Moskaus Generalvikar: „Gerechter und dauerhafter Frieden" nötig
Angesichts „unzähliger verlorener Menschenleben“ sei die einzig denkbare Perspektive „ein gerechter und dauerhafter Frieden“, sagte Pater Kirill Gorbunov im Gespräch mit Vatican News am Freitag.
Unterschiedliche Reaktionen
Gefragt nach der Stimmungslage in der russischen Gesellschaft schilderte der Generalvikar der Erzdiözese der Mutter Gottes unterschiedliche Reaktionen. Manche Menschen verdrängten die Realität des Krieges. „Viele ziehen es vor zu sagen: Wir können nichts beeinflussen, also tun wir so, als ob nichts geschieht“, sagte Gorbunov. Die Hoffnung auf eine Rückkehr zur früheren Normalität sei jedoch „unmöglich“.
Andere wiederum würden von der Kriegswirklichkeit völlig vereinnahmt. „Sie verlieren die Hoffnung, sie verzweifeln“, sagte er. Zunehmend stelle sich die Frage nach Gottes Güte, wenn so viel Leid geschehe. Hier verweist der Priester auf die biblische Tradition: Wenn „das Maß der Ungerechtigkeit übervoll ist, muss sich etwas ändern“. Nicht nur Politiker, „sondern das Leben eines jeden Einzelnen“ sei zur Umkehr gerufen.
„Die Wahrheit ist auf unserer Seite“
Zur offiziellen Darstellung des Konflikts in Russland sagte Gorbunov, sie unterscheide sich kaum von jener in anderen beteiligten Ländern. Überall heiße es: „Die Wahrheit ist auf unserer Seite.“ Der jeweilige Gegner werde nicht nur politisch, sondern moralisch delegitimiert. „Die anderen sind schlechte Menschen, von einer schlechten Kultur“, fasste er zusammen. Diese Haltung gelte es zu überwinden.
Als bewegend schilderte er Begegnungen ukrainischer Frauen mit Papst Leo. Diese hätten gesagt, man könne „das russische Volk nicht pauschal beschuldigen“, da niemand wisse, wie er selbst unter denselben Informationsbedingungen reagieren würde. Genau hier beginne der Weg zum Frieden: „zu verstehen, dass Menschen durch das begrenzt sind, was sie sehen und wissen“.
Franziskus' Worte „prophetisch“
Beeindruckt zeigte sich Gorbunov von Äußerungen des früheren Papstes Franziskus, der bereits 2014 von einem „Dritten Weltkrieg in Stücken“ gesprochen habe. Diese Worte seien für viele damals befremdlich gewesen, hätten sich aber als „prophetisch“ erwiesen.
Für die katholischen Gemeinden in Russland bleibe das kirchliche Leben trotz allem zentral. „Die Sakramente, das gemeinsame Gebet, die Liturgie - das geht weiter.“ Zugleich wachse das Bewusstsein für die Bedeutung der Einheit. Bewaffnete Konflikte seien auch eine Quelle innerkirchlicher Spaltung. Entscheidend sei, „trotz unterschiedlicher Weltanschauungen gemeinsam zu beten" und darauf zu vertrauen, dass "Gottes Liebe größer ist als das, was uns trennt“.
Die katholische Kirche sei in Russland eine sehr kleine Minderheit, betonte Gorbunov. „Wir sind weniger als ein Prozent der Bevölkerung, und die Zahl der praktizierenden Katholiken ist noch geringer.“ Historisch werde die Kirche häufig als „Kirche der Ausländer“ wahrgenommen. Für viele Gläubige sei es daher eine Herausforderung, „Menschen der russischen Kultur und Sprache zu sein und zugleich zur weltweiten katholischen Kirche zu gehören“.
Interview: Jean-Charles Putzolu, Vatican News
(vatican news – pr)
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