Sudan: 70 Tote bei Angriff auf Krankenhaus
Christine Seuss - Vatikanstadt
Viele der Toten sind Frauen und Kinder, die als Kranke in dem einzigen noch funktionierenden Gesundheitszentrum der Region behandelt wurden, sowie dort arbeitendes Personal.
„Vor einigen Tagen, in der Nacht des 20. März, wurde das Krankenhaus von El-Daein getroffen. El-Daein ist die Hauptstadt des Bundesstaates Ost-Darfur im Sudan“, erklärt uns Manon Radosta, Advocacy Adviser von CARE Sudan, im Interview. Ihre NGO operiert nach wie vor im Land und unterstützt das Krankenhaus, das nach dem letzten Angriff derzeit nicht mehr arbeitsfähig ist. Insbesondere die ambulanten und Notfallabteilungen der Einrichtung sind WHO-Angaben zufolge beschädigt worden.
„Und wir sprechen hier über ein Land, in dem der Großteil der Gesundheitsstrukturen in konfliktbetroffenen Gebieten bereits zerstört oder geschlossen wurde“, gibt Radosta zu bedenken. Bereits bei einem früheren Angriff im August 2024 wurde die Einrichtung, die als Referenzkrankenhaus für mehr als zwei Millionen Menschen in der Stadt El-Daein und in neun Ortschaften des Bundesstaates Ost-Darfur diente, in Mitleidenschaft gezogen. Die nächstgelegene Gesundheitsstation ist für die Patienten bis zu 160 Kilometer entfernt, eine kaum zu bewältigende Strecke angesichts der prekären Sicherheitslage.
Gewalt gegen Zivilisten Teil eines Musters
„Die Zahl der zivilen Opfer ist mit etwa 70 extrem hoch, darunter Kinder, Frauen, die Patienten waren, aber auch medizinisches Personal. Bislang hat keine bewaffnete Gruppe die Verantwortung für den Angriff übernommen. Wichtig ist jedoch festzuhalten, dass dies Teil eines Musters von Angriffen in diesem Krieg ist, bei denen gezielt Zivilisten und zivile Infrastruktur angegriffen werden. Allein seit Beginn dieses Jahres sind mehr als 200 Menschen durch Angriffe auf Krankenhäuser ums Leben gekommen. Es ist dringend notwendig, einen Weg zu finden, dies zu stoppen!“
Die Situation im Sudan sei derzeit schlicht und ergreifend „katastrophal“ für die Menschen vor Ort, berichtet Radosta weiter. Bereits seit drei Jahren tobt der blutige Bürgerkrieg, der durch Scharmützel zwischen der paramilitärischen RSF und den sudanesischen Streitkräften ausgelöst wurde, und ein Ende ist nicht in Sicht:
„Was ich zunächst betonen möchte, ist, dass hinter Zahlen Menschen stehen. Es geht um Mütter, die Mahlzeiten auslassen, damit ihre Kinder essen können; um Mädchen, die in belagerten Städten ohne sichere Möglichkeit festsitzen, Hilfe zu suchen; um Kranke, die keinen Zugang zu medizinischer Versorgung und Medikamenten haben, weil es buchstäblich keinen Ort gibt, an den sie gehen können – und es sind Millionen, die leiden.“
Millionen Menschen leiden
Derzeit benötigen 33,7 Millionen Menschen, also zwei Drittel der Bevölkerung, humanitäre Hilfe. Damit stellt der Sudan in diesem Jahr einen traurigen Rekord auf: Es handelt sich um die weltweit größte humanitäre Krise. Fast neun Millionen Menschen sind innerhalb des Landes vertrieben.
„Hinzu kommen weitere Millionen Vertriebene in den Nachbarländern – insgesamt etwa 12 Millionen Menschen – überwiegend Frauen und Mädchen, die einem hohen Risiko von Gewalt ausgesetzt sind, allein weil sie Frauen und Mädchen sind. Und fast 10 Millionen leiden unter extremer Ernährungsunsicherheit, was bedeutet: extremer Hunger, Unterernährung und letztlich Lebensgefahr.“
Gesundheitssektor am Boden
Das internationale Hilfswerk ist nach wie vor im Sudan im Einsatz, wobei vor allem die Unterstützung des Gesundheitssektors ein zentraler Bestandteil der Hilfsarbeit sei, und zwar „wegen des enormen Bedarfs und weil dies oft eines der dringendsten Bedürfnisse der Menschen ist. Insgesamt unterstützen wir 83 Gesundheitseinrichtungen – mit lebensrettender medizinischer Versorgung, aber auch im Bereich Ernährung. Dazu gehört die Behandlung von Kindern mit akuter Mangelernährung und damit verbundenen Komplikationen, die zum Tod führen können“, erläutert Radosta.
Weitere Einsatzfelder stellen die Bereiche der langfristigen Ernährungssicherheit und der Schaffung von Lebensgrundlagen, Hygiene sowie Wasser- und Sanitärversorgung dar: „Wir versuchen, ein umfassendes Hilfspaket bereitzustellen, damit Menschen jetzt überleben können, aber auch so schnell wie möglich wieder selbstständig werden – etwa durch eigenen Nahrungsmittelanbau oder kleine Einkommensquellen.“
Verstöße gegen humanitäres Völkerrecht
Ein besonderer Fokus der Hilfe liege auf Frauen und Mädchen, da sie „unverhältnismäßig stark von der Gewalt betroffen“ seien, so die NGO-Mitarbeiterin. Derzeit scheine ein Abflauen dieser Gewalt allerdings unwahrscheinlich – im Gegenteil sei eine Verschlimmerung der Angriffe auf Zivilisten und die zivile Infrastruktur zu beobachten:
„Das sind schwerwiegende Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht. Leider sind die Versuche der internationalen Gemeinschaft, durch Verhandlungen und Vermittlung eine Lösung zu erreichen, wiederholt gescheitert. Offen gesagt fehlt es an ausreichendem internationalen Druck, um einen Waffenstillstand zu erreichen und anschließend an einer Konfliktlösung zu arbeiten.“
Internationale Gemeinschaft muss handeln
Nicht nur brauche es eine konsequente Verurteilung von Verstößen gegen das Völkerrecht und der brutalen Gewalt, sondern auch und vor allem ein „koordiniertes, nachhaltiges und politisches Engagement der internationalen Gemeinschaft auf mehreren Ebenen“:
„Vor allem brauchen wir konkrete Maßnahmen zum Schutz der Zivilbevölkerung. Dazu gehört natürlich – aber nicht nur – ein sofortiger Waffenstillstand und ein sofortiges Ende der Angriffe auf Zivilisten. Außerdem brauchen wir eine massive Aufstockung der humanitären Finanzierung, insbesondere mit Fokus auf lokale Helfer, denn Finanzierungslücken zwingen derzeit zu unmöglichen Entscheidungen. Sie haben die Zahlen gehört, und die Regenzeit steht bevor. Das bedeutet, dass Straßen bald nicht mehr passierbar sind und Gemeinschaften, die bereits am Rande des Hungertods stehen, monatelang von Hilfe abgeschnitten sein werden. Ein weiterer wichtiger Punkt ist ein sicherer, schneller und nachhaltiger humanitärer Zugang. Das bedeutet, sicheren Zugang für Hilfskonvois und Personal zu gewährleisten und gleichzeitig alle Hindernisse zu beseitigen", so die abschließende Forderung von CARE mit Blick auf das Leid, das der Krieg seit April 2023 vor allem vulnerablen Bevölkerungsgruppen zufügt.
(vatican news)
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