Zum jetzigen Zeitpunkt können wir uns noch keinen genauen Überblick über die Lage verschaffen, aber wir verfolgen die Entwicklung natürlich aufmerksam und sind uns bewusst, dass diese Feindseligkeiten, diese Situation nicht nur das Leben der Menschen betrifft, sondern auch den Kultursektor und die Kulturerbestätten in all den betroffenen Ländern. Es geht um die Kulturwirtschaft und die Museen; es gibt viele Menschen, deren Einkommen mit dieser Branche verbunden ist. Wenn also Museen geschlossen sind, wenn Künstler keine Aufführungen und Veranstaltungen organisieren können, entfallen ihre Einkünfte.“
UNESCO prüft die Schäden auf Grundlage von Satellitenfotos
Der Krieg hat auch Auswirkungen auf das lebendige Kulturerbe, auf Traditionen, Know-how und Praktiken. Generell sind, so zählt Pikkat auf, Kulturstätten in Iran, Israel, Palästina und dem Libanon besonders betroffen; dort schlugen Bomben oder Raketen ein und beschädigten kulturell wichtige Orte, etwa die Grabes- und Auferstehungskirche Jesu in Jerusalem.
„Die UNESCO führt eine Überprüfung auf der Grundlage von Satellitenbildern durch, idealerweise auch vor Ort. Aber angesichts der Sicherheitslage in der Region war es uns noch nicht möglich, vor Ort zu sein, um die Überprüfungen durchzuführen. Wir sind somit auf die Bilder angewiesen, die wir von diesen Stätten erhalten können. Zum jetzigen Zeitpunkt konnten wir Schäden an drei Welterbestätten bestätigen, nämlich in Teheran am Palast von Golestan und in Isfahan am Pavillon von Tchehel Sotoun, der zu den Persischen Gärten gehört. Außerdem am Ausgrabungsgelände des antiken Tyrus im Libanon.“
Scherben rund um den Pfauenthron
Der Golestan-Palast ist eines der ältesten Gebäude in der iranischen Hauptstadt, ein früherer Regierungspalast aus dem 18. Jahrhundert. Hier saß der Schah auf dem berühmten Pfauenthron, bis ihn die Islamische Revolution 1979 aus dem Land vertrieb. Seit 2013 gehört er zum UNESCO-Welterbe, doch während der jüngsten Bombardements auf Teheran zerstörte die Druckwelle einer Bombe, die in der Nähe einschlug, zahlreiche Spiegel und Fenster.
„Abgesehen von diesen Welterbestätten müssen wir auch Schäden an anderen Kulturgütern von nationaler Bedeutung im Iran feststellen, insbesondere am Saadabad-Palast, dem ehemaligen Senatsgebäude. Und es gibt auch eine Synagoge in Teheran, an der wir Schäden feststellen konnten.“
Die UNESCO verfolgt verfolgt nicht nur die Lage und registriert die Schäden, sondern müsste natürlich auch versuchen, etwas für den Schutz des bedrohten Kulturerbes zu tun. Doch Pikkat muss einräumen, dass da die Möglichkeiten endlich sind.
„Die UNESCO unterhält Außenstellen, insbesondere in Teheran, Doha und Oman. Wir arbeiten natürlich eng mit unseren Kollegen vor Ort zusammen, doch deren Handlungsspielraum ist begrenzt. Wir bemühen uns, sowohl mit den Experten als auch mit den Behörden online in Kontakt zu bleiben. Und wir haben ein Treffen für die Golfstaaten zum Thema Schutz und Prävention organisiert, an dem mehrere Länder sehr aktiv teilgenommen haben. Eine vergleichbare Maßnahme würden wir gerne auch im Iran durchführen, insbesondere zur Unterstützung der dortigen Museen.“
Im Pariser Hauptquartier der UNESCO, dem übrigens Papst Leo XIV. Ende September einen Besuch abstatten wird, blickt man mit Sorge auf die unsichere Lage am Persischen Golf und im Heiligen Land. Die UNO-Kulturverantwortlichen erinnern die Staaten daran, dass sie auch bei kriegerischen Handlungen eigentlich verpflichtet sind, das kulturelle Erbe zu schützen.
126 Stätten der Region gehören zum Weltkulturerbe
„Darum haben wir Briefe an den Staat Israel, die Islamische Republik Iran und die Vereinigten Staaten von Amerika geschrieben und ihnen alle Geokoordinaten der kulturellen Stätten mitgeteilt, die unter dem Schutz der UNESCO stehen, um mögliche Schäden zu vermeiden. Es handelt sich allgemein um eine Region mit großem Reichtum und einem sehr vielfältigen Kulturerbe; 126 Stätten gehören dort zum Weltkulturerbe, und mehr als 300 Stätten stehen auf der vorläufigen Liste; das sind nationale Listen mit Stätten, die potenziell in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen werden könnten. Außerdem gibt es in dieser Region auch ein reiches, immaterielles Kulturerbe. Es ist unsere Pflicht, daran zu erinnern, dass Kulturgüter durch das Völkerrecht geschützt sind, insbesondere durch die Haager Konventionen von 1954 zum Schutz von Kulturgütern im Falle von Konflikten, aber auch durch das Übereinkommen von 1972 zum Schutz des Kulturerbes der Welt. Unser Kulturerbe gehört uns allen und der gesamten Menschheit, und deshalb müssen wir es bewahren!“
Man kann sich gut vorstellen, dass Papst Leo bei seinem Besuch im UNESCO-Hauptquartier, nicht weit vom Eiffelturm, auch auf das bedrohte Kulturerbe eingehen wird.
Das Interview mit Krista Pikkat führte Augustine Asta vom französischen Dienst von Radio Vatikan.
(vatican news – sk)
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