Kardinal Bo: Myanmar kämpft gegen das Vergessen und die Verzweiflung
Deborah Castellano Lubov und Mario Galgano - Vatikanstadt
Während die internationale Aufmerksamkeit schwindet, beschreibt der Kardinal den Zustand der Nation als eine „gekreuzigte Hoffnung“. Myanmar sei heute ein Schauplatz multipler Katastrophen, sagt Bo und zählt auf: Eine Wirtschaftskrise mit explodierenden Preisen trifft auf einen sozialen Kollaps, über 3,5 Millionen Menschen sind im eigenen Land auf der Flucht, die Jugend flieht in Scharen ins Ausland. Besonders dramatisch ist die Lage im Punkt Bildung: „Eine ganze Generation hat mittlerweile fünf Jahre Schulbildung verloren“, klagt Kardinal Bo.
Eine Jugend ohne Sicherheit
Für die jungen Menschen in Myanmar ist der Alltag von permanenter Unsicherheit und psychischem Druck geprägt. Die Angst vor Gewalt, wirtschaftlicher Instabilität und der drohenden Zwangsrekrutierung durch das Militär ist allgegenwärtig. „Sehr wenige erleben noch so etwas wie Normalität“, so der Erzbischof. Umfragen zeigten einen drastischen Anstieg von Wut, Angst und emotionaler Not im Vergleich zu den Jahren vor dem Putsch.
Doch der Kardinal warnt davor, die Jugend nur als Opfer zu sehen. Er beobachte eine enorme Resilienz: Trotz widrigster Umstände investierten viele in digitale Bildung und neue Fähigkeiten, um sich selbst eine Zukunft zu erkämpfen. Gleichzeitig berge die digitale Welt Gefahren wie Hassrede und Desinformation, die den sozialen Zusammenhalt weiter untergraben.
Die Gegenwart Gottes im Leid
Trotz des Gefühls, von der Weltgemeinschaft im Stich gelassen worden zu sein, hält Kardinal Bo an einer christlichen Hoffnung fest. „Das ist kein naiver Optimismus“, stellt er klar. „Es ist eine christliche Hoffnung, die aus dem Kreuz und der Auferstehung geboren wird.“ Die Menschen in Myanmar hätten zwar Sicherheit, Existenzgrundlagen und Stabilität verloren, aber nicht die Gegenwart Gottes.
Diese Gegenwart werde sichtbar in den Flüchtlingslagern, im Schweigen der ausharrenden Familien und im Dienst der Katecheten und Ordensleute. „Familien teilen das Wenige, das sie haben. Sie beten weiterhin gemeinsam“, berichtet Bo. Diese kleinen Gesten seien „evangelische Zeichen“, vergleichbar mit dem Senfkorn aus dem Gleichnis.
Die Rolle der Kirche als „Sakrament der Hoffnung“
Die Kirche in Myanmar sieht ihre Aufgabe darin, als Vermittlerin und Ort der Versöhnung zu fungieren. Durch die Ablehnung von Hass und Gewalt versuche sie, ein „Sakrament der Hoffnung“ zu sein. Ökumenische und interreligiöse Initiativen bringen Christen, Buddhisten, Muslime und Hindus zusammen, um gemeinsam für den Frieden zu beten und Modelle des Zusammenlebens zu entwickeln.
Kardinal Bo betonte zudem, dass Myanmar keineswegs vom Heiligen Stuhl vergessen wurde. Der Papst sei „zutiefst besorgt“ und bringe dies durch wiederholte Appelle für Frieden, Dialog und humanitären Zugang zum Ausdruck. Auch wenn politische Lösungen komplex und langsam seien, gebe es eine echte Aufmerksamkeit aus Rom.
„Wir hoffen nicht, weil die Situation einfach ist, sondern weil Gott treu ist“, schließt der Kardinal. Die Hoffnung aufzugeben hieße, die Zukunft der Gewalt und der Verzweiflung zu überlassen.
(vatican news)
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