Ukraine: Sophienkathedrale als Leuchtturm der Hoffnung
Svitlana Dukhovych - Vatikanstadt
Bei einer persönlichen Begegnung mit Papst Leo XIV. im Anschluss an die Generalaudienz in der Audienzhalle am Mittwoch überreichte Kukovalska dem Kirchenoberhaupt ein Faksimile des Gebetbuches von Wolodymyr dem Großen. Es war ein Geschenk mit klarer Botschaft: Die Wurzeln der Ukraine sind mit dem Christentum und der europäischen Geschichte verwoben.
„Santa Sofia ist unsere gesamte Geschichte“
Rückblickend auf den Beginn der russischen Invasion schildert Kukovalska einen Moment blanken Entsetzens: „In der ersten Kriegswoche erhielt ich einen Anruf von Regierungsbehörden, die mich vor einem möglichen russischen Angriff auf das Gebäude der heiligen Sofia warnten.“ Die Reaktion war unmittelbar: Briefe und Appelle an Kollegen weltweit lösten eine Welle der internationalen Solidarität aus.
Für Kukovalska ist die Kathedrale kein bloßes Museum: „Sie ist das Zentrum unserer Spiritualität, unserer Staatlichkeit, der Wissenschaft und Kultur. Unsere gesamte Geschichte ist Santa Sofia. Sie ist ein Symbol der ukrainischen Nation.“
Widerstand durch Normalität
Trotz der Gefahr – im Oktober 2022 schlugen Raketen weniger als einen Kilometer entfernt ein – kehrten fast alle der 240 Mitarbeiter zurück, um das Heiligtum zu schützen. „Von 240 Angestellten sind nur zwei im Ausland geblieben“, erzählt die Direktorin stolz. Man habe die verletzlichsten Teile mit Sandsäcken verstärkt und das Angebot für die Bürger von Kyiv und Binnengeflüchtete sogar erweitert.
Angesichts des Ausbleibens von Touristen aus dem Ausland wurde die Kathedrale zu einem beliebten Besuchsziel für ausländische Delegationen. Kukovalska nutzt die Besuche von Staatschefs, um mit russischen Geschichtsklischees aufzuräumen: „Wir erzählen ihnen die authentische Geschichte. Die Ukraine war eine Großmacht und eng mit Europa verbunden. Wir gehen nicht erst nach Europa – wir kehren formal nach Hause zurück!“
Zentrum der Ökumene und Einheit
Ein besonderes Anliegen der Direktorin ist eine überkonfessionelle Anziehungskraft des Ortes. Seit Beginn des Krieges sei die Sophienkathedrale zu einem Zentrum der Einheit geworden. Es finden zahlreiche Gebete für die Ukraine statt. Vertreter aller christlichen Konfessionen kommen hier regelmäßig zusammen. Die Kirche ist das Zentrum der Militärseelsorge: Orthodoxe, katholische und protestantische Militärkapläne schließen hier ihre Ausbildung ab. Und die Kirche bietet auch Raum für die Diplomatie. Präsident Wolodymyr Selenskyj hat eine alte Tradition aus der Zeit Jaroslaws des Weisen wiederbelebt: Die Übergabe von Beglaubigungsschreiben neuer Botschafter findet nun wieder in der Kathedrale statt.
Spuren in den Mauern: Die Botschaft der Graffiti
Wissenschaftlich bietet Santa Sofia immer wieder Überraschungen. Über 7.500 Zeichnungen – von Gebeten bis hin zu Kinderzeichnungen aus dem 11. Jahrhundert – zeugen von der lebendigen Geschichte. Besonders eindrucksvoll sind die Spuren der Töchter Jaroslaws des Weisen, die später Königinnen in Frankreich, Norwegen und Ungarn wurden. „Als ich Präsident Macron den Namen ‚Ana‘ zeigte, den Anna von Kyiv selbst in die Wand geritzt hatte, war er fasziniert“, erinnert sich Kukovalska.
In Zeiten, in denen das kulturelle Erbe der Ukraine gezielt angegriffen wird, bleibt die Sophienkathedrale ein wichtiger Zeuge. „Ich arbeite seit 25 Jahren in diesem Bereich“, schließt Kukovalska, „aber nie zuvor habe ich so stark gespürt, wie essenziell der Schutz unseres Erbes für unsere Zukunft ist.“
(vatican news - mg)
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