Libanon: Angriffe verursachen Flüchtlingswelle
Giada Aquilino und Christine Seuss - Vatikanstadt
„Es gab gerade eine Explosion nicht weit von hier. Ich weiß nicht genau, wo“, berichtet uns der Jesuit, den wir am Mittwochmorgen telefonisch erreichten. „In den letzten Nächten – eigentlich seit Sonntagabend, Montagmorgen – hat es eine Eskalation des Konflikts gegeben. Seitdem hören wir schwere und bedeutende Angriffe, vor allem im Süden hier und in einigen Gebieten im Süden Beiruts. Aber selbst hier in Aschrafiyya (ein Stadtteil von Beirut, Anm.) hören wir sie.“
Flüchtlingswelle
Zwar habe man noch keine offiziellen Zahlen durch die Internationale Organisation für Migration (IOM) vorliegen, doch was man sehe, lasse auf eine Zahl von mehreren hunderttausend Flüchtlingen schließen, die aus dem Südlibanon und aus dem Süden Beiruts vertrieben würden und zahlreich in die Hauptstadt strömten, so der US-Amerikaner, dessen Regionalbüro im Irak und im Libanon, in Jordanien und in Syrien tätig ist.
Zwar habe die Regierung Notunterkünfte eröffnet, darunter allein 300 öffentliche Schulen, die für diesen Zweck zur Verfügung gestellt wurden. Doch seien diese, gesicherten Informationen zufolge, bereits alle „vollständig belegt“, berichtet Corrou.
„Unsere Kirche hier im Zentrum von Beirut sowie einige andere Orte haben wir bereits im vorherigen Krieg 2024 als Unterkünfte für Migranten geöffnet. Also für Menschen von den Philippinen, aus Äthiopien, dem Sudan, Südsudan, Jemen, Eritrea, Sierra Leone, Nigeria, die nicht in die staatlichen Notunterkünfte aufgenommen wurden.“
Nicht-Libanesen haben es noch schwerer
Auch in der aktuellen Notlage seien diese Räumlichkeiten wieder aktiviert worden, doch einige Hilfesuchende mussten bereits an andere Stellen weitervermittelt werden, die speziell mit Migranten arbeiteten. Es entspreche zwar nicht der offiziellen Politik, dass Nicht-Libanesen nicht in die staatlichen Unterkünfte gelassen würden – doch in der Praxis sehe es anders aus, räumt der Jesuit ein.
„Die Mehrheit der hunderttausenden Vertriebenen sind Libanesen. Sie lebten im Südlibanon oder im Süden Beiruts. Aber es gibt auch andere. Wir hören – das ist alles noch sehr neu –, dass es lange Schlangen von Syrern an der Grenze gibt, die nach Syrien gehen. Syrer scheinen sich also nicht innerhalb des Libanon zu bewegen, sondern nach Syrien zurückzugehen. Aber die Zahlen sind unklar.“
Diese Meldungen spiegelten auch die Realität wieder, der sich der JRS gegenübersieht: vor allem Nicht-Libanesen klopften an dessen Pforten. Bei den Hilfesuchenden handele es sich meist um Afrikaner oder Menschen aus asiatischen Ländern:
„Sie sind entweder als Arbeitsmigranten hier, als Hausangestellte, oder sie sind Flüchtlinge, aber nicht aus Syrien – meist aus dem Sudan oder aus dem Jemen.“
Angriffe und Evakuierungsbefehle
Sie flöhen, weil es konkrete Angriffe auf die Gebiete gebe, in denen sie lebten – aber auch, weil sie Evakuierungsbefehle erhielten. So seien in den vergangenen Tagen bereits über 50 Städte und Dörfer im Südlibanon zur Evakuierung aufgefordert worden:
„Die israelischen Verteidigungskräfte veröffentlichen Mitteilungen auf ihren Social-Media-Kanälen, sowohl auf Arabisch als auch auf Englisch. Diese werden sofort über soziale Medien weiterverbreitet. Sobald es öffentlich ist, wird es überall geteilt. In unseren Gemeinschaften und unter den Libanesen weiß sofort jeder Bescheid“, erklärt der Jesuit die übliche Vorgehensweise. Zahlreiche Menschen seien geflohen, nachdem die israelische Armee jüngst eine Karte mit 53 Ortschaften veröffentlicht hatte, die angegriffen werden sollten. Um der aktuellen Situation zu begegnen, seien auch die Aktivitäten des JRS angepasst worden.
