Aus Angst vor iranischen Vergeltungsschlägen ist der Platz an der Klagemauer an diesem Montag menschenleer Aus Angst vor iranischen Vergeltungsschlägen ist der Platz an der Klagemauer an diesem Montag menschenleer 

Wie die Benediktiner in Jerusalem den Krieg erleben

Die Mönche der deutschsprachigen Benediktinerabtei Dormitio in Jerusalem wurden vom Ausbruch des Irankriegs völlig überrascht.

Das berichtet uns Abt Nikodemus Schnabel in einer Audio-Botschaft von diesem Dienstagmittag. Am Samstag, als Israel und die USA ihre Bombenflugzeuge aufsteigen ließen, befand sich die gesamte Gemeinschaft der Dormitio-Mönche im Priorat Tabgha am See Genezareth, 170 Kilometer von Jerusalem entfernt.

„Dort hatten wir seit Freitag Kapitelsitzungen; das ist sozusagen das Parlament der Mönche. Und die Stimmung dabei war schon ein bisschen hoffnungsvoll, denn seit dem Februar dieses Jahres hat man zum ersten Mal wieder Pilgergruppen aus West- und Mitteleuropa empfangen können. Das war ein Hoffnungsschimmer: Vielleicht klart der Himmel ja auf? Gerade für Christen ist der Tourismus sehr wichtig; sechzig Prozent der Christen, dieser kleinen Minderheit in Israel und Palästina, lebt vom Tourismus.“

Die zarte Hoffnung wurde jäh unterbrochen

Auch die Mönche vom Jerusalemer Zionsberg haben 24 lokale Mitarbeiter, wie Abt Nikodemus berichtet – vom Parkplatzwächter bis zum Verkäufer im Abteiladen. „Und eben am Freitag war der Tenor der Gespräche noch: Vielleicht schaffen wir es bald wieder, den Unterhalt und die Löhne und Gehälter unserer Angestellten selbst finanzieren zu können, wieder durch die Pilger? Diese, sage ich mal, zarte Hoffnung wurde am Samstag früh dann jäh unterbrochen. Während der Sitzung gab es Raketenalarm, und wir sind in den Luftschutzbunker gegangen.“

Zwei Stunden im Bunker: nicht nur die Mönche, sondern auch Mitarbeiter, Volontäre aus den USA und Hongkong, philippinische Schwestern, ein palästinensischer Busfahrer und eine französische Pilgergruppe, die gerade den Ort der wundersamen Brotvermehrung besuchte. Insgesamt etwa sechzig Personen.

  (Elias Ungermann)
Nikodemus Schnabel OSB berichtet aus Jerusalem - Radio Vatikan

Gebet und Gesang im Bunker

„Der Bunker ist zwar wirklich sehr, sehr sicher, und wir haben auch die Fenster richtig zugeriegelt, aber trotzdem konnte man die Abschüsse hören, und außerdem hat die Erde auch leicht gebebt. Also, man hat schon mitbekommen, was um einen herum geschieht. Wir haben dort im Bunker in verschiedenen Sprachen gesungen und gebetet, auch für die Menschen im Iran… Das war eine sehr intensive Erfahrung. Eine der Pilgerinnen hat ihren 19. Geburtstag gefeiert, hat dann wirklich auf allen vorhandenen Sprachen ein Geburtstagsständchen gesungen bekommen – also, das war (auch wenn das vielleicht komisch klingt) eine gute Erfahrung. Die Erfahrung, eine Gebetsgemeinschaft zu sein von Menschen, die sich nicht kennen, die aber diese gemeinsame Hoffnung und die gemeinsamen Wurzeln im Glauben haben. Und dann auch dieses Gebet für die anderen…“

Sorge um die anderen: Das ist es, was den Abt in diesen Tagen und Stunden vor allem umtreibt. Noch am Samstag ist er nach Jerusalem zurückgekehrt, wie die meisten seiner Mitbrüder auch; menschenleer seien die Straßen in der Heiligen Stadt gewesen. „In Jerusalem ist natürlich unser theologisches Studienjahr präsent, ergänzt durch Studenten und Studierende der muslimischen islamischen Theologie (wir haben nämlich muslimisch-christliche Werkwochen). Das heißt tatsächlich: In Jerusalem harren wir aus als eine interreligiöse Gemeinschaft von christlichen und islamischen Theologie-Studierenden aus Deutschland. Ja, auch das ist eine interessante Erfahrung.“

„Manchen Menschen würde ich gerne persönlich noch mal ein Aschenkreuz spenden...“

