Ukraine: „Die Hoffnung ist stärker“
Svitlana Dukhovych – Vatikanstadt
Vier Jahre voller Schmerz, Tod und Zerstörung. Während die Friedensverhandlungen in einer Sackgasse stecken, hat die Ukraine mit einer verheerenden humanitären Lage zu kämpfen. Rund 2,5 Millionen Kinder, so UNICEF, „sind zunehmend gefährdet, gefangen oder vertrieben im Land, auf der Flucht oder als Flüchtlinge in den Aufnahmeländern. Als Opfer von Gewalt und Zerstörung, Traumata und schweren Verlusten wurden sie ihrer Kindheit beraubt: Jedes dritte Kind ist innerhalb des Landes vertrieben oder im Ausland geflohen, jeder vierte Jugendliche verliert die Hoffnung auf eine Zukunft in der Ukraine, vier von zehn Kindern leben in Armut, die im Vergleich zu 2021 um 70 % zugenommen hat”.
Das Exarchat Donezk der griechisch-katholischen Kirche der Ukraine umfasst das Gebiet der ukrainischen Regionen Donezk, Saporischschja, Dnipropetrowsk und Luhansk. Einige dieser Gebiete wurden bereits 2014 von den russischen Invasoren besetzt. Aus diesem Grund wurde der Sitz des Exarchats nach Saporischschja verlegt. Doch wie der Exarch, der griechisch-katholische Bischof Maksym Ryabukha, uns erklärt, „sind der Traum und die Hoffnung auf den Sieg über das Böse stärker als alle Ängste und Mühen, die wir derzeit erleben“.
Interview
Wie ist die humanitäre Lage in Ihrem Exarchat? Wo ist es am schwierigsten?
„Die humanitäre Lage in unserem Exarchat Donezk ist in der Tat sehr schwierig. Dieser Winter war einer der schlimmsten seit Beginn des Krieges, der in unserem Gebiet schon 2014 begonnen hat. Wir haben eine äußerst dramatische Situation erlebt, als die Russen die Energieinfrastruktur bombardiert haben und es in unserem Gebiet mehr als zwanzig Stunden am Tag zu Stromausfällen kam. In den Dörfern, wo man normalerweise auch mit Holzöfen heizt, ist es etwas einfacher. Am schwierigsten war die Lage in den Städten, wo Stromausfall in vielen mehrstöckigen Gebäuden auch einen Ausfall der Heizung, der Wasserversorgung und anderer Lebensgrundlagen bedeutet hat. Es muss jedoch gesagt werden, dass die Behörden alles tun, um die Folgen dieser Angriffe zu bewältigen. Die Techniker tun wirklich das Unmögliche, um für unsere Bürger wieder normale Lebensbedingungen herzustellen.“
Wie versuchen Sie, den Menschen humanitäre Hilfe zu leisten? Haben Sie dafür überhaupt ausreichende Ressourcen?
„Wir versuchen, auf verschiedene Weise Hilfe zu leisten. Die Universalität der Kirche bringt es mit sich, dass wir viele Freunde haben, die außerhalb unserer Realität stehen, uns aber dennoch mit ihren Gedanken, ihren Gebeten und auch mit konkreten Taten der Unterstützung und Hilfe nahe sind. Es gibt verschiedene Organisationen, die uns zum Beispiel helfen, Benzin für die Generatoren zu kaufen. Unterstützer haben uns Generatoren geschickt, die wir dann an Menschen in unseren Pfarreien verteilen konnten. Einige dieser Generatoren verwenden wir auch für unsere Aktivitäten in Kindertagesstätten, Katechismusschulen und so weiter. Alle Räumlichkeiten unserer Kirchen sind in dieser sehr schwierigen Zeit zu Orten der Erholung, der Hoffnung und des Überlebens geworden.
Neben den Pfarrgemeinden, die vor Ort alles tun, was sie können, haben wir auch ein Netzwerk der Caritas. In unserem Exarchat Donezk gibt es sieben große Caritas-Zentren, die in verschiedenen Städten und Dörfern Unterstützung anbieten.“
Gibt es viele Menschen, die in den letzten Monaten die Städte und Dörfer in dem Gebiet verlassen haben, in dem sich Ihr Exarchat befindet?
„Wenn man die Bewegungen in den Städten und Dörfern beobachtet, kann man bisher kaum von einer großen Abwanderung sprechen. In Saporischschja beispielsweise geht das Leben ganz normal weiter. Einige Menschen verlassen die Städte, vor allem die Bewohner der Dörfer, die näher an der Front in der Region Donezk liegen. Dort gibt es sehr viele Familien, die nach und nach ihre Dörfer verlassen, um sicherere Orte zu suchen. Tatsächlich sind diese Bewegungen und Umsiedlungen jedoch eher normal, denn die Menschen kommen und gehen: Sobald sich die Lage etwas beruhigt hat, kehren viele Familien wieder in ihre Dörfer und Städte zurück.“
Wie läuft die Seelsorge ab? Wie gehen die Priester und Geistlichen mit diesen ernsten Herausforderungen um?
„Glücklicherweise können wir die Seelsorge trotz allemwie gewohnt ausüben. Trotz des Krieges und all der Herausforderungen, denen wir gegenüberstehen, versuchen unsere Priester und Gläubigen stets, Menschen des aktiven Gebets, der Nähe und der Geschwisterlichkeit untereinander zu sein. Die Sonntagsgebete und täglichen Messen werden regelmäßig gefeiert, wo es die Situation zulässt, denn mit dem Vorrücken der Front verlieren wir leider einige Pfarreien. Wo es jedoch möglich ist, beten die Menschen weiter. Daneben gibt es noch andere Aktivitäten, etwa Katechesen für Kinder, Jugendliche und Familien. Es gibt auch verschiedene Fortbildungsangebote.“
Sie besuchen oft die Pfarreien des Exarchats und treffen Menschen jeden Alters, auch junge Menschen. Worüber sprechen die Jugendlichen mit Ihnen?
„Diese Besuche in den Pfarreien sind Momente, in denen wir uns wie eine große Familie zusammenfinden. Oft fragen mich die Menschen: ‚Wie wird es weitergehen? Was erwartet uns?‘ Gleichzeitig teilen sie aber auch ihre Hoffnung mit mir. Sie sagen, dass Gott uns doch nicht ins Leben rufen konnte, ohne darüber nachgedacht zu haben, wie er uns unterstützen und helfen kann. Wenn ich mit jungen Menschen spreche, erzählen sie mir viel über den Sinn des Lebens, über den Sinn ihrer Hoffnung. Sie teilen ihre Träume mit mir und bitten mich um Rat, wie sie weitermachen sollen, wie sie sich in dieser so unruhigen Welt orientieren können, ohne dabei das zu verraten, was sie in ihrem Herzen fühlen. Es bewegt mich, diese jungen Menschen zu sehen, die Träume und einen sehr tiefen und klaren Sinn im Leben haben. Hier, in einem Kriegsgebiet, begegne ich vielen jungen Menschen, die den Mut zum Leben haben, die Träume verwirklichen wollen und eine Zukunftsvision haben, die auch denen Mut macht, die ihnen zuhören und sich als Teil ihres Lebens fühlen.“
Was bewegt Sie vor allem an diesem traurigen vierten Jahrestag des groß angelegten Krieges?
„Der Gedanke, dass Gott sein Volk nicht im Stich lässt. Das Böse manifestiert sich mit großer Kraft, und tatsächlich ist die Sünde, die es dem Bösen ermöglicht, im Leben der Menschen zu wirken, sehr mächtig. Doch trotz des immensen Hasses des Angreifers auf das ukrainische Volk sehen wir, dass Gott uns nicht im Stich lässt. Ich denke zum Beispiel an Saporischschja: Bereits im Oktober 2023 sagten viele: ‚Die Russen werden morgen oder übermorgen die ganze Stadt zerstören, dann wird alles weggefegt‘. Doch jetzt haben wir Februar 2026, und das Leben in der Stadt geht weiter. Es gibt unzählige Lebensgeschichten, die sich trotz des Krieges hier verwirklichen. Ich glaube, dass nichts Gott daran hindern kann, das Herz des Menschen zu bekehren. Alle unsere Gebete gehen in diese Richtung, denn die Bekehrung des Menschen bringt Leben und Frieden. Manchmal denke ich, dass nur wenige von uns glauben, dass Gott die Kraft hat, dieses Übel zu besiegen. Und doch sind der Traum und die Hoffnung auf den Sieg über das Böse stärker als alle Ängste und Mühen, die wir erleben.“
(vatican news – sk)
Danke, dass Sie diesen Artikel gelesen haben. Wenn Sie auf dem Laufenden bleiben wollen, können Sie hier unseren Newsletter bestellen.