„Normalerweise bestehen unsere Programme aus Bildungsangeboten, die sich am staatlichen Schulbetrieb orientieren. Da die staatlichen Schulen in den letzten zwei Tagen geschlossen waren, sind auch unsere Bildungsprogramme ausgesetzt. Unsere Programme für psychische Gesundheit und psychosoziale Unterstützung haben wir jedoch fortgeführt. Wir haben sie von traditionellen Modellen auf eine Notfallreaktion umgestellt und Mitarbeitende aus den Bildungszentren in die neu eröffneten Migrantenunterkünfte versetzt.“
Ähnliche Situation wie 2024
In der Eskalation des Krieges zu arbeiten, sei natürlich „nicht normal“, räumt P. Corrou ein. Die Situation ähnele allerdings derjenigen von September bis November 2024, im letzten Krieg zwischen Israel und der Hisbollah:
„Wir haben die Bildungsprogramme ausgesetzt und uns auf psychische Gesundheit, psychosoziale Unterstützung und Unterkünfte für Migranten konzentriert. Unsere Reaktion ist diesmal fast identisch. Die Bildungsprogramme sind aus Sicherheitsgründen ausgesetzt, wir führen die Programme für psychische Gesundheit fort und betreiben die Migrantenunterkünfte.“
Das dringendste Bedürfnis der Bevölkerung sei es derzeit, eine sichere Unterkunft zu finden – keine Selbstverständlichkeit angesichts der Tatsache, dass alle staatlichen Unterkünfte derzeit vollständig belegt seien, berichtet der Jesuit weiter:
„Wir versuchen täglich, Menschen dorthin zu vermitteln. Es gibt nicht genug Plätze. Die unmittelbaren Bedürfnisse sind sichere Unterbringung, sanitäre Versorgung und Nahrung. Aber das Wichtigste ist, dass der Konflikt endet. Die libanesische Bevölkerung will das nicht. Es ist nicht gut für die Menschen hier und nicht gut für die Region. Die größte Bitte ist daher, dass Diplomatie wieder Vorrang bekommt, dass die Gewalt aufhört und politische Führungspersönlichkeiten die Bedürfnisse ihrer Bevölkerung ernst nehmen.“
Unsichere Lage
Viele Menschen hegten große Hoffnung, in ihre Häuser zurückzukehren. Doch momentan stünden die Zeichen nicht darauf, in den Südlibanon zurückzukehren:
„Es gibt Befürchtungen hinsichtlich der Bewegungen der israelischen Armee im Südlibanon und möglicher Besatzung. Aber die Menschen wollen zurück. Die Libanesen lieben ihr Land. Sie wollen in Frieden auf ihrem Land leben, gemeinsam in der Vielfalt, die den Libanon ausmacht. Sie möchten zu hundert Prozent zurückkehren. Doch sie müssen sicher sein können, um zurückzukehren. Auch die Arbeitsmigranten möchten nichts sehnlicher, als wieder arbeiten zu können und in ihre bisherigen Unterkünfte zurückzukehren, um für ihre Familien sorgen zu können. Aber im Moment sind auch sie vertrieben.“
Die Appelle und das Gebet des Papstes für Frieden im Nahen Osten seien weithin gut aufgenommen worden, erzählt P. Corrou. „Wir beten weiterhin mit Leo. Er kennt die Situation hier gut, da er erst vor wenigen Monaten hier war. Er hat viel für den Libanon und seine Bevölkerung getan. Seine Worte haben Gewicht in den internationalen Beziehungen und wir sind sehr dankbar dafür. Wir hoffen, dass die politischen Führungskräfte in diesem Krieg auf diese Worte hören.“
Menschen wollen Frieden und Stabilität
Ein Ende der Gewalt und die Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen mit offenen Verhandlungen über die zukünftigen Beziehungen zwischen den Ländern: Das wünscht sich Pater Corrou von den Weltenlenkern:
„Dass die politischen Führungspersönlichkeiten die Bedürfnisse ihrer Bevölkerung ernst nehmen. Diese Bedürfnisse sind Frieden und Stabilität. Die Menschen wollen für ihre Familien sorgen, einander unterstützen, die Zivilgesellschaft aufbauen und die religiöse und ethnische Vielfalt dieser Region genießen. Doch dafür brauchen sie Frieden und Stabilität.“
(vatican news)
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