Nikodemus Schnabel will auch unter den neuerlich erschwerten Umständen in Jerusalem bleiben und durchhalten im Gebet. Auch die „Kraft der Psalmen“ sei jetzt wieder ganz anders spürbar, „wo menschliche Worte versagen“. „Wir haben alle unsere Gebete in unsere Krypta verlegt. Die Unterkirche, dort, wo der Sterbeort Mariens verortet wird, ist sehr gut geschützt. Während der sonntäglichen Eucharistiefeier haben wir mitbekommen, wie die ballistischen Raketen in der Nähe von Jerusalem eingeschlagen sind; man merkt dann schon, wie klein das Land ist.“

Bei den Fürbitten am Sonntag haben die Mönche der Dormitio-Abtei bewußt alle Betroffenen mit ins Gebet genommen – auch die „Täter“ und die Machthaber. „Manchen Menschen würde ich gerne persönlich noch mal ein Aschenkreuz spenden mit den gut biblischen Worten aus dem dritten Kapitel der Genesis: ‚Gedenke, Mensch, dass du Staub bist und zum Staub zurückkehren wirst‘. Weil manche das gerade in meinen Augen vergessen, diese Realität, dass sie sterbliche Wesen sind mit einem Ablaufdatum.“

Ungekürzt: Abt Nikodemus' Audio-Bericht für Radio Vatikan von diesem Dienstag

Krieg reißt einem die Maske runter

Als Seelsorger fühlt sich der Abt der Dormitio-Abtei jetzt „sehr stark gefordert“. „Krieg reißt einem die Maske runter, man steht sehr nackt da, und alle Schutzpanzer, die man sich im Alltag anlegt, die splittern. Dann steht man da – in seiner Sehnsuchthaftigkeit, in seinen Ängsten, in seinen Sorgen. Da merke ich dann, dass unsere Hauptberufung jetzt darin besteht, als Mönche da zu sein, zuzuhören, Trost zu spenden, mit den Menschen zu beten.“

Wie schon im letzten Krieg gegen den Iran im Jahr 2025 sei auch diesmal eine Arbeitsmigrantin von den Philippinen bei einem iranischen Vergeltungsschlag ums Leben gekommen. „Ich erahne das jetzt wieder: dass Tausende dieser Arbeitsmigranten – das sind vor allem Frauen aus den Philippinen, Indien, Sri Lanka, vor allem Katholikinnen, Geschwister im Glauben – nicht in die Schutzräume gehen, weil sie eben oft als Altenpflegerin, Krankenpflegerin für behinderte Menschen da sind und in diesen Momenten bei den ihnen anvertrauten Menschen bleiben. Das zeigt für mich diese Dreckigkeit und Schmutzigkeit des Krieges, weil eben diese unschuldigen Menschen, diese modernen Sklaven, mit dem Leben bezahlen.“

Gegen das Weichzeichnen

Es regt Nikodemus Schnabel auf, dass Krieg „so weichgezeichnet“ wird. „Wer vergessen wird, sind eben die Menschen, die genauso eine menschliche Biografie haben, die genauso nach dem Bild Gottes geschaffen sind, um die eben kein großes Tamtam gemacht wird und die jetzt mit ihrem Leben bezahlen.“ In weiten Teilen des Nahen Ostens, so betont er, leiden jetzt Menschen, werden Menschen traumatisiert. Der Krieg zerstöre Leben und mache die Welt keineswegs besser. „Ich fremdle sehr stark, wenn Leute jetzt jubeln oder die Nachrichten sozusagen rauschartig verfolgen: Das ist kein Fußballspiel, das ist kein Sportmatch, wo zwei Nationen gegeneinander antreten, sondern Krieg ist wirklich dreckig!“

An diesem Dienstagmittag sei die Polizei in der Dormitio-Abtei erschienen und habe die Schließung angeordnet. „Wir dürfen nicht weiter offen sein – was ich hart finde, denn es gibt ja immer noch Pilgergruppen im Land, die jetzt nicht rauskommen. Und wir waren dankbar, dass unsere Kirche offen war, unsere Cafeteria, unser Laden – dass wir als Mönche da waren. Wir waren wie eine Arche, ein Schutzkasten in diesem Ozean von Leid. Und jetzt können wir für die Menschen nur noch beten, als Hausgemeinschaft beten. Es schmerzt mich, dass wir nicht länger dieser Ort sein können, wo Menschen wissen: Hier können sie beten, durchschnaufen, hier sind sie auch sicher.“

(vatican news – sk)
 

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03. März 2026, 14